DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Neue Therapien, Risikofaktoren und andere Neuigkeiten aus der Multiple Sklerose-Forschung

Mehr als 12.000 Neurologen und andere Forscher, die sich mit dem Nervensystem beschäftigen, trafen sich auf dem Jahresmeeting der Amerikanischen Akademie für Neurologie (AAN) in San Diego, um sich über Fortschritte im Verständnis und zu den Therapien neurologischer Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose auszutauschen: Der DMSG-Bundesverband stellt in einer Serie einige Highlights vor aus den mehr als 500 Präsentationen zu den Themenbereichen "MS aufhalten”, "Funktionen wiederherstellen” und "MS für immer beenden”.

MS AUFHALTEN

Viele der präsentierten Studien zeigten den fortlaufenden Nutzen und die Sicherheit schon verfügbarer Therapien; andere neue Ergebnisse aus den Pipelines von Neuentwicklungen. Wieder andere Studien beleuchteten Faktoren, die das Fortschreiten der Erkrankung oder die Schübe beeinflussen und versuchen, Möglichkeiten zu finden, die MS in ihrem Verlauf aufzuhalten.


Neue Therapien



Amilorid bei progressiver MS
Dieser Wirkstoff, der bereits seit einiger Zeit als orales Blutdruckmittel angewendet wird, wurde in einer kleinen Studie bei 14 Patienten mit primär progressiver MS getestet. Vorher konnte bereits gezeigt werden, dass dieser Wirkstoff nervenschützende (neuroprotektive) Eigenschaften hat. Dr. Tarunya Arun von der Oxford University, berichtete gemeinsam mit Kollegen aus Großbritannien und den Niederlanden über Ergebnisse nach dreijähriger Anwendung von Amilorid. Die Behandlung mit dem Wirkstoff resultierte in einer Reduktion der Hirnschrumpfung, die in der Regel mit einer progressiven Verlaufsform der MS einhergeht. Derzeit läuft in Großbritannien eine größere Studie mit diesem Wirkstoff. (Abstract S31.002)

Große Studie mit Fingolimod bei progressiver MS

Eine Poster-Präsentation von Dr. David Miller aus London und einem internationalen Team zeigte erste Fortschritte einer großen Studie mit Fingolimod (Gilenya®). An dieser Studie nehmen mehr als 1.000 Probanden mit primär progressive MS teil. Die Studie soll zeigen, inwieweit Fingolimod nach drei bis fünf Jahren im Vergleich zu einem Placebo die MS-bedingte Behinderung verlangsamen kann. Es ist eine von derzeit mehreren laufenden großen Studien zur progressiven MS. (Abstract P07.116)

Neue Form einer bereits existierenden Therapie für schubförmige MS Dr. Peter Calabresi von der Johns Hopkins University präsentierte Ergebnisse einer internationalen Phase III Studie mit Peginterferon beta-1a bei schubförmiger MS. Bei dieser Substanz handelt es sich um eine neue Form des Interferon-beta 1a, das so verändert wurde, dass es länger als die bisherige Form im Körper verbleibt. Die Ergebnisse nach einem Jahr weisen darauf hin, dass Peginterferon, alle zwei bzw. vier Wochen unter die Haut injiziert, hinsichtlich der Schubrate wirksam war und auch das Risiko einer Behinderungsprogression vermindern konnte. Die Studie läuft nun schon das zweite Jahr und der Hersteller plant noch in diesem Jahr einen Zulassungsantrag. (Abstract S31.006)

Glatirameracetat in geringerer Dosierung

Dr. Omar Khan von der Wayne State University, Michigan, berichtete über Ergebnisse einer 1-jährigen Phase III Studie zur Injektion (s.c.) einer doppelten Dosis Glatirameracetat (Copaxone®) dreimal wöchentlich. Bisher wird dieser Wirkstoff täglich verabreicht. Die neue Dosierung in der Studie zeigte sich als wirksam hinsichtlich der Schubreduktion und der Krankheitsaktivität, wie sie im MRT feststellbar war. Unerwartete Sicherheitsprobleme traten nicht auf. (Abstract S01.005)

Wechsel der Therapie

Eine große Studie in Frankreich, genannt ENIGM, verfolgte die Auswirkungen eines Therapiewechsels von Natalizumab (Tysabri®) zu Fingolimod (Gilenya®). 200 Patienten wechselten nach einer mittleren Therapiedauer von 30 Monaten von Natalizumab zu Fingolimod. Es wurde eine "Auswaschzeit" von 3 – 6 Monaten vorgenommen, während der keine Therapie gegeben wurde und während der 32% der Studienteilnehmer einen Schub hatten. Die Forscher schlussfolgerten, dass der Wechsel die Wahrscheinlichkeit einer Wiederbelebung der Erkrankung erhöht und dass die "Auswaschperiode" nicht länger als drei Monate dauern sollte. (Abstract 41.002)

