DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

ECTRIMS 2013 – Neues zu Forschung und Therapie für Multiple Sklerose

MS-Therapien in der Pipeline, Neuroprotektion, toxische Faktoren: Das diesjährige ECTRIMS-Treffen (European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis) zog nahezu 8000 Teilnehmer aus aller Welt nach Kopenhagen, Dänemark.Der DMSG-Bundesverband berichtet in einer Serie über die interessantesten Ergebnisse aus den mehr als 1000 Präsentationen–der erste Teil widmet sich dem Themenbereich "Die Erkrankung aufhalten”.


Die Erkrankung aufhalten – Therapien


In der Eröffnungsvorlesung diskutierte Dr. Giancarlo Comi von der Universität Mailand die wachsende Bedeutung einer frühen Therapie mit krankheitsmodifizierenden Medikamenten dahingehend, dass diese nachweislich zur Verhinderung späterer Schäden beitragen kann. Er wies daraufhin, dass eine frühestmögliche Diagnose einen schnellen Therapiebeginn und damit bessere Ergebnisse für MS-Erkrankte bedeuten kann. (Abstract 81)

Etablierte Therapien

Es gab zahlreiche Berichte, die die Wirksamkeit vieler bereits erprobter Therapien bei schubförmiger MS unterstützten. Erste Ergebnisse gab es darüber hinaus von einer internationalen Phase III Studie (TOPIC) mit oralem Teriflunomid (Aubagio®) bei Patienten mit einem ersten neurologischen Ereignis – einem so genannten CIS. Dieses führt oftmals, allerdings nicht immer, zu einer später klinisch bestätigten Multiplen Sklerose. Im Vergleich mit Placebo kam es unter einer Therapie mit 14mg Teriflunomid, einmal täglich eingenommen, zu einer Reduktion des Risikos, nach einem CIS auch eine klinisch definierte MS zu entwickeln, um 42,6% und zu einer Reduktion des Risikos, einen weiteren Schub oder eine neue im MRT sichtbare Läsion zu entwickeln, um 35%. Die häufigsten Nebenwirkungen waren erhöhte Leberwerte, Kopfschmerzen, Ausdünnung der Haare, Durchfall und Parästhesien (brennende oder kribbelnde Missempfindungen). (Abstract 99)

Therapien in der Pipeline

Zahlreiche Präsentationen beschäftigten sich mit den neuen Therapien, die in der Entwicklung sind und schauten insbesondere nach weiteren Möglichkeiten, Daten aus abgeschlossenen Studien oder solchen, die in eine Verlängerung übergegangen sind, zu analysieren. Dieses traf u.a. zu auf Alemtuzumab, Peginterferon beta-1a, Laquinimod, Ocrelizumab und Daclizumab.

Neuroprotektion (Schutz der Nervenzellen)

Das Thema Neuroprotektion spielte eine große Rolle auf dem Kongress. Einer von vielen Ansätzen dazu ist es, Therapien, die es bereits z.B. für andere Erkrankungen gibt, hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, die Nervenzellen zu schützen, zu untersuchen. Enttäuschend verlief allerdings eine kleine Studie, die das Medikament Riluzol; das für die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) angewendet wird, bei MS zu testen. (Abstract 234)

Weitere Studien zum Thema Neuroprotektion werden derzeit durchgeführt.


Die Erkrankung aufhalten – Zerstörungen durch MS besser verstehen


Es gab zahlreiche Berichte über Fortschritte im Verständnis der dem Myelinabbau und den Nervenschäden zugrundeliegenden Vorgänge bei MS.

Unterschiede in der ethnischen Herkunft

Dr. D. Kimbrough und Kollegen aus den USA untersuchten den Gesundheitszustand der Augen bei 698 MS-Erkrankten und 137 Personen, die keine MS hatten. Zu Beginn der Untersuchungen war bei den gesunden Kontrollen die Schichtdicke der Nervenfasern im Augenhintergrund bei denjenigen Personen dicker, die afrikanischer Abstammung waren. Bei den MS-Erkrankten dagegen gab es zu Beginn der Untersuchungen keinen Unterschied zwischen dunkel- und hellhäutigen Probanden. Im Verlauf der Untersuchung (6 Monate bis zu 3,5 Jahren) zeigte sich, dass sich die Schicht der Nervenfasern bei denjenigen schneller ausdünnte, die afrikanischer Abstammung waren, als bei denen, deren Ursprung einmal in Europa war (man spricht hier von ‚kaukasischer‘ Abstammung). Es gab auch einen höheren Grad an Sehverlust bei "Afrikanern", die zu Beginn der Erkrankung eine Sehnervenentzündung hatten als bei den "Kaukasiern". Dieses fügt bisherigen Ergebnissen wieder ein Mosaiksteinchen dahingehend zu, dass die MS bei Amerikanern afrikanischer Herkunft häufig aggressiver verläuft. (Abstract 60)

