DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Neuer Mechanismus für die Entwicklung innovativer Therapien für Multiple Sklerose entdeckt

Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz haben bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen einen neuen Mechanismus identifiziert. Dieser könnte auch für die Multiple Sklerose (MS) als Grundlage zur Entwicklung innovativer Therapien dienen. Der DMSG-Bundesverband fragt nach.

Forschungsergebnisse

Im Rahmen des Forschungsverbundes „TR-SFB 128“ konnten Wissenschaftler um Prof. Dr. med. Tobias Bopp und Prof. Dr. med. Frauke Zipp, stellvertretende Vorsitzende des Ärztlichen Beirates des DMSG-Bundesverbandes, zeigen, dass die Blockade der Proteinkinase CK2, einer bestimmten Enzymklasse, die Entwicklung von TH17-Zellen im Gehirn hemmt. Gleichzeitig wird durch den entdeckten Mechanismus aktiv die Entstehung von sogenannten Treg-Zellen, Zellen für die Immuntoleranz, gefördert.

TH17-Zellen als autoaggressive Zellen scheinen bei vielen Autoimmunerkrankungen eine verheerende Rolle zu spielen. Ob eine Autoimmunerkrankung entsteht oder sich verhindern lässt, hängt unter anderem vom Gleichgewicht dieser beiden Zelltypen ab. Daher strebten die Forscher eine Verschiebung des Gleichgewichtes zu Gunsten der Treg-Zellen an. Dies gelang ihnen, indem sie die Proteinkinase CK2 blockierten und damit die Entwicklung der autoaggressiven TH17-Zellen hemmten. Gleichzeitig wurde dadurch die Entstehung von Tregs gefördert. Die Wirksamkeit dieser Therapie konnte bereits in vorklinischen Modellen bestätigt werden.

Medizinischer Hintergrund

Das menschliche Immunsystem ist äußerst effizient darin, potentiell gesundheitsschädigende Eindringlinge zu erkennen. Eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die sogenannten T-Zellen, identifizieren eindringende Krankheitserreger durch deren Fremdproteine und führen normalerweise zu einer angemessenen Abwehrreaktion. Diese neutralisiert die körperfremden Substanzen zielgerichtet und entsorgt sie. In seltenen Fällen kann eine solche Abwehrreaktion jedoch auch zu überschießenden Immunantworten führen. Um genau solche übersteigerten Immunreaktionen zu verhindern, haben sich im Laufe der Evolution regulatorische T-Zellen, sogenannte Tregs, entwickelt.

In gesunden Individuen dienen Tregs dazu, die immunologische Toleranz aufrechtzuerhalten. Sie schützen harmlose Antigene (z.B. in Nahrungsmitteln enthaltene fremde Eiweißmoleküle), die eine Abwehrreaktion des Immunsystems auslösen können, sowie körpereigene Strukturen vor fehlgeleiteten Immunantworten. Damit verhindern sie auch die Entstehung von Allergien und Autoimmunerkrankungen wie die Multiple Sklerose (MS).

An der Entstehung und Progression der MS ist insbesondere eine Untergruppe der T-Helferzellen, sogenannte Interleukin-(IL-)17-produzierende TH17-Zellen beteiligt. Bei Gesunden sind diese TH17 Zellen für die Kontrolle von Bakterien und Pilzen verantwortlich. Sie verfügen aber auch über negatives, autoaggressives Wirkungspotential: Th17-Zellen spielen bei entzündungsfördernden Vorgängen und damit auch vielen Autoimmunerkrankungen eine Rolle.

Die Untersuchungen der Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz ergaben nun nicht nur, dass das Verhältnis von Tregs und TH17-Zellen entscheidend dazu beiträgt, ob eine Autoimmunerkrankung entsteht oder nicht, sondern vielmehr, dass sich ein Gleichgewicht der beiden Zelltypen zu Gunsten der Tregs mittels Hemmung der CK2 regulieren lässt.

Forschungsverbund „TR-SFB 128“

Die hier vorgestellten Studienergebnisse sind im Rahmen des interdisziplinären Sonderforschungsbereichs „Transregio 128: „Initiierungs-/Effektor- und Regulationsmechanismen bei Multipler Sklerose – von einem neuen Verständnis der Pathogenese zur Therapie“ entstanden. Der Transregio SFB 128 wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und von Prof. Dr. med. Frauke Zipp, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz und stellvertretende Vorsitzende des Ärztlichen Beirates des DMSG-Bundesverbandes, koordiniert.

Kurz nachgefragt bei Prof. Dr. med. Frauke Zipp

DMSG-Bundesverband: Was ist die Proteinkinase CK2 und bei welchen Prozessen spielt sie eine Rolle?

Prof. Zipp: Die Proteinkinase CK2 spielt für eine Reihe von Signalwegen im Körper eine Rolle. Spezielle Blocker dieser Kinase wurden als therapeutische Strategie bei Krebs (hier einer bereits in Phase 1 zum Multiplen Myelom) untersucht sowie bei neurodegenerativen Erkrankungen diskutiert.

DMSG-Bundesverband: Wann könnten MS-Erkrankte Ihrer Meinung nach von diesem Therapieansatz profitieren?

Prof. Zipp: Das Aufgreifen und Weiterentwickeln von neu entdeckten Therapieansätzen hängt immer ganz von den Interessen der Industrie ab. Daher lässt es sich schwer abschätzen, ob und wann ein neuer Wirkstoff auf den Markt kommt.

- 20.09.2016