DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Erste Erfahrung in der Anwendung von Bamlanivimab bei Patienten mit hochaktiver Multipler Sklerose und COVID19-Infektion – ein Fallbericht

Die neu entwickelten und in den USA per Notfallgenehmigung bereits zugelassenen Antikörperpräparate gegen COVID-19 (Bamlanivimab von Eli Lilly sowie REGN-COV2, eine Kombination von Casirivimab/Imdevimab von Regeneron) wurden vor Kurzem von der Bundesregierung eingekauft und kommen ohne vorherige Zulassung in Europa zum Einsatz.

Es handelt sich dabei um Antikörper die am SARS-CoV-2 Spike-Protein binden und dadurch eine weitere virale Infizierung der Körperzellen verhindern. Laut verfügbaren klinischen Studien reduzieren die Medikamente das Risiko eines schweren Verlaufes der Erkrankung. Die Präparate sind allerdings nur im Frühstadium der Infektion effektiv und sollen nur bei Patienten mit potentiell erhöhtem Risiko einer schweren Infektion angewendet werden. Diese Therapieoption ist für MS-Patienten potentiell relevant, da das Risiko eines schweren Verlaufes bei einigen Untergruppen erhöht ist, insbesondere bei älteren Patienten mit einer stärkeren Behinderung (z.B. deutlich reduzierte Mobilität, Beeinträchtigung der Lungenfunktion durch mangelnde Bewegung oder Beteiligung der Atemmuskulatur, Schluckstörungen, Multimorbidität) sowie Patienten unter einer hochaktiven Immuntherapie.

Eine der deutschlandweit ersten Anwendungen erfolgte bei einer Patientin mit schubförmiger MS in der Neurologischen Univ. Klinik am St. Josef Hospital Bochum. Die Patientin mit einem hochaktiven Krankheitsverlauf wird seit über zehn Jahren erfolgreich mit Natalizumab behandelt, konnte aber nicht auf orale Immuntherapie umgestellt werden. Die COVID19-Infektion wurde am 24.1. symptomatisch, und am 25.1.2021 in der PCR bestätigt. Nachdem sie die Freigabe des lokalen Gesundheitsamtes aus der Quarantäne erhielt, da vor Ort die Behandlung nicht erhältlich war, fand sie sich am 29.1 in Bochum ein. Entsprechend der Richtlinien - Gabe innerhalb der ersten Woche nach dem Auftreten von COVID-19 Symptomen – wurde sie mit Bamlanivimab komplikationslos behandelt. Bis dato haben wir keine Nebenwirkungen der Therapie beobachtet, der Allgemeinzustand der Patientin ist gut und sie kann weiter in häuslicher Quarantäne behandelt werden. Erfreulicherweise ist es auch zu keiner Reaktivierung der MS bzw. keiner Verschlechterung der vorbekannten neurologischen Symptome durch die Infektion gekommen.

Wie gut ist die Studienlage zu o.g. Therapieoptionen?

Eine relativ kleine zuletzt publizierte randomisierte doppelblinde placebo-kontrollierte Studie (BLAZE-1, NCT04427501) zeigte, dass der Anteil der Patienten, die einen Krankenhausaufenthalt bzw. notfallmäßige Vorstellung im Krankenhaus gebraucht haben, signifikant reduziert werden konnte (1.6 Prozent unter Bamlanivimab vs. 5.8 Prozent unter Placebo)1. Eine Reduktion der Viruslast (am Tag 11 der Infektion) konnte unter Monotherapie mit Bamlanivimab allerdings nicht gezeigt werden. Interessanterweise scheint das Präparat eine ausreichende präventive Wirkung zu haben. In einer weiteren Phase-III-Präventionsstudie (BLAZE-2, NCT04497987) wurde das Präparat den Bewohnern und Mitarbeitern von Pflegeheimen mit ersten Fällen einer COVID-19 Infektion präventiv verabreicht. Im Vergleich zu Plazebo führte Bamlanivimab zu einem signifikant geringeren Risiko von symptomatischen COVID-19 Infektionen (Odds Ratio 0.43, p=0.00021). In der Untergruppe der Heimbewohner war dieser Effekt noch deutlicher (Odds Ratio 0.20; p=0.00026). Die Odds Ratio drückt aus, um wie viel kleiner die Chance in der Gruppe mit Bamlanivimab ist, an einer symptomatischen Covid-19-infektion zu erkranken - verglichen mit der Chance in der Placebogruppe. Die Studie bestätigt, dass erwartungsgemäß vor allem eine sehr frühe Anwendung vorteilhaft ist. Die Therapie mit REGN-COV2 (Kombination von Casirivimab und Imdevimab, Studie NCT04425629) führte zu einer signifikant größeren Reduktion der Viruslast (am Tag 7 der Infektion). Klinisch zeigten sich ähnliche Ergebnisse wie unter Bamlanivimab: nur drei Prozent der Patienten aus der REGN-COV2 Gruppe im Vergleich zu 6 Prozent unter Placebo mussten einen Arzt bzw. ein Krankenhaus aufsuchen.

Wie sicher die Präparate und wie effektiv die Anwendung im klinischen Alltag sind, bleibt noch offen. Bei beiden Medikamenten ist das Sicherheitsprofil bei eingeschränkter Datenlage noch nicht ausreichend untersucht und infusionsbedingte Reaktionen inkl. anaphylaktischer Reaktionen sind möglich. Aktuell ist die Anwendung nur in Einzelfällen und nach einer strengen Nutzen-Risiko Abwägung in spezialisierten Zentren bzw. Universitätskliniken möglich.

Autoren

Literatur

  1. Gottlieb RL, Nirula A, Chen P et al. Effect of Bamlanivimab as Monotherapy or in Combination With Etesevimab on Viral Load in Patients With Mild to Moderate COVID-19: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2021 Jan 21:e210202. doi: 10.1001/jama.2021.0202. PMID: 33475701
  2. Bamlanivimab: Erste Studiendaten zur präventiven Behandlung von Bewohnern und Mitarbeitenden von Pflegeheimen, www.lilly-pharma.de/pressemitteilungen/Bamlanivimab1
  3. REGN-COV2, a Neutralizing Antibody Cocktail, in Outpatients with Covid-19.Weinreich DM, Sivapalasingam S, Norton T et al. N Engl J Med. 2021 Jan 21;384(3):238-251. doi: 10.1056/NEJMoa2035002. PMID: 33332778

Quelle: Prof. Dr. med. Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik, Neurologische Universitätsklinik und PD Dr.med. Ilya Ayzenberg, leitender Oberarzt, St. Josef-Hospital Ruhr-University Bochum - 09.02.2021
Redaktion: DMSG-Bundesverband - 09.02.2021

09.02.2021