DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Warum Frauen häufiger an Multipler Sklerose erkranken: Ansatz für neue Therapien

Bei Frauen wird Multiple Sklerose fast vier Mal häufiger diagnostiziert als bei Männern. Forscher der Washington University School of Medicine vermuten die Ursache für dieses bislang ungeklärte Phänomen in den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Gehirn-eine Entdeckung, die auch für männliche MS-Erkrankte neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen könnte.

Die Frage, warum MS bei Frauen sehr viel häufiger auftritt, konnte lange Zeit nicht beantwortet werden. Tests in den Gehirnen von weiblichen Mäusen und verstorbenen MS-Patientinnen halfen jetzt, diesem medizinischen Rätsel auf die Spur zu kommen. Eine entscheidende Rolle in Bezug auf diesen Unterschied zwischen Mann und Frau spielt demnach ein bestimmtes Eiweißmolekül im Gehirn: S1PR2, ein sogenanntes Rezeptormolekül. Es sitzt an den Blutgefäßen, die das Denkorgan versorgen. Dem Forscherteam um Robyn Klein von der Washington University gelang es jetzt, höhere Werte des Proteins S1PR2 in den Gehirnen von Frauen nachzuweisen und entschlüsselte so, welche Funktion der Rezeptor auf die Entstehung von MS hat. Mehr

Unterschiede in 20 Genen entdeckt

Zunächst untersuchten die Wissenschaftler die Genaktivitäten im Gehirn weiblicher und männlicher Mäuse. Die Tiere waren genetisch so programmiert, dass sie MS entwickelten –die Weibchen häufiger als ihre männlichen Artgenossen. Auf besonderes Interesse stieß die Aktivität der Gene in Hirnregionen, die durch MS besonders stark in Mitleidenschaft gezogen werden – aber auch in jenen Bereichen, die von MS weitgehend verschont bleiben. Insgesamt fanden die Forscher 20 Gene, die in weiblichen und männlichen MS-Hirnen unterschiedlich wirken – darunter S1PR2, das in den Köpfen der weiblichen Mäuse deutlich aktiver war. Bei der Untersuchung der Funktion von S1PR2 bei den Mäusen zeigte sich, dass dieses Protein bestimmt, ob Immunzellen, die MS verursachen können, über die Blutgefäße ins Gehirn gelangen können.

Der Rezeptor ist somit offenbar ein wichtiger Teil der sogenannten Blut-Hirn-Schranke. Dabei handelt es sich um Strukturen in den Blutgefäßen, die genau regulieren, welche Stoffe ins Gehirn gelangen und welche nicht. Der Mechanismus dient dazu, das sensible Organ in besonderem Maße vor Schadstoffen und Krankheitserregern zu schützen.

Besonders viele S1PR2-Proteine in weiblichen Gehirnen

S1PR2 ist offenbar für das Einschleusen von Immunzellen zuständig. Die werden im Gehirn - wie im übrigen Körper auch - zur Abwehr von Krankheitserregern und zum Abtransport abgestorbener Körpermaterialien benötigt. Im Zentralen Nervensystem von MS-Erkrankten sind sie jedoch fehlgeleitet – statt Schädlinge zu attackieren, greifen sie die schützende Myelinschicht an, die die Nervenzellen umgibt. Die Nerven entzünden sich und gehen schließlich zugrunde. Die Folge sind Symptome wie Taubheitsgefühle, Seh- und Sprachstörungen.
Die Blutgefäße in weiblichen Gehirnen verfügen offenbar über besonders viele S1PR2-Proteine. Demzufolge gelangen mehr Immunzellen ins weibliche Denkorgan. Entsprechend größer ist auch die Gefahr, dass fehlgesteuerte Immunzellen eingeschleust werden.

Dass dieser Mechanismus auch bei der Entstehung von MS im menschlichen Körper einer Rolle spielt, darauf weisen Gewebeuntersuchungen von 20 Verstorbenen hin. So fanden die Forscher erhöhte Mengen an S1PR2 in den Hirnen von MS-Patienten als in denen von Verstorbenen, die zu Lebzeiten keine MS gehabt hatten. Außerdem war auch hier die Menge der S1PR2-Rezeptoren in den Gehirnen weiblicher Patienten größer als in denen der männlichen MS-Erkrankten.

Weiterer Schritt zur Klärung der Entstehung von MS und Ansatz für neue Therapien

Studienleiterin Klein will nun eine Möglichkeit entwickeln, mit der sich der S1PR2 Gehalt im lebenden Gehirn überwachen lässt. So könnte ergründet werden, auf welche Weise S1PR2 zur Entstehung von MS beiträgt. Zudem liefern die Ergebnisse neue Ansätze, um die Symptome der Autoimmunerkrankung besser zu kontrollieren.

Ungeklärt bleibt jedoch, warum die S1PR2-Werte bei Frauen mit MS höher sind, da das Hormon Östrogen keine wichtige Rolle spielt. Zu dieser Frage sind klinische Studien für die nächsten Jahre geplant. Die Forschungsergebnisse wurden im Fachmagazin Journal of Clinical Investigation jci.org veröffentlicht.

Original: Klein RS. Et al: Sexually S1PR2 expression enhances susceptibility to CNS autoimmunity; The Journal of Clinical Investigation, online May 8, 2014.

Quelle: netdoktor.de

- 12.05.2014