Noch mehr Daten zu Dimethylfumarat (BG-12)

Eine Auswertung zweier Phase III Studien mit oralem Dimethylfumarat (Handelsname Tecfidera), das in den USA inzwischen zugelassen und in Europa zur Zulassung empfohlen wurde zeigte, dass das Mittel seine volle Wirksamkeit hinsichtlich der Krankheitsaktivität nach einer dreimonatigen Einnahme entfaltet. Die Wirksamkeit blieb über die zwei Jahre, die Studien dauerten, erhalten. (Abstract S41.005)

Verlängerungsstudien

Diverse Präsentationen zeigten Ergebnisse zu Verlängerungen bereits abgeschlossener klinischer Studien zur schubförmigen MS. Diese schließen oft so genannte ‚open label‘ Zeiträume ein, in denen Studienteilnehmer, die in der Originalstudie ein Placebo erhalten hatte, nun auch den Wirkstoff bekommen und andere Teilnehmer mit der Therapie fortfahren und weiterhin für eine bestimmte Zeit durch die Untersucher begleitet werden. In einer "open-label" Studie sind sowohl Studienteilnehmer als auch Studienorganisator über den Wirkstoff und seine Dosierung informiert – im Gegensatz zu einer Doppelblindstudie.

• Die Verlängerung einer Phase II Studie mit Ocrelizumab (wir berichteten) zeigte andauernde Wirksamkeit auch noch in der Woche 144 bei den meisten derjenigen Studienteilnehmer, die in der Verlängerung blieben. Es traten keine schwer wiegenden neuen Nebenwirkungen auf. Ocrelizumab wird zurzeit weiter untersucht – sowohl für die schubförmige als auch für die progressive Verlaufsform der MS. (Abstract S31.004)

• Eine einjährige Verlängerung einer Phase III Studie mit dem oral zu verabreichenden Wirkstoff Laquinimod zeigte, dass das Risiko der Behinderungsprogression bei denjenigen Probanden signifikant verringert war, die auch schon in der Originalstudie den Wirkstoff erhalten hatten – im Vergleich zu denjenigen, die in der Originalstudie das Placebo erhalten hatten und die erst in der Verlängerung auf den Wirkstoff umgestellt worden waren. Wie auch schon in der Originalstudie bestand die häufigste Nebenwirkung in einer Erhöhung der Leberenzyme. (Abstract S41.004)

• Eine einjährige Verlängerung zweier Phase III Studien mit Alemtuzumab zeigte ebenfalls einen dauerhaften Nutzen hinsichtlich Schubreduktion und Verminderung der Progression, oft schon ohne zusätzliche Infusionen des Wirkstoffes. Es blieben allerdings auch die Risiken von Nebenwirkungen einschließlich Schilddrüsenproblemen und autoimmune Funktionsstörungen. Ein Versuchsteilnehmer starb an einer Sepsis. (Abstract 41.001)

• Eine einjährige Verlängerung einer Phase II Studie mit Daclizumab-HYP, einer veränderten Form des Daclizumab, zeigte dass monatliche Injektionen unter die Haut auch weiterhin die Schubhäufigkeit, die im MRT sichtbare Krankheitsaktivität und die Krankheitsprogression reduzierten. Es gab einen Todesfall durch eine autoimmune Hepatitis (Leberentzündung). Das Auftreten schwer wiegender Infektionen, von Hautproblemen und Unregelmäßigkeiten bei den Test zur Leberfunktion waren ähnlich wie die in der Originalstudie gefundenen. (Abstract S01.001)

Viele der präsentierten Ergebnisse sind vorläufiger Art. Ihre Ergebnisse müssen noch weiter analysiert werden und werden in den meisten Fällen in medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht. Das Vertrauen in solche Ergebnisse ist umso höher, je besser sie in anderen, unabhängigen Studien bestätigt werden können.

Auf der Website der AAN sind Zusammenfassungen von allen Abstracts in englischer Sprache zu finden.


Im nächsten Teil der DMSG-Serie zur AAN 2013 erfahren Sie mehr über: Untersuchungen zur Krankheitsaktivität



Quelle: Research News NMSS, USA, Apr. 10, 2013

- 26.04.2013