DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Der DMSG-Bundesverband fragt nach: Experten-Interview zur Aussicht auf eine Prophylaxe und Therapie der PML

Bisher gibt es keine Therapie für die Progressive Multifokale Leukoenzephalopathie (PML). Über vierzig Jahre nach Entdeckung des JC-Virus hat jetzt ein internationales Forschungsteam um Prof. Dr. med. Roland Martin Ansätze zur Behandlung und Vorbeugung dieser häufig schwer oder tödlich verlaufenden Erkrankung gefunden, die auch bei Multipler Sklerose auftreten kann.

Fortschritt im Kampf gegen PML

Forschende der Universität Zürich und des Universitätsspitals haben erstmals neue mögliche Behandlungsmethoden aufgezeigt für die seltene, schwere Gehirnerkrankung PML. Wir berichteten

Im Interview mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. beantwortet Prof. Dr. med. Roland Martin, leitender Arzt der Klinik für Neurologie am UniversitätsSpital Zürich, einige dringende Fragen zur Bedeutung dieser Forschungsansätze:

Sehr geehrter Herr Prof. Martin, Stehen Sie vor einem Durchbruch bei einer Impfung gegen PML?

Prof. Dr. med. Martin: Vor etwa 6 Jahren haben wir begonnen, über eine Impfung gegen PML nachzudenken. Nachdem es sich bei PML um eine virus-vermittelte Infektion handelt, die bei geschwächtem Immunsystem auftritt, lag es nahe, mit einer Impfung eine starke Immunreaktion gegen JCV auszulösen, um die Schwäche auszugleichen. An drei Patienten (in Hamburg, Zürich und Mailand) mit angeborenem und erworbenem Immundefekt und PML haben wir ein Impf-Schema getestet, bei dem man das Hüllprotein des JC-Virus dreimal in die Haut injiziert und gleichzeitig eine Substanz zur Immunaktivierung auf die Haut aufträgt. Wir waren überrascht, das alle drei Patienten das Virus aus dem Gehirn eliminierten und eine JC Virus-spezifische Immunantwort entwickelten. Die Impfversuche waren erfolgreich. Zudem zeigen unsere Daten, dass die Auslösung/Verstärkung einer Immunantwort auch nützlich sein kann, wenn die PML bereits entstanden ist. Parallel zur aktiven Impfung verfolgten wir einen weiteren Ansatz: Aus Immunzellen einer mit Natalizumab behandelten MS-Patientin, die eine PML überstanden hatte, wurden JC Virus-spezifische, menschliche Antikörper gewonnen. Diese Antikörper erscheinen ideal geeignet, um PML-Patienten sofort zu behandeln. Anders als bei der aktiven Impfung ist es nicht erforderlich, dass der Patient selbst eine Immunantwort aufbaut. Diese wird mit Gabe des Antikörpers zur Verfügung gestellt und könnte auch eingesetzt werden, wenn keine oder nur noch eine minimale Restfunktion des Immunsystems besteht. Deshalb spricht man von passiver Impfung.

DMSG-Bundesverband: Was ist das Bahnbrechende an den Forschungsergebnissen?

Prof. Martin: Mit den Befunden ist insofern ein Durchbruch erfolgt, als nun die Basis für die klinische Entwicklung der aktiven und passiven Impfung oder Therapie der PML geschaffen ist. Bei MS-Patienten, die auf eine Behandlung mit PML-Risiko eingestellt werden sollen, insbesondere Natalizumab (Handelsname Tysabri ®), aber z.B.auch Fingolimod (Gilenya ®) und Dimethylfumarat (Tecfidera ®), bei denen es auch PML Fälle gab, könnte durch eine Impfung möglicherweise das PML-Risiko deutlich reduziert oder eliminiert werden. Wenn es zu einer PML gekommen ist, wäre die Gabe der JCV-spezifischen monoklonalen Antikörper eine mögliche Therapie, die sofort eingesetzt werden könnte. Wenn die Akut-Maßnahmen nicht ausreichend ansprechen, wäre es möglich, eine aktive, therapeutische Impfung vorzunehmen.

DMSG-Bundesverband: Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Prof. Martin: Weder bei der aktiven Impfung noch bei der Therapie mit den monoklonalen Antikörpern erwarten wir nennenswerte Nebenwirkungen, da die meisten Personen ohnehin mit dem JC-Virus infiziert sind. Bei den drei Personen, die wir bisher aktiv geimpft haben, sind keinerlei Impf-Nebenwirkungen aufgetreten. Auch sind alle mehrere Jahre nach PML noch am Leben. Formal muss die gute Verträglichkeit und Sicherheit aber in einer Phase I-Studie gezeigt werden.

DMSG-Bundesverband: Wann ist mit einer Zulassung zu rechnen?

Prof. Martin: Für beide Verfahren, aktive und passive Impfung/Therapie, wurde gezeigt, dass sie sehr vielversprechend sind. Da PML eine relativ seltene und schwer verlaufende Erkrankung ohne Behandlung ist, kann die klinische Entwicklung vermutlich in kleineren klinischen Studien durchgeführt werden, als es für eine neue Therapie der Multiplen Sklerose gefordert ist. Dennoch dauert es bis zur möglichen Zulassung ein paar Jahre. Die aktive Impfung wird bereits von einer kleinen Firma in Deutschland vorangetrieben.

Der DMSG-Bundesverband bedankt sich herzlich für dieses Interview

 

 

- 22.12.2015