DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Multiple Sklerose: Wie Darmbakterien die Gesundheit des Gehirns beeinflussen

Kann die Ernährung die Entwicklung von Multiple Sklerose fördern? Hilft eine gezielte Modulation der Darmflora bei der MS-Therapie? Wissenschaftler entdecken Wechselwirkungen zwischen der menschlichen Darmflora und neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose (MS) und präsentieren aktuelle Forschungsergebnisse auf dem 88.Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Düsseldorf unter dem Motto "Mensch im Blick – Gehirn im Fokus".

Rund 6000 Experten für Gehirn und Nerven tagen im September in Düsseldorf und berichten über ihre Studienergebnisse. Über die Entstehung der Autoimmunkrankheit MS forscht Prof. Hartmut Wekerle. Der Hertie- Seniorprofessor am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in München, der auch Mitglied im Ärztlichen Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. ist, erklärt: "Den Mikrobiota kommt eine entscheidende Bedeutung als Trigger der Multiplen Sklerose zu."

Mikrobiota: Darmflora aus Billionen von Mikroben

Die menschliche Darmflora ist ein eigener Mikrokosmos. Jeder Mensch beherbergt eine Wohngemeinschaft aus etwa 100 Billionen Bakterien. Die Darmflora, auch Mikrobiota oder Mikrobiom genannt, setzt sich aus schätzungsweise 1000 verschiedenen Arten von Darmbakterien zusammen, die in den Wänden des Darms und in dessen Inhalt siedeln. Die Darmflora ist wichtig für die Verdauung, die Abwehr von gefährlichen Keimen und Giften oder die Stärkung des Immunsystems. Jeder Mensch besitzt eine individuelle Lebensgemeinschaft von Mikroben, die schützende Funktionen hat – aber auch krank machen kann.

MS und Darmflora- bakterieller Bioreaktor als Motor einer autoimmunen Hirnerkrankung?

Unsere bakterielle Darmflora wirkt wie ein komplexer Bioreaktor: Sie versorgt uns mit Energie und Nährstoffen. Darüber hinaus formt sie entscheidend unser Immunsystem und hält es zeitlebens in Gang. Unter bestimmten Bedingungen kann die Darmflora allerdings auch Krankheiten auslösen. So sind nicht nur Entzündungen im Bereich des Darms oft Folge eines bakteriellen Ungleichgewichtes, sondern auch Entzündungen in weit entfernten Geweben, wie etwa bei der Rheumatoiden Arthritis, dem Typ-1 Diabetes mellitus und, wie sich kürzlich herausstellte, bei der Multiplen Sklerose.

Mögliche Unterschiede in der Darmflora erkrankter und nicht erkrankter Menschen untersucht derzeit eine an der LMU in München laufende Zwillingsstudie. Wir berichteten

Die menschliche Darmflora erweitert die Zahl der menschlichen Körperzellen um ein Vielfaches. Sie bringt in den Körper 100-mal mehr Gene ein, als der Mensch besitzt. Neue Methoden der Erbgutentschlüsselung, die Gen-Sequenzierung, und die Bioinformatik brachten den Durchbruch in der Darmflora-Forschung. Selbst äußerst komplexe Metagenome, also die Gene aus einer Bakterienmixtur, können schnell analysiert werden. Ziel ist es, individuelle mikrobielle Risikoprofile zu identifizieren, die Menschen zum Beispiel für MS anfällig machen. "So könnten sich völlig neue Möglichkeiten zur Vorbeugung und Therapie der Multiplen Sklerose eröffnen", hofft Wekerle.

Mikrobiota: Fernsteuerung der Autoimmunreaktion bei MS

Dass es zwischen der Darmflora eines Menschen und der Entstehung der Multiplen Sklerose eine Verbindung gibt, wies Prof. Wekerle in Tierstudien nach. Bei der Entstehung der MS spielen Gene und Umweltfaktoren eine Rolle. Zu Letzteren zählen beispielsweise eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus, Rauchen, Adipositas in der Kindheit oder ein Mangel an Vitamin D. Wurden genetisch veränderte Mäuse unter sauberen, aber nicht keimfreien Bedingungen gehalten, entwickelten sie eine Krankheit, die der schubförmigen MS ähnlich ist – die experimentell-autoimmune Enzephalomyelitis, EAE. Herrschte dagegen Keimfreiheit, waren die Tiere vor dieser Krankheit komplett geschützt. Sobald der Darm dieser "keimfreien" Mäuse aber mit der Darmflora von normal aufgewachsenen Tieren besiedelt wurde, erkrankten sie sofort spontan an EAE. "Offensichtlich wird in diesem Modell die Autoimmunreaktion gegen Gewebe des Zentralen Nervensystems von den Darmmikrobiota ferngesteuert‘", so Wekerle.

Kann die Ernährung die Entwicklung von MS fördern?

Welche Arten von Mikroben und in welcher Anzahl sie im menschlichen Darm vorkommen, hängt entscheidend von der Ernährung und von immunologischen Prozessen im Darm ab. An dieser Verbindung zwischen MS, Ernährung und der Darmflora forschen auch die Neurologen Prof. Ralf Gold, Erster Vorsitzender der DGN und Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes mit Dr. Aiden Haghikia von der Ruhr-Universität Bochum gemeinsam mit Neurologen aus Erlangen. Diese konnten schon früher zeigen, dass der zunehmende Gehalt von Kochsalz in der modernen Ernährung eine entzündungsfördernde Wirkung bei MS entfalten kann. Auch die Zusammensetzung verschiedener Fettsäuren in der Nahrung scheint die Entwicklung dieser Autoimmunerkrankung zu beeinflussen, wie noch unveröffentlichte Studienergebnisse belegen. Sie verändern das Vorkommen bestimmter Immunzellen, die an der Entstehung und dem Verlauf der Multiplen Sklerose beteiligt sind. Die Forscher arbeiten bereits an einer Fettsäure-Diät für MS-Patienten.

Dass die Ernährung die Entwicklung von MS beeinflussen könnte, zeigt auch folgendes Beispiel: In Japan hat die Häufigkeit der MS in den letzten Jahren zugenommen. Ein Grund könnte die Umstellung der traditionellen asiatischen Ernährung auf westliche Ernährungsweisen und die damit verbundene Veränderung der Darmflora sein, vermuten Forscher.

Gezielte Modulation der Darmflora als MS-Therapie?

In Zukunft könnte man die Darmflora gezielt über die Ernährung beeinflussen, etwa mit Präbiotika und Probiotika. Auch Antibiotika könnten die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft im Darm modulieren. Geforscht wird auch an der sogenannten Fäkaltransplantation, bei der die Mikrobiota eines gesunden Spenders auf eine Person übertragen werden, die zum Beispiel an MS erkrankt ist. Dieses Verfahren wurde schon bei Patienten mit einer schweren Darminfektion erfolgreich eingesetzt.

Quelle: PM vom DGN Kongress - 23. September 2015

- 24.09.2015