DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Ist Multiple Sklerose vererbbar?

13.06.2006 – Eine wichtige Frage für Familien, in denen bereits MS aufgetreten ist - und auch dann, wenn MS-Erkrankte eine Familie gründen wollen. Experten geben einen Überblick über den Stand der Forschungen zur Genetik der MS

Immer wieder erreichen den Bundesverband unter anderen Fragen zur Vererbbarkeit der Multiplen Sklerose. Nun haben es Experten einmal übernommen, eine Übersicht über den derzeitigen Stand der Erkenntnisse für die Internetseite der DMSG, Bundesverband e.V. zu geben.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Dr. med. Oliver Neuhaus, Prof.Dr. med. Bernhard Hemmer und Prof. Dr. med. Hans-Peter Hartung von der Neurologischen Klinik der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf für den folgenden Beitrag.

Ist die MS vererbbar? Zur Genetik der MS

Die Ursache der MS ist nach wie vor nicht exakt erforscht. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass neben Umwelteinflüssen ein genetischer Hintergrund vorliegt. Die ersten Hinweise ergaben sich aus Verwandtschaftsstudien (siehe Abbildung 1): ein eineiiger Zwilling eines MS-Erkrankten, der mit exakt denselben Genen ausgestattet ist, hat ein etwa 25 %iges Risiko, ebenfalls an MS zu erkranken. Mit anderen Worten muss die Genetik zu 25 % an der Ursache der MS beteiligt sein, während Umwelteinflüsse zu 75 % eine Rolle spielen.

Insgesamt wird die MS als eine durch Umweltfaktoren verursachte Erkrankung angesehen, die Menschen mit einer genetisch bedingt erhöhten MS-Empfänglichkeit betrifft. Von einer echten Erbkrankheit kann bei der MS allerdings nicht gesprochen werden, es gibt auch nicht „das MS-Gen“. Der Vererbungsweg ist sehr vielschichtig und weitgehend noch unverstanden. Auch die Art der Umweltfaktoren ist noch nicht exakt aufgeklärt, diskutiert werden verschiedene Viruserkrankungen, die als Gemeinsamkeit zu einer Öffnung der so genannten Blut-Hirn-Schranke führen können.

Das Risiko eines Kindes einer oder eines MS-Betroffenen, ebenfalls im Laufe seines Lebens an MS zu erkranken, ist mit 3 % gegenüber dem der Gesamtbevölkerung 30-fach erhöht (Abbildung 1). Diese Zahl zeigt aber auch, dass eine 97 %ige Chance besteht, keine MS zu bekommen.

Abbildung 1: Das Risiko, an MS zu erkranken

In Mitteleuropa liegt das MS-Risiko in der Gesamtbevölkerung bei etwa 0.1 %, d.h. jeder tausendste Einwohner erkrankt im Laufe seines Lebens an MS. Ein eineiiger (also ein zu 100 % genetisch identischer) Zwilling eines MS-Erkrankten hat ein MS-Risiko von 25 %, welches gegenüber dem der Gesamtbevölkerung entsprechend 250-fach erhöht ist. Ein zweieiiger Zwilling oder auch andere Geschwister eines MS-Erkrankten ist zu 50 % genetisch identisch (genauso wie ein leibliches Kind eines MS-Erkrankten) und hat ein MS-Risiko von 3 %, das gegenüber dem der Gesamtbevölkerung 30-fach erhöht ist. Halbgeschwister eines MS-Erkrankten sind zu 25 % genetisch identisch und weisen ein MS-Risiko von 1 % auf, noch immer 10-fach erhöht gegenüber dem der Gesamtbevölkerung. Wer in seinen Genen den Marker HLA-DR2 besitzt, hat ein MS-Risiko von 0.2 bis 0.4 %, also 2- bis 4-fach erhöht.

Mit äußerst aufwändigen Methoden wurde und wird versucht, die genetischen Faktoren der MS besser zu erfassen. Hierzu werden die Genome, also die Gesamtheit aller Gene, von tausenden MS-Erkrankter mit denen gesunder Kontrollen verglichen. Eine andere Möglichkeit liegt im Vergleich der Gene eines MS-Herdes im Gehirn mit gesundem Gehirngewebe. Diese vergleichenden genetischen Untersuchungen sind in den letzten Jahren erst durch den Einsatz so genannter Gen-Chips möglich geworden (Abbildung 2). Die Gen-Chips besitzen auf kleinstem Raum zehntausende genetische Marker, die unterschiedliche Gene erkennen und jedem Individuum ein „Genprofil“ zuordnen können. Mit Computer-unterstützten Methoden werden diese Genprofile schließlich abgeglichen. Mit Hilfe dieser so genannten „Genomics“-Technik wurden bereits sehr viele Regionen im Genom identifiziert, die mit einem erhöhten MS-Risiko verbunden sind, aber auch solche, die möglicherweise vor MS schützen. Ein Beispiel für ein mit einem (2- bis 4-fach) erhöhten MS-Risiko verbundenes Gen ist das Haupthistokompatibilitätskomplex-Gen HLA-DR2 auf dem sechsten Chromosom, das zur Herstellung eines für das Immunsystem wichtigen Eiweißes führt.

Abbildung 2: Beispiel einer Auswertung der „Genomic“-Technik

Mit Hilfe eines so genannten Gen-Chips können sehr viele kleine Genabschnitte unterschiedlicher Gene untersucht werden. Wird ein Gen heraufreguliert, so erscheint der entsprechende Abschnitt auf dem Chip in grün, wird es dagegen herunterreguliert, so erscheint der entsprechende Abschnitt in rot. Vergleicht man nun Gehirngewebe eines MS-Herdes mit gesundem Gehirngewebe, so kann man ein Genprofil des MS-Herdes erstellen. Die gefundenen Gene, die im MS-Herd heraufreguliert wurden, können nun durch weitere Nachweismethoden (z.B. die so genannte quantitative „Echtzeit-Polymerasekettenreaktion“ (real-time polymerase chain reaction, rtPCR)) bestätigt werden.

Die nächsten Herausforderungen der „Genomics“ liegen in der Beantwortung der Frage, ob genetische Faktoren eine Rolle für das Ansprechen von Medikamenten gegen MS spielen. Es ist bekannt, dass die eingesetzten Behandlungen nicht bei allen MS-Erkrankten gleichermaßen wirksam sind, sondern deutliche individuelle Unterschiede aufweisen. Ziel dieser „Pharmacogenomics“ ist, mit Hilfe von genetischen Untersuchungen im Vorfeld zu klären, ob eine geplante Therapie auch Erfolg versprechend sein wird.

 
Quelle: Dr. med. Oliver Neuhaus,
Prof.Dr. med. Bernhard Hemmer
Prof. Dr. med. Hans-Peter Hartung
Neurologische Klinik, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktion: DMSG, Bundesverband e.V.
13. Juni 2006
 

- 07.02.2007