DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Forschung und Therapie

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft informiert: Neue Studie warnt vor Kontrastmittelgabe bei MRT-Untersuchung in der Schwangerschaft

Claudia Z. hat Multiple Sklerose und erwartet ein Kind. Als sie den Verlauf ihrer Krankheit durch ein MRT überprüfen lassen will, rät ihre Gynäkologin vom Einsatz des Kontrastmittels Gadolinium ab. Sie verweist auf die Ergebnisse einer neuen kanadischen Studie, wonach das Kontrastmittel das Ungeborene schädigen kann - im gesamten Zeitraum der Schwangerschaft.

Schwangere Frauen, bei denen eine Bildgebung erforderlich ist, werden möglichst mit einem Verfahren ohne ionisierende Strahlen untersucht. Ultraschall und Magnetresonanztomographie (MRT) sind solche Alternativen. Die MRT-Untersuchung ohne Kontrastmittelverstärkung gilt als unbedenklich im 2. und 3. Drittel der Schwangerschaft. In den ersten 3 Monaten gibt es Sicherheitsbedenken insofern, als dass das in der Frühschwangerschaft besonders sensible Gewebe des Fetus durch die elektromagnetischen Wellen erwärmt wird und es den vergleichsweise starken Begleitgeräuschen der Untersuchung ausgesetzt ist.

Breit aufgestellte Studie kommt zu alarmierenden Ergebnissen

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In der Schwangerschaft ist Vorsicht geboten beim Einsatz von Kontrastmittel beim MRT.

In einer großen rückblickenden Kohortenstudie ist jetzt die Sicherheit der MRT für das ungeborene Kind im ersten Drittel der Schwangerschaft untersucht worden und die Frage, ob die intravenöse Gabe von gadoliniumhaltigem Kontrastmittel dem Fetus schaden könnte. Einwirkungen, die Fehlbildungen beim Embryo hervorrufen können, werden für die ersten 13 Wochen der Schwangerschaft vermutet, im weiteren Verlauf der Schwangerschaft könnte das Kontrastmittel nierenschädigend wirken: Es wird über die Nieren des Fetus in das Fruchtwasser ausgeschieden und vom Fetus wieder aufgenommen.

1. 424 105 Geburten (48 % Mädchen, durchschnittliche Dauer der Schwangerschaft 39 Wochen) an kanadischen Krankenhäusern wurden auf die Frage der Gefährdung des Fetus gegenüber MRT, das Risiko für Totgeburten oder Tod des Neugeborenen, kongenitale Anomalien, Neoplasien (Tumore) und auf Einschränkungen des Hör- und Sehvermögens bis zum 4. Lebensjahr analysiert. MRT-Untersuchungen im 1. Drittel der Schwangerschaft waren nicht mit einen signifikant erhöhten Risiko für Schädigungen des Fetus oder des Kindes in den ersten 4 Lebensjahren assoziiert. Dies galt auch für angeborene Anomalien, Neoplasien und Seh- oder Hörverlust. Dagegen erhöhte die Gabe von gadoliniumhaltigem Kontrastmittel zu jedem Zeitpunkt in der Schwangerschaft das Risiko für ein breites Spektrum rheumatologischer und inflammatorischer (entzündlicher) Erkrankungen sowie für infiltrative (in die Umgebung einwachsende) Hauterkrankungen um den Faktor 1,36.

Fazit

Auch in den ersten 13 Wochen der Schwangerschaft sind Kernspinuntersuchungen ohne Kontrastmittel unschädlich für das ungeborene Kind, der Kontakt mit dem Kontrastmittel Gadolinium ist dagegen zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft mit einer erhöhten Morbidität (Krankheitshäufigkeit bezogen auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe) und Frühmortalität des Kindes verbunden.

„Die fetale MRT-Untersuchung in utero (in der Gebärmutter) ohne Anwendung von Kontrastmittel stellt eine ideale Ergänzung und Erweiterung der Ultraschalldiagnostik in Problemfällen dar“, kommentiert Prof. Dr. med. Mathias Langer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Radiologie am Universitätsklinikum Freiburg. „Auf Basis der aktuellen Studiendatenlage verbietet sich eine Applikation (Anwendung) von Kontrastmitteln. Dieses sollte auch bei MRT-Untersuchungen der Schwangeren aus nicht fetaler Indikation heraus streng beachtet werden.“

Quelle: Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze Ray JG, Vermeulen MJ, Bharatha A, et al.: Association between MRI exposure during pregnancy and fetal and childhood outcome. JAMA 2016; 316: 952–61.
Deutsches Ärzteblatt | Heft 44 | 4. November 2016

Die DMSG fragt nach bei Professor Dr. med. Judith Haas, Vorsitzende des DMSG-Bundesverbandes.

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Prof. Dr. med. Judith Haas

Die renommierte Neurologin leitet seit mehr als 20 Jahren eines der größten Zentren für Multiple Sklerose am Jüdischen Krankenhaus in Berlin und ist Expertin für das Thema Schwangerschaft und MS:

Was bedeutet das Ergebnis der Studie für schwangere MS-Erkrankte? Sollten diese während der Schwangerschaft auf ein MRT verzichten?

Prof. Dr. med. Judith Haas: In den ersten 3 Monaten der Schwangerschaft wird man möglichst auf eine MRT-Untersuchung verzichten. Besondere Umstände, insbesondere, wenn eine andere Ursache neu aufgetretener Symptome ausgeschlossen werden muss, können dies in seltenen Einzelfällen erforderlich machen. Es sollte aber eine Magnetresonanztomographie ohne Kontrastmittel vorgenommen werden. Wichtig ist, die MRT-Untersuchung an einem modernen Gerät durchführen zu lassen, mit nicht mehr als 1,5 Tesla Magnetfeldstärke und geringen Begleitgeräuschen.“

Wenn während der Schwangerschaft der Verdacht auf MS auftritt: Welches Vorgehen ist in diesem Fall anzuraten?

Prof. Dr. med. Judith Haas: „Ist eine Frau bereits schwanger und es treten erstmals neurologische Symptome auf, wird man in der Regel nicht auf eine MRT-Untersuchung verzichten können. Diese sollte auf jeden Fall zunächst auch ohne Kontrastmittel durchgeführt werden. Im Einzelfall werden Neurologe und Radiologe abwägen, inwieweit in unklaren Fällen die Gabe von Kontrastmittel hilft, die Diagnose zu klären. Hier kommt es dann insbesondere auf den Einsatz von cyclischen Kontrastmitteln an (z.B. Dotarem), die ein geringeres Risiko bezüglich der Ablagerungen im Gehirn und damit auch für das sich entwickelnde Kind haben.“

- 13.01.2017