DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Dimethylfumarat: Rote-Hand-Brief informiert über aktualisierte PML-Risikominimierung

Kürzlich wurde die Risikominimierung einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) bei mit Dimethylfumarat (Handelsname Tecfidera®) behandelten Multiple Sklerose -Erkrankten vom Hersteller in Abstimmung mit den europäischen und nationalen Regulierungsbehörden aktualisiert. In einem Rote-Hand-Brief informiert der Hersteller nun darüber.

Dimethylfumarat (DMF) ist seit Anfang 2014 innerhalb der Europäischen Union zur Behandlung der schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose (RRMS) bei Erwachsenen zugelassen. Während einer Therapie mit DMF kann es als Nebenwirkung zu reduzierten Zahl bestimmter weißer Blutkörperchen, sogenannter Lymphozyten, kommen. Die Reduktionen der Lymphozyten beeinflusst je nach Schweregrad die Immunabwehr und kann in selten Fällen zu schwerwiegenden opportunistischen Infektionen, wie beispielweise der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) durch die Reaktivierung des John-Cunningham-Virus führen. Die PML kann tödlich verlaufen oder zu schweren Behinderungen führen.

Im aktuellen Rote-Hand-Brief wird über drei Fälle von PML bei bestehender leichter Lymphopenie (Erniedrigung der Lymphozytenzahl) berichtet. Bisher war das Auftreten einer PML nur im Zusammenhang mit einer mäßigen bis schweren Lymphopenie bei 8 Fällen bestätigt worden (siehe Box "Lymphozytenwerte").

Gemäß den bereits bestehenden Empfehlungen sollten bei allen Patienten vor Behandlungsbeginn mit DMF und danach alle 3 Monate die absoluten Lymphozytenzahlen bestimmt werden.

Bei Personen mit Lymphozytenwerten unterhalb der unteren Normgrenze wird jetzt erhöhte Wachsamkeit empfohlen und weitere Faktoren, die möglicherweise zu einem erhöhten PML-Risiko bei Personen mit Lymphopenie beitragen könnten, sollten berücksichtigt werden.

Dazu gehören unter anderem:

  • Die Dauer der Therapie mit Dimethylfumarat. Die PML-Fälle traten nach einer Behandlungsdauer von ca. 1 bis 5 Jahren auf, obwohl ein genauer Zusammenhang mit der Behandlungsdauer unbekannt ist;
  • Eine deutliche Abnahme der CD4+ und insbesondere der CD8+ T-Lymphozyten (Zellzahlen);
  • Eine vorherige immunsuppressive oder immunmodulierende Therapie. Bei Personen mit anhaltender mäßiger Lymphopenie über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten sollten Nutzen und Risiko der Behandlung mit DMF erneut überprüft werden.

Darüber hinaus:

  • sollten Ärzte ihre Patienten dahingehend beurteilen, ob vorliegende Symptome auf eine neurologische Dysfunktion hinweisen, und wenn ja, ob diese Symptome typisch für eine MS sind oder möglicherweise auf eine PML hindeuten.
  • ist bei den ersten Anzeichen oder Symptomen, die auf eine PML hindeuten, DMF abzusetzen und sind entsprechende diagnostische Untersuchungen durchzuführen, einschließlich des Nachweises von JCV-DNA im Liquor mittels quantitativer Polymerase-Kettenreaktion.
  • muss beachtet werden, dass Patienten, die eine PML nach dem kürzlichen Absetzen von Natalizumab entwickeln, eventuell keine Lymphopenie zeigen.

Zusammenfassend gilt:

  • DMF darf zur Behandlung der RRMS bei Patienten mit vermuteter oder bestätigter PML nicht eingesetzt werden.
  • Eine DMF-Therapie darf bei MS-Erkrankten mit schwerer Lymphopenie nicht eingeleitet werden.
  • Falls die Lymphozytenzahl unterhalb der Norm liegt, sollte vor Einleitung einer Therapie mit DMF eine umfassende Abklärung möglicher Ursachen durchgeführt werden.
  • Bei Patienten, bei denen eine schwere Lymphopenie auftritt, die mehr als 6 Monate andauert, sollte DMF abgesetzt werden.
  • Wenn ein Patient eine PML entwickelt, muss DMF dauerhaft abgesetzt werden.
  • Mit DMF behandelte MS-Erkrankte sollten angehalten werden, Partner oder Betreuungspersonen über die Behandlung und die möglichen Symptome einer PML zu informieren, da diese Symptome wahrnehmen könnten, die vom Patienten nicht bemerkt werden.

Hier finden Sie den "Rote-Hand-Brief zu Tecfidera® (Dimethylfumarat): Aktualisierte Empfehlungen im Zusammenhang mit Fällen von progressiver multifokaler Leukenzephalopathie (PML) bei leichter Lymphopenie"

Expertenkommentar von Prof. Dr. med. Luisa Klotz, Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes

"Der aktuelle Rote Hand Brief zu drei neuen PML-Fällen unter Dimethylfumarat zeigt, dass offenkundig auch bei bestimmten Patienten selbst bei gering ausgeprägter Lymphopenie eine PML auftreten kann. Dies erfordert seitens der behandelnden Ärzte eine erhöhte Vigilanz bei der Betreuung DMF therapierter Patienten sowie eine entsprechende Aufklärung der Patienten.

Anders als bei Natalizumab gibt es bislang noch keine standardisierte Risikostratifizierung, dennoch werden in dem aktuellen Rote-Hand-Brief bereits einige Risikofaktoren benannt, so die Behandlungsdauer, die Reduktion bestimmter Lymphozytenpopulationen sowie eine immunsuppressive Vortherapie."

Quelle: Rote-Hand-Briefe und Informationsbriefe, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Wirkstoff Dimethylfumarat, 09.11.2020; https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2020/rhb-tecfidera.html
DMSG-Bundesverband e.V. 12.11.2020

- 12.11.2020