DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Statine - eine Option in der MS-Therapie ?

Neue kleine Studie gibt Hoffnung: Simvastatin reduziert Entzündungen im Nervensystem – weitere Untersuchungen werden auf den Weg gebracht

Am 15. Mai 2004 erschien in „The Lancet“ (Vol.363; 1607-1608) ein Betrag von Dr. Timothy Vollmer (Barrow Neurologicalk Institute; Phoenix), Dr. Inderjit Singh (Medical University of South Carolina) und Mitarbeitern über eine kleine nicht kontrollierte klinische Studie mit dem oralen cholesterinsenkenden Medikament Zocor® (Simvastatin). Die Wirkstoffgruppe der Statine erweckt seit einiger Zeit Hoffnungen, auch bei Multipler Sklerose wirksam zu sein (siehe auch Stellungnahme des AEB des Bundesverbandes).

An der vorliegenden Studie nahmen 28 Patienten mit schubförmig remittierender MS teil. Zusammenfassend konnten folgende Ergebnisse erzielt werden:

● Der Wirkstoff schien innerhalb der 6-monatigen Behandlungsperiode sowohl die Anzahl als auch den Umfang neuer im MRT feststellbarer Läsionen zu reduzieren

● Frühere Studien hatten bereits darauf hingewiesen, dass sowohl Simvastatin als auch andere Wirkstoffe der Statin-Gruppe die Immunantwort dahingehend verändern können, dass es positive Effekte für MS-Patienten gibt

● Größere kontrollierte Studien zur Medikamentensicherheit und –wirksamkeit werden benötigt und sind bereits in der Planungsphase

Hintergrund

Vorangegangene Studien ließen vermuten, dass die cholesterinsenkenden Statine auch die Immunantwort in einer Weise verändern können, die Hoffnung hinsichtlich der Behandlung von MS gibt. Zum Beispiel berichteten Dr. Oliver Neuhaus (Karl-Franzens-Universität Graz, Österreich) und seine Kollegen dass in Zellen MS-Erkrankter unterschiedliche Statine bestimmte Immunantworten und Entzündungsmarker, die typisch für eine MS sind, hemmen können (Neurology, 8.Oktober, 2002). Jedoch stimulierten in diesen Studien die Statine ebenso die Freisetzung einiger Botenstoffe von denen bekannt ist, dass sie auch Entzündungen verstärken können was ihre letztendliche Bedeutung für eine Behandlung der MS unsicher macht.

Weitere Studien sind inzwischen veröffentlicht worden, z.B. von Dr.Scott Zamvil (University of California, San Francisco) und Dr. Sawsan Youssef (Stanford University), die berichteten, dass ein anderes Statin, das Atorvastatin, bei Mäusen die experimentelle MS-Modellerkrankung EAE verhindern oder rückgängig machen konnte (Nature,07. November, 2002). Dieser Effekt schien auf eine Modulation des Immunsystems zurückzuführen sein (wir berichteten).

Die Studie

In der nun abgeschlossenen ersten Studie (wir hatten bereits vorab berichtet) mit MS-Patienten wurde anfänglich 3 Monate lang jeweils monatlich eine MRT-Untersuchung gemacht. Diejenigen 30 Patienten, die in dieser Zeit mindestens eine neue Läsion aufwiesen, wurden für eine 6-monatige Behandlung mit jeweils 80mg Simvastatin oral täglich behandelt. Während der Studie wurden die Teilnehmer regelmäßig neurologisch, mittels MRT sowie hinsichtlich ihrer Blutwerte untersucht. Wonach die Untersucher an erster Stelle schauten war der Unterschied in der mittleren Anzahl neuer Läsionen zwischen dem Zeitraum vor der eigentlichen Behandlung und den Monaten 4, 5 und 6 der Behandlungsperiode. Daneben war die Sicherheit des Medikamentes besonders wichtig, abweichende MRT-Resultate, Veränderungen in den neurologischen Daten und der Aktivität des Immunsystems. Bei der Studie handelte es sich um eine „offene“ Studie, d.h. alle Patienten erhielten den Wirkstoff. Es gab keine Placebogruppe, mit der verglichen werden konnte.

Ergebnisse

Die Wissenschaftler berichteten über eine signifikante (44%) Abnahme der mittleren Anzahl neuer Läsionen bei den 28 Patienten, die bis zum Ende an der Studie teilgenommen hatten. Es konnten demgegenüber jedoch keine Unterschiede in der Immunantwort gefunden werden die darauf hinweisen würden, dass Entzündungen vermindert auftreten. Es waren auch keine Unterschiede im neurologischen Status oder der Behinderung während dieser kurzen Studiendauer ersichtlich. Ernsthafte Nebenwirkungen traten nicht auf.

Schlussfolgerungen

Diese kleine Studie lässt einen möglichen positiven Einfluss von Statinen auf die Entwicklung neuer MS-Läsionen vermuten. Dies ist ermutigend in Hinsicht auf weitere Therapieoptionen zur Behandlung der schubförmig remittierenden Form der Multiplen Sklerose.

Auf jeden Fall müssen diese Ergebnisse in weiteren großen und kontrollierten Studien überprüft und ggfs. bestätigt werden. Einige davon sind bereits in der Planungsphase.

Dabei muss unter anderem auch herausgefunden werden, welches der Statine evtl. die beste potentielle Therapieoption für MS darstellt und ob die in der vorliegenden Studie verwendeten hohen Dosen über längere Zeiträume hinweg auch sicher in der Anwendung sind. Gegenwärtig gibt es auch noch keine Hinweise darauf, dass die Verwendung von Statinen in Dosen, wie sie gewöhnlich zur Senkung des Cholesterinspiegels verwendet werden, irgendeinen Nutzen hinsichtlich der MS zeigen und dass Patienten, die diese aus dem o.g. Grund einnehmen, eine positive Wirkung auf ihre MS verspüren.

Quelle:
Research/Clinical update
National MS Society, New York
vom 21. Mai 2004

Redaktion: DMSG Bundesverband e.V.

21. Mai 2004

- 21.05.2004