DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Kognitive Beeinträchtigungen bei Multipler Sklerose – sind die Synapsen schuld?

Kognitive Beeinträchtigungen bei MS entwickeln sich unabhängig von körperlichen Behinderungen. Von den gegenwärtig etablierten Therapien werden sie eher nicht beeinflusst: Doch worauf beruhen sie?

Eine aktuell in der Zeitschrift ‘The Journal of Neuroscience’ publizierte Studie hat sich dieser Frage angenommen. Wissenschaftler von der Universität Rochester, USA, haben einen bisher noch unbekannten Mechanismus im Krankheitsverlauf gefunden, der die kognitiven Beeinträchtigungen bei MS-Erkrankten erklären könnte. Für Betroffene gehören schwindende kognitive Fähigkeiten zu denjenigen MS-Symptomen, die die Lebensqualität am stärksten einschränken. Medikamentös zu behandeln, ist das bisher nicht.

Allgemein anerkannt ist, dass bei MS ein fehlgeleitetes Immunsystem Schäden im zentralen Nervensystem (ZNS) anrichtet. Das betrifft vor allem das Myelin, das die Nervenfortsätze schützt, aber auch diese Fortsätze (Axone) selbst. Entzündungen im ZNS, Myelinzerstörung und Axonverlust sind typisch für die Erkrankung und zeigen sich zumeist in Form von motorischen und sensorischen Symptomen, wie etwa Bewegungs- oder Gefühlsstörungen. Ein hoher Prozentsatz der MS-Erkrankten verspürt aber auch diverse kognitive Probleme wie Erinnerungslücken oder Schwierigkeiten bei der Informationsverarbeitung. Die derzeit verfügbaren Therapien allerdings richten sich in der Hauptsache darauf, das überaktive Immunsystem zu dämpfen und die Zerstörung von Myelin zu verhindern – kognitive Probleme werden kaum beeinflusst. Davon ausgehend stellten die Wissenschaftler nun die Theorie auf, dass zusätzliche Zerstörungsvorgänge an Nervenzellen stattfinden könnten, die außerhalb der durch Myelinverlust gekennzeichneten Bereiche liegen.

Um diese Hypothese zu prüfen, untersuchten die Wissenschaftler Gehirne von EAE-Mäusen, Tieren mit der MS-Modellerkrankung experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis. Dort fanden sie Zerstörungen an Synapsen im Hippocampus, einem Hirnareal, das nicht mit motorischen Fähigkeiten verbunden ist, sondern wichtige Aufgaben im Zusammenhang mit Gedächtnisfunktionen hat. Synapsen sind die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, die Orte, an denen Informationen sozusagen ‚weitergereicht‘ werden. Funktionierende Synapsen sind eine der Voraussetzungen dafür, dass die Lern- und Gedächtnisvorgänge im Hippocampus lückenlos funktionieren.

Die bei den Versuchsmäusen gefundenen Zerstörungen der Synapsen könnten der Mikroglia zugeschrieben werden, vermuten die Forscher. Mikroglia sind Zellen, die eine aktive Rolle im Kampf der Nervenzellen gegen Infektionen spielen und für die ‚Gesundheit‘, das reibungslose Funktionieren der Synapsen spielen.

Studie beleuchtet neuen Krankheitsmechanismus bei MS

Wenn das Immunsystem bei Multipler Sklerose überreagiert, wechseln Mikrogliazellen von ihrer normalen, schützenden, Funktion zu einem entzündungsfördernden Status. Dadurch werden hohe Konzentrationen eines Stoffes, PAF (Plättchen-aktivierender Faktor) genannt, freigesetzt, der dann die Synapsenenden zerstört. Infolge dieser Zerstörungen ‚eilen‘ dann immer mehr Immunzellen und Mikroglia zum Ort der Schädigung und verursachen dadurch in einer kontinuierlichen Schleife einen Zyklus synaptischer Zerstörungen.

"Die Studie zeigt zum ersten Mal einen neuen Krankheitsmechanismus bei MS. Er verursacht Schädigungen der Nervenzellen unabhängig von Myelinverlust und Schädigung der weißen Substanz, was bisher ja das grundlegende Kennzeichen der Erkrankung war. Diese Vorgänge werden nicht von den gegenwärtig verfügbaren immunsuppressiven Medikamenten beeinflusst", sagte Dr. Matthew Bellizzi, der führende Studienautor.
Die Forscher glauben, dass dieser kontinuierlich verlaufende und sich immer wieder anstoßende Mechanismus für die kognitiven Schäden bei MS verantwortlich ist. Derzeit untersuchen sie bereits Wirkstoffkandidaten, die die Signalwege, die zu Nervenzellen und Überaktivierung der Mikroglia führen, unterbrechen können. Einer dieser Wirkstoffkandidaten wird zum Beispiel auch in Zusammenhang mit neurologischen Symptomen untersucht, die bei HIV auftreten.

Quelle: www.multiplesclerosisnewstoday.com - 01. Februar 2016

- 04.02.2016