DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Kann eine HIV-Therapie vor Multiple Sklerose schützen?

Eine gewagte Hypothese, die der MS-Forscher Prof. Julian Gold von der London School of Medicine auf dem MS-Kongress ECTRIMS aufgestellt hat, könnte weitreichende Folgen für die Multiple Sklerose-Therapie haben: Hintergrund ist die Entdeckung, dass bislang kaum HIV-Infizierte mit MS bekannt sind–die Ursache vermuten britische Forscher in der antiretroviralen HIV-Behandlung, die auch urzeitliche Viren im menschlichen Erbgut in Schach halten könnte, die möglicherweise MS auslösen.

Die Immunschwächekrankheit AIDS wird von HI-Viren ausgelöst. Diese Viren sind durch die modernen Therapien mit antiretroviralen Medikamenten gut zu behandeln. Viren werden aber auch schon seit über 50 Jahren als potenzielle Auslöser einer MS gehandelt. Mit Ausnahme von Epstein-Barr-Viren (EBV) ließ sich bisher kaum klären, ob und in welchem Ausmaß sie an der MS-Entstehung beteiligt sind. Prof. Julian Gold hält es für möglich, dass archaische Viren, die seit Urzeiten im menschlichen Genom schlummern, bei MS-Erkrankten plötzlich wieder aktiv werden und das Immunsystem verwirren. Diese humanen endogenen Retroviren (HERV) gelten bislang als harmlos. Immerhin 8 % des menschlichen Erbguts bestehen nach Schätzungen aus solch "alter" viraler DNA. Gelingt es Retroviren, ihr Erbgut in Keimzellen einzuschleusen, werden sie von Generation zu Generation weiter vererbt. In der Regel verlieren sie dabei die Fähigkeit, sich zu replizieren. Doch einige lassen sich unter günstigen Umständen wieder reaktivieren. Hier sind die Forscher um Gold auf ein seltsames Phänomen gestoßen: HIV-Infizierte bekommen praktisch keine MS.

Kaum Berichte über MS bei HIV-Erkrankten

Prof. Julian Gold war aufgefallen, dass es zwar knapp eine Millionen Publikationen zu HIV und AIDS und fast 300.000 zu MS gibt, aber in der Literatur wurde bisher nur ein Fall von einem HIV-Kranken mit MS unter antiretroviraler Therapie beschrieben, neun weitere potenzielle MS-Erkrankungen werden erwähnt, allerdings liegen hierzu keine weiteren Daten vor, und bei mindestens sechs sei es anhand der Beschreibungen fraglich, ob eine MS vorlag, sagte Gold. Auch bei großen HIV-Kliniken in den USA, Europa und Australien waren keine Fälle von HIV-Kranken mit MS bekannt.
Daraufhin startete das Forscherteam eine Analyse von sämtlichen Klinikkontakten der britischen Bevölkerung. Untersucht wurde bei wie vielen Patienten zwischen 1999 und 2011 eine HIV-Infektion in den Klinikakten vermerkt wurde - das waren 21.200. Als Kontrollgruppe dienten 6,7 Millionen Briten ohne Diagnosen, die auf MS und HIV deuteten. Diese Patienten wurden bezüglich Alter, Geschlecht und Bildungsniveau so ausgewählt, dass die Gruppen vergleichbar waren.

Nun analysierten die Forscher, wie häufig in den folgenden Jahren in beiden Gruppen eine MS bei den Klinikdiagnosen vermerkt wurde. Im Schnitt lagen für die Personen Daten über sieben Jahre vor, 152.000 Personenjahre in der HIV-Gruppe, über 42 Millionen Personenjahre in der Kontrollgruppe.
Bei den HIV-Patienten ließ sich das Auftreten von MS-Fällen von etwa 7 pro 100.000 Personenjahre berechnen, in der Kontrollgruppe lag die Rate bei 18,3 - die MS-Inzidenz war damit bei den HIV-Kranken um 62 % niedriger als in der übrigen Bevölkerung.

Für keinen anderen Einzelfaktor konnte bislang ein besserer Schutz vor MS nachgewiesen werden, betonte Prof. Julian Gold beim ECTRIMS-Kongress in Kopenhagen.

Doch was schützt die HIV-Patienten vor einer Multiplen Sklerose - das immunsupprimierende Virus oder die antivirale Therapie dagegen?

Die britischen Forscher gingen davon aus, dass die HIV-Patienten bei der erstmaligen Erwähnung von HIV in den Klinikakten noch nicht oder noch nicht lange gegen das Virus behandelt wurden, aber ein Jahr später alle eine antiretrovirale Therapie erhielten. Ließen sie nun bei solchen Patienten das erste Jahr in ihrer Analyse weg, so war die MS-Inzidenz unter einer mutmaßlichen HIV-Behandlung sogar um 80 % geringer als in der Kontrollgruppe. Diese Feststellung, so Gold, spreche sehr für die antivirale Therapie als Schutzfaktor. Möglicherweise, so der MS-Experte, verhindert die Therapie eine Reaktivierung von HERV.

Stimmt die Hypothese, dann könnte eine antiretrovirale Therapie den MS-Verlauf beeinflussen.

Dies soll nun in der kontrollierten Studie INSPIRE geprüft werden. Dabei werden MS-Patienten mit dem in der HIV-Therapie eingesetzten oralen Wirkstoff oder Placebo behandelt. Endpunkte sind die Reduktion neuer Läsionen und die Lebensqualität.

 
Quelle: Ärzte Zeitung, Bild: EMSP - 15. Januar 2014
Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. - 15. Januar 2014
 

- 15.01.2014