MS Läsionen

Dr. Bruce Trapp von der Cleveland Clinic konnte zeigen, dass neue, frische MS-Läsionen viel besser auf natürlichem Wege repariert werden können als ältere (chronische). Gezeigt werden konnte auch, dass Zellen, die für die Neubildung von Myelin verantwortlich sind, zwar in älteren Läsionen vorhanden, dort aber blockiert sind. Das Team fand Läsionen, die sich über zwei unterschiedliche Bereiche des Gehirns – die weiße und die graue Substanz – erstreckten. Bei chronischen Läsionen in der weißen Substanz (die viel Myelin enthält und deren Läsionen im MRT sichtbar sind) fand keine Remyelinisierung statt. Jedoch chronische Läsionen in der grauen Substanz (wo es weniger Myelin gibt und Läsionen nicht so leicht zu erkennen sind) zeigten eine stabile Remyelinisierung – sogar bei MS-Erkrankten, die bereits 70 Jahre und älter waren. Dr. Ranjan Dutta und andere aus dem Team vergleichen nun die Unterschiede in den beiden Regionen auf einer molekularen Ebene um herauszufinden, wie man die Zellen in der weißen Substanz dazu bringen kann, so wie die in der grauen Substanz zu remyelinisieren. (Abstract 218)

"Energiekrise"

Es gibt wachsende Hinweise darauf, dass die Mitochondrien, die winzigen Energieproduzenten der Zellen, bei der Zerstörung der Nervenzellen bei MS eine Rolle spielen. Dr. Martin Kerschensteiner von der Ludwig-Maximilians-Universität in München zeigte sehr interessante Bilder zur Bewegung und "Wanderung” bestimmter Stoffe und von Mitochondrien in lebenden Nervenzellen. Er zeigte auch, wie diese Bewegungen blockiert werden können. Mit dieser Technologie kann das Team verfolgen, wie Nervenzellen bei MS geschädigt werden. Die Arbeiten stellen eine Basis dafür dar, einen zielgerichteteren Ansatz für eine Verhinderung der Zerstörung von Nervenzellen bei MS zu finden. (Abstract 83)

Toxische Faktoren

Gegenwärtige Forschungen beschäftigen sich mit einer bislang nicht vermuteten Rolle der B-Zellen im Immunsystem, die diese bei der Krankheitsaktivität der MS spielen. Klinische Studien zu Therapien, die die B-Zellen zum Ziel haben (wie z.B. Ocrelizumab) laufen derzeit. Dr. Robert Lisak (Detroit) und Dr. Amit Bar-Or (Montreal) und ihr Team suchten in Laborversuchen danach, ob diese Zellen Substanze freisetzen, die für Nervenzellen schädlich sein könnten. Sie entnahmen B-Zellen aus dem Blut von 7 Patienten mit schubförmiger MS und 8 Personen ohne MS und ließen diese in Laborschalen wachsen. Danach sammelten sie die Flüssigkeit, in der die Zellen sich vermehrt hatten, verdünnten sie und brachten sie mit Nervenzellen zusammen. Sie fanden, dass die Produkte der B-Zellen von MS-Erkrankten beträchtlich toxischer ("giftiger") für die Nervenzellen waren als die der gesunden Kontrollpersonen. Dies trägt zu der Auffassung bei, dass B-Zellen wichtige Akteure bei der Zerstörung des Nervensystems bei MS sind. (Abstract P816)

Eisenablagerungen

In früheren Studien ist gezeigt worden, dass in einigen MS-Läsionen Ablagerungen von Eisen zu finden sind – deren Herkunft und Rolle blieben bisher unklar. Eisen spielt bei der Funktion von Zellen eine Rolle und wird freigesetzt, wenn Zellen absterben oder zerstört werden. Dr. S. Hametner und Dr. Hans Lassmann von der Medizinischen Universität Wien und Teammitglieder in Österreich und Deutschland berichteten, dass bei der MS Eisen von den myelinbildenden Zellen freigesetzt wird, die infolge der Immunangriffe bei MS absterben. Dieses freigesetzte Eisen wird von anderen Hirnzellen aufgenommen die wiederum einen Zellabbau durch so genannten ‚oxidativen Stress‘ verursachen. Diese Erkenntnisse unterstützen die Vorstellung, dass durch die Zerstörung myelinbildender Zellen während der ersten "Wellen” der MS-bedingten Angriffe auf das Nervensystem Substanzen, einschließlich Eisen, freigesetzt werden, die ihrerseits dann die stärker progressive und neurodegenerative Phase der MS einleiten. (Abstract 50)

Interessierte Leser können die ECTRIMS-Website besuchen und hier die wissenschaftlichen Abstracts der Präsentationen nachlesen. Mehr

Quelle: Research News NMSS, USA - Oktober 2013

- 29.10.2013