DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Klinische Forschung: Freiheit von Krankheitsaktivität als neue Kenngröße für die Beurteilung der Wirksamkeit von neuen Therapien der Multiplen Sklerose

Die Wirksamkeit neuer MS-Medikamente macht es möglich: Bei der Beschreibung der Behandlungseffekte wird zunehmend eine neue Kenngröße, die sogenannte freedom from disease activity (Freiheit von Krankheitsaktivität) genutzt-damit wird der Anteil der Patienten beschrieben, die für die Dauer der Behandlung weder klinisch (Schübe, Krankheitsprogression) noch bildgebend (neue Herde in der Kernspintomographie) Veränderungen aufweisen.

Die Multiple Sklerose ist eine chronische immunvermittelte Erkrankung des Gehirns und des Rückenmarks. Trotz intensiver Forschungsbemühungen bleibt bislang offen, weshalb sich die Entzündungsreaktion ausbildet und damit zu Krankheitsbeschwerden wie Schüben oder schleichender Behinderung führt. Daher ist es nicht gelungen, eine ursächliche Therapie zu entwickeln, die den chronischen Entzündungsprozess an der Wurzel angreift und zur dauerhaften Heilung führt. Allerdings haben Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung der letzten Jahre dazu geführt, dass die präzisen Schritte des nachgeschalteten Entzündungsprozesses immer besser verstanden werden.

Neueste klinische Studien zeigen nun, dass hieraus entwickelte Therapieansätze auch immer wirksamer die entzündliche Krankheitsaktivität kontrollieren. Die Wirkung geht dabei so weit, dass bei einem Teil der Patienten die MS ganz zum Erliegen kommt – zumindest für die Dauer der Behandlung lassen sich bei solchen Patienten weder Schübe oder eine schleichende Behinderung nachweisen. Auch finden sich mit den überaus empfindlichen bildgebenden Methoden wie der Magnetresonanztomographie keinerlei Anzeichen für Krankheitsaktivität wie neue Herde.

Ein solcher Zustand der für die Behandlungsdauer bestehenden Freiheit von jeglicher fassbarer Krankheitsaktivität (freedom from disease activity) wurde erstmals für die AFFIRM-Phase-III-Studie zur Wirksamkeit von Natalizumab erfasst: Mehr als ein Drittel (37%) der Patienten erfüllten dieses recht strenge Kriterium unter Natalizumab, während die Plazebo-Scheinmedikation nur in einem verschwindenden Bruchteil der Patienten (7%) diesen Effekt hatte (doi:10.1016/S1474-4422(09)70021-3). Dieser Ansatz wurde kürzlich auf zwei andere, in der klinischen Prüfung befindliche Therapien, Cladribin und Alemtuzumab, angewendet. Im Rahmen der CLARITY-Studie waren 44% der Patienten unter Cladribin (Dosis von 3,5 mg/kg) frei von jeglicher Krankheitsaktivität, während der entsprechende Anteil unter den mit Plazebo behandelten Patienten mit 16% deutlich geringer ausfiel (doi:10.1016/S1474-422(11)70023-0). Hier ist allerdings nachzutragen, daß die Entwicklung von oralem Cladribin als neue MS-Therapie vom Hersteller mittlerweile abgebrochen wurde. Damit wird das schwebende Zulassungsverfahren in der EU und in den USA vorzeitig beendet, und das Medikament wird in Ländern, wo es bereits zugelassen worden war, wieder vom Markt genommen. Die laufenden Studien mit Cladribin werden wie vorgesehen zum Ende geführt.

Für die Studie zu Alemtuzumab sind die Zahlen nicht direkt vergleichbar, da in der entsprechenden CAMMS223-Studie keine regelmäßigen MRT-Untersuchungen durchgeführt wurden und daher nur die Daten zur klinischen Krankheitsaktivität vorlagen. Dafür wurde dieser neue Therapieansatz gegen ein bewährtes MS-Medikament, hochdosiertem subkutan injizierten Interferon-beta 1a, verglichen. Während unter Alemtuzumab 80% der Patienten keinerlei Schübe oder schleichende Verschlechterung ihrer MS hatten, lag der Anteil bei den Interferon-behandelten Patienten bei etwas mehr als der Hälfte (48%) und damit deutlich geringer (doi: 10.1016/S1474-4422(11)70020-5).

Insbesondere dieser Vergleich macht deutlich, dass mit den neuen Behandlungsmethoden auch ein neuer Bereich der Wirksamkeit erreicht werden kann, der mit den bisherigen Prüfgrößen wie der reinen Schubrate nur unzulänglich abgebildet wird. Wie Professor Dr. med. Hans-Peter Hartung, stellvertretender Vorsitzender des Ärztlichen Beirates der DMSG Bundesverband e.V. und Vorstandsmitglied Professor Dr. med. Orhan Aktas in einem kürzlich erschienen Artikel bereits betont haben, stellt sich die "Freiheit von jeglicher Krankheitsaktivität" als ein vielversprechender Ansatz dar, der die mögliche Wirkung eines Medikaments griffig darstellt (doi:10.1016/S1474-4422(11)70043-6). Damit lässt sich bei einer Beratung im klinischen Alltag neben den Risiken auch der Nutzen einer Behandlung anschaulich diskutieren und die für eine Therapieentscheidung relevanten Hoffnungen hinsichtlich der zu erwartenden Wirksamkeit besser abstimmen. Einschränkend muss angemerkt werden, dass diese Kenngröße bislang nur in Analysen bereits durchgeführter Studien nachträglich angewandt wurde. Sicherlich wird der neue Wirksamkeitsparameter der Freiheit von Krankheitsaktivität künftig bereits im Stadium der methodischen Konzeption kommender MS-Therapiestudien berücksichtigt. Auch wenn eine Heilung der MS bislang nicht möglich ist, könnte damit die mit den neuen Therapien bei einem großen Anteil der Patienten erreichbare Stabilisierung bzw. das Ruhen der Krankheitsaktivität verständlich dargestellt werden.

Autoren

Meldung aus dem Ärztlichen Beirat des DMSG - BV:

Autoren sind der stellvertretende Vorsitzende Prof. Dr. med. Hans-Peter Hartung und Vorstandsmitglied Prof. Dr. med. Orhan Aktas vom Düsseldorfer MS-Zentrum, Neurologische Klinik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Referenzen

Coles AJ, Fox E, Vladic A, et al. Alemtuzumab versus interferon beta-1a in early relapsing-remitting multiple sclerosis: post-hoc and subset analyses of clinical efficacy outcomes. Lancet Neurol. 2011 Apr;10(4):338-48. doi:10.1016/S1474-4422(11)70020-5.

Hartung HP, Aktas O. Evolution of multiple sclerosis treatment: next generation therapies meet next generation efficacy criteria. Lancet Neurol. 2011 Apr;10(4):293-5. doi:10.1016/S1474-4422(11)70043-6

Havrdova E, Galetta S, Hutchinson M, et al. Effect of natalizumab on clinical and radiological disease activity in multiple sclerosis: a retrospective analysis of the Natalizumab Safety and Efficacy in Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis (AFFIRM) study. Lancet Neurol 2009; 8: 254–60. doi:10.1016/S1474-4422(09)70021-3

Giovannoni G, Cook S, Rammohan K, et al. Sustained disease-activity-free status in patients with relapsing remitting multiple sclerosis treated with cladribine tablets in the CLARITY study: a post-hoc and subgroup analysis. Lancet Neurol. 2011 Apr;10(4):329-337. doi:10.1016/S1474-422(11)70023-0.

- 19.04.2011