DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Gangstörung bei Multipler Sklerose: Vorhersage des Therapieerfolgs durch Magnetstimulation?

Der Wirkstoff Fampridin ist zur Verbesserung der Gehfähigkeit bei Multipler Sklerose (MS) zugelassen, wirkt allerdings nur bei weniger als der Hälfte der Patienten: Mediziner der Neurologischen Uniklinik Würzburg haben untersucht, wie mit Hilfe der Magnetstimulation ein Ansprechen auf das Medikament bereits vor Einnahmebeginn abgeschätzt werden könnte- ihre Erkenntnisse könnten dazu beitragen, unnötige Behandlungsversuche zu vermeiden.

Bei MS-Erkrankten finden sich Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark, die in Abhängigkeit von ihre Lage und Größe mehr oder weniger schwere Symptome hervorrufen. Vorrangiges Ziel der MS-Therapie ist es, die Entzündungsaktivität im Zentralen Nervensystem (ZNS) einzudämmen, wodurch