DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Ketogene Ernährung kann bei Multipler Sklerose die Lebensqualität und die Cholesterolwerte verbessern

Im Mausmodell der Multiplen Sklerose (MS) hat sich in verschiedenen Studien eine positive Wirkung von modifiziertem Fasten und ketogener Ernährung (KD) auf die Krankheitsentstehung und den klinischen Verlauf gezeigt.

Dr. med. Markus Bock von der Charité Universitätsmedizin Berlin hat für die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V., die Ergebnisse seiner Forschergruppe, zu der auch Prof. Dr. med. Friedemann Paul und Prof. Dr. med. Andreas Michalsen gehören, in einem Bericht zusammengefasst:

„Die Multiple Sklerose ist die häufigste chronische, nicht-traumatische, neurologische Erkrankung des zentralen Nervensystems mit ungeklärter Ätiologie. Hauptsächlich sind junge Erwachsene, Frauen häufiger als Männer, der westlichen Welt betroffen. Voraussichtlich wird auch in absehbarer Zeit keine kurative Therapie zur Verfügung stehen.

Hintergrund der Studie

Am Mausmodell der MS, der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis (EAE), wurden in verschiedenen Studien positive Effekte des modifizierten Fastens und der ketogenen Ernährung auf die Erkrankungsentstehung und den klinischen Verlauf bei den Tieren beobachtet.

Aufgrund der Tatsache, dass sich keine Human-Studien zu diesem vielversprechenden Therapieansatz recherchieren ließen, wurde die "IGEL" Studie (Eine randomisierte und kontrollierte Pilotstudie zum Vergleich der Wirkung des intermittierenden Fastens und der ketogenen niedrig-glykämischen Ernährung auf die Lebensqualität bei Multipler Sklerose) ins Leben gerufen. Durch diese Studie sollte die Machbarkeit der vorgenannten Ernährungsinterventionen bei MS-Patienten beleuchtet werden. 60 Patienten, von denen 48 final ausgewertet werden konnten, wurden auf 3 Gruppen (1. Kontrollgruppe – Mischkost ohne Ernährungsveränderung, 2. Siebentägiges Saft-Fasten mit anschließender Mischkost und 3. Adaptierte ketogene Ernährung) randomisiert und in einem kontrollierten Setting über einen Zeitraum von sechs Monaten untersucht. Als primärer Studienendpunkt diente die gesundheitsbezogene Lebensqualität.

Fastentherapie

Kurzzeitiges (7-10 Tage), modifiziertes therapeutisches Fasten ist ein etabliertes Therapieverfahren zur symptomatischen Behandlung chronisch entzündlicher Erkrankungen. Klinisch wird die Fastentherapie bei rheumatoider Arthritis, bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie arteriosklerotischen Folgeerkrankungen mit empirisch gutem Erfolg eingesetzt. Solche positiven Effekte einer reduzierten Nahrungszufuhr sind auch bei neurologischen Erkrankungen zu beobachten und haben ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Seit dieser Zeit ist bekannt, dass Fasten die Anfallshäufigkeit bei an Epilepsie Erkrankten senkt.

Ferner zeigt sich in retrospektiven Studien. dass phasenweises Fasten mit einem verringerten Auftreten von M. Alzheimer und M. Parkinson einhergeht. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass Nervenzelldegeneration durch Fasten verhindert bzw. verlangsamt werden könnte. Die zugrunde liegenden Wirkprinzipien werden aktuell intensiv untersucht, sind aber noch weitestgehend unbekannt. Wahrscheinlich sind für die beobachteten Effekte nicht einzelne Mechanismen, sondern komplexe Veränderungen verantwortlich. In diese Richtung weisen auch tierexperimentelle Studien.

Therapie mittels adaptierter ketogener Ernährung

Zum Hintergrund dieser Ernährungsform sei auf die wichtige im 19. Jahrhundert gewonnene Erkenntnis gedeutet, dass die Anfallshäufigkeit bei an Epilepsie Erkrankten während des Fastens stark abnimmt. Da allerdings mit Beginn des Kostaufbaus die Symptome rasch wieder auftreten, wurde eine dauerhaft durchführbare Ernährung gesucht, welche den Fastenzustand imitiert - ohne fastentypisches Pausieren der Darmtätigkeit und ohne kalorische Einschränkung. So trat das Konzept der ketogenen Ernährung mit einer Umstellung auf einen hohen Fettgehalt (80%) bei äußerst geringem Zuckeranteil spätestens 1921 in Erscheinung. Dem Gehirn werden dabei anstatt Glukose, die aus Fettsäuren in Leber und Gehirn gewonnenen, Ketonkörper als alternative Energiequelle angeboten, wie es auch im Hungerzustand der Fall ist. Ähnlich dem Fasten ernähren sich nun die Zellen überwiegend von Fetten.

Die zuckerarme, kohlenhydratreduzierte Ernährung kann unter Anleitung gut in den Alltag aufgenommen werden. Ähnlich dem Fasten sind hier nervenzellschützende Eigenschaften sehr wahrscheinlich. Die grundlegenden Veränderungen des Gehirnstoffwechsels unter ketogener Kost, führen zu vermehrter Energieproduktion und verringerter Radikalbildung. Nach wie vor wird die ketogene Ernährung bei Patienten mit Epilepsie, wenn die medikamentöse Therapie zuvor versagte, sehr erfolgreich angewandt. MS Patienten könnten von der erhöhten Energieversorgung des Gehirns, aus dem sich auch ein verbesserter Nervenzellschutz ergibt, profitieren.

Ergebnisse

Wir konnten mit unserer Studie zeigen, dass die untersuchten Interventionen bei MS-Patienten zu einer klinisch relevanten Verbesserung der Lebensqualität führen - gemessen mittels Multiple Sclerosis Quality of Life –  Fragebogen. Zudem zeigte sich in der ketogenen Gruppe eine signifikante Reduktion der nüchtern gemessenen Serum-Triglyzerid-Konzentration und des LDL/HDL-Cholesterol-Quotienten zum Studienende. Weitere Ergebnisse stehen kurz vor Publikation und werden ebenfalls hier bekanntgegeben.

Größere Studie mit MRT als Endpunkt notwendig

Bevor die neuen Erkenntnisse eventuell Eingang in die Behandlung finden, müssen sie bei einer klinischen Studie mit größeren Patientenzahlen und MRT als Endpunkt abgesichert werden. Diese neue Studie ist für Ende 2016 geplant. Der Probandenaufruf wird im Frühjahr 2016 veröffentlicht.”

Quelle: Mitteilung zum Kongressbeitrag ECTRIMS 2015

- 18.01.2016