DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Neue Medikamente / Neue Ansätze

Multicenterstudie: Neues Medikament könnte bei Multiple Sklerose die Wahrscheinlichkeit von Schüben halbieren

Auf der Suche nach neuen Wirkstoffen gegen die schubförmige Multiple Sklerose haben Forscher der Ruhr Universität Bochum vielversprechende Ergebnisse bei einer Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper Daclizumab HYP erzielt: Die pharmakologisch modifizierte Form von Daclizumab reduzierte im Vergleich zu Placebo die Wahrscheinlichkeit für einen MS-Schub um über 50 Prozent, auch das Risiko für bleibende Einschränkungen sank um rund die Hälfte. Mehr als 600 Patienten an 76 Zentren in ganz Europa und Indien nahmen an dieser Zulassungsstudie teil.

Die randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Untersuchung konnte die Wirksamkeit und Sicherheit des neuen immunmodulatorischen Medikaments bestätigen, berichten die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Magazins "The Lancet". "Innerhalb eines Jahres reduzierte Daclizumab HYP die Häufigkeit erneuter Erkrankungsepisoden bei Patienten mit einer schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose um 54 Prozent", erklärt der Leiter der Multicenterstudie Prof. Dr. med. Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik am St. Josef-Hospital, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Da Daclizumab HYP zudem in der Lage sei, das krankheitsbedingte Fortschreiten der körperlichen Behinderung zu verzögern, und von den Patienten gut vertragen werde, sieht das Vorstandsmitglied des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. darin eine weitere Therapiemöglichkeit bei Patienten mit dieser häufigen Form der Multiplen Sklerose.

Rund 50 Prozent weniger Schübe und Beeinträchtigungen

Um den Erfolg des Medikaments zu messen, verglichen Professor Gold und seine Kollegen zunächst, wie häufig die zufällig auf drei annähernd gleich große Gruppen verteilten 621 Patienten im Alter zwischen 18 und 55 Jahren während der Behandlung einen neuen MS-Schub erlitten. Weder Patienten noch medizinisches Personal waren eingeweiht, in welche Gruppe ein Patient gehörte (doppelblind). Das Ergebnis: Im Vergleich mit Patienten, die nur Placebo erhalten hatten, reduzierte sich die Schubrate unter der Behandlung mit 150 mg Daclizumab HYP um 54 Prozent, unter 300 mg des Medikaments um 50 Prozent. "Während Daclizumab HYP bereits in Kombination mit Interferon beta gute Ergebnisse erzielte, zeigt unsere zulassungsrelevante Studie zum ersten Mal die Wirksamkeit des monoklonalen Antikörpers in der Einzeltherapie", verdeutlicht Studienleiter Gold.

Darüberhinaus untersuchten die Forscher die Anzahl der Entzündungsherde in Hirn und Rückenmark der Patienten mittels Magnetresonanztomografie und bewerteten den körperlichen und psychischen Zustand sowie die Lebensqualität der Patienten mit verschiedenen Testverfahren. Eine fortschreitende Behinderung durch die MS-Erkrankung trat in den beiden mit Daclizumab behandelten Gruppen ebenfalls um die Hälfte seltener auf als in der Placebo-Gruppe. Die Anzahl neuer Entzündungsherde in Hirn und Rückenmark sank durch die Daclizumab-Therapie.

Fortschreiten der MS verzögern – ohne schwere Nebenwirkungen

Laut der SELECT-Studie blieb bei Anwendung von Daclizumab HYP, verabreicht als subkutane Injektion alle vier Wochen über den Zeitraum von einem Jahr, deutlich mehr Patienten eine erneute Episode ihrer MS erspart: Während nur 64 Prozent der Patienten mit Placebo schubfrei blieben, waren es unter der Behandlung mit Daclizumab HYP etwa 80 Prozent. Da vielen Betroffenen vor allem eine zunehmende körperliche Behinderung drohe, müssten sich neue Medikamente an ihrer Fähigkeit messen lassen, diese Progression aufzuhalten, so Prof. Gold: "Unsere Daten weisen darauf hin, dass Daclizumab HYP auch unabhängig von der Schubrate in der Lage ist, das Fortschreiten der körperlichen Behinderung zu verzögern." Zudem klagten Patienten unter der Therapie mit Daclizumab HYP nicht häufiger über Nebenwirkungen als Patienten unter Placebo. Rechneten die Autoren das Auftreten einer erneuten Erkrankungsepisode hinzu, so war die Rate an schweren Nebenwirkungen in der Gruppe mit Daclizumab HYP sogar geringer.

Weitere Studien nötig

Unerwünschte Nebenwirkungen betrafen hauptsächlich die Leberfunktion und Hautentzündungen. "Um die Sicherheit zu gewährleisten, werden Monitoring-Programme und Therapie-Richtlinien entwickelt", erklärt Prof. Gold, "so dass man Fälle von immunbedingten Nebenwirkungen früh erkennen kann." Insgesamt werten die Forscher die Ergebnisse der Studie als Erfolg: "Die Dosis von 150 Milligramm alle vier Wochen hat sich als viel versprechend für weitere Studien herausgestellt. Insbesondere zeigen sich völlig neue Wirkmechanismen, nämlich die verbesserte Rekrutierung von körpereigenen, regulatorischen natürlichen Killerzellen als Schutzmechanismus. Daclizumab könnte in Sachen Wirkmechanismus, Sicherheit und Verträglichkeit einer der dringend benötigten neuen Wirkstoffe zur Behandlung der Multiplen Sklerose werden."

Der Wirkstoff Daclizumab

Daclizumab ist ein sogenannter monoklonaler Antikörper, der auf das Immunsystem wirkt. Er blockiert den hochaffinen Rezeptor des entzündungsfördernden Botenstoffs Interleukin-2, von dem man annimmt, dass er bei der Multiplen Sklerose eine bedeutende Rolle spielt. Bei MS greift das körpereigene Immunsystem die Isolierschicht der Nervenzellen an und zerstört sie. Auf dem Weg zu einer Zulassung von Daclizumab HYP als kommerzielles Präparat ist eine weitere Studie notwendig, die derzeit unter der Bezeichnung DECIDE den Antikörper mit Interferon-Beta vergleicht.

Weitere Informationen zum Stand der Forschungen zu Daclizumab bietet das DMSG-Internettool:

MS erforschen

 

Quelle: Gold R, et al. Daclizumab high-yield process in relapsing-remitting multiple sclerosis (SELECT): a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet 2013; Vol. 381, Online First, PM DGN und RUB - 04. April 2013

- 04.04.2013