DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Multiple Sklerose durch das Absterben von Hirnzellen ausgelöst?

Eine neue Studie hat ergeben, dass die Erkrankung Multiple Sklerose möglicherweise innerhalb des Nervensystems beginnt, und zwar dann, wenn myelinbildende Zellen sterben.

Oligodendrozyten sind, gemeinsam mit Schwann`schen Zellen im zentralen Nervensystem für die Myelinbildung verantwortlich. Myelin bildet eine isolierende Schicht um die Nervenfortsätze in Gehirn und Rückenmark und garantiert so eine schnelle Weiterleitung von Nervenimpulsen. Bei Multipler Sklerose wird die Myelinschicht durch Autoimmunangriffe zerstört. Wie genau diese Angriffe zustande kommen, ist noch weitgehend unbekannt.

Ein Wissenschaftlerteam von der Universität Chicago ist dieser Frage nachgegangen und hat untersucht, ob möglicherweise das Absterben von Oligodendrozyten die zerstörende Autoimmunreaktion verursachen könnte.

Dazu züchteten sie ein neues genetisch verändertes Mausmodell das es ihnen erlaubte, ganz speziell auf die Oligodendrozyten zu zielen und ihr Absterben zu beeinflussen. Sie fanden, dass das Absterben dieser Zellen einen autoimmunen Angriff auf das Myelin und MS-ähnliche Symptome bei den Mäusen auslösen konnte. Diese Reaktion konnte in der Folge durch die Anwendung speziell entwickelter Nanopartikel verhindert werden, auch noch nach dem Verlust dieser Hirnzellen. Derzeit werden diese Nanopartikel weiterentwickelt, um auch in klinischen Tests beim Menschen getestet werden zu können.

"Obwohl es eine Studie am Mausmodell war, konnten wir doch zum ersten Mal einen möglichen Mechanismus, der die Entstehung einer MS beeinflusst, zeigen. Das Absterben von Zellen, die für die Myelinbildung verantwortlich sind, kann einen Autoimmunangriff auf das Myelin auslösen" sagte Dr. Brian Popko, einer der Autoren der Studie – und weiter: "Wenn man diese Zellen beim Menschen entsprechend schützen könnte wäre das eine Möglichkeit, die Entstehung von MS zu verzögern oder ganz zu verhindern." Durch ein spezifisches Abtöten der Oligodendrozyten konnte das Team erreichen, dass die Versuchstiere MS-ähnliche Symptome zeigten, die besonders in ihrer Fähigkeit zu laufen deutlich wurden. Nach diesem anfänglichen Ergebnis regenerierte das zentrale Nervensysten der Mäuse die myelinbildenden Zellen und die Tiere konnten wieder laufen. Sechs Monate später jedoch kamen die Symptome massiv zurück.

Den Ursachen für den Tod von Oligodendrozyten auf der Spur

"Soweit wir wissen, ist dies der erste Nachweis dafür, dass das Absterben von Oligodendrozyten autoimmune Vorgänge am Myelin verursachen kann, die ihrerseits Entzündungen und Gewebezerstörung während einer MS im zentralen Nervensystem nach sich ziehen", so die Koautorin der Studie, Dr. Maria Traka, in einer Pressemitteilung der Universität Chicago. Mögliche Ursachen für den Tod von Oligodendrozyten können Störungen in ihrer Entwicklung sein, aber auch Viren, bakterielle Toxine oder schädliche Stoffe aus der Umwelt. Beim Menschen, so eine Hypothese der Wissenschaftler, könnte auch noch Jahre nach einer anfänglichen Schädigung im Gehirn das Absterben der Oligodendrozyten ausgelöst werden.

Neue Therapiemöglichkeiten bei progressiven MS-Verläufen?

Das Mausmodell, mit dem die Ergebnisse vorerst erhalten wurden, erlaubt auch eine Testung neuer Therapiemöglichkeiten gegen progressive MS-Verläufe. Die Forscher testeten die Anwendung von Nanopartikeln, um Toleranz gegenüber dem Myelinantigen, das vom Immunsystem als fremd empfunden wird, zu erreichen. Sie beobachteten, dass diese Strategie das progressive Fortschreiten der Erkrankung verhindern konnte. Dr. Popko sagte: "Es ermutigt uns, dass die Nanopartikel die Krankheitsprogression in einem Modell der chronischen MS so wirksam aufhalten können wie in Modellen der schubförmigen MS". Die Forscher betonen auch, dass der Einfluss einer solchen Therapie umso besser sein würde, je früher sie begänne.

Die Ergebnisse dieser Studie hinterfragen die gegenwärtig anerkannte Theorie, dass Multiple Sklerose im zentralen Nervensystem durch externe Faktoren ausgelöst wird. Hier weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass MS von innen heraus beginnt: mit einer Zerstörung der Oligodendrozyten, wodurch das Myelin verschwindet und die Abbauprodukte lösen dann in der Folge eine Autoimmunantwort aus. Nun stellt sich das Forschungsteam weiteren Herausforderungen. Wie Dr. Popko abschließend formuliert: "Es wird aufregend sein, die Natur dieses Prozesses im Menschen aufzuklären – seine genaue Rolle bei der MS und ob es wirksame Therapien geben wird, diesen zu beeinflussen."

Quelle: multiplesclerosisnewstoday.com - 15. Dezember 2015

- 21.12.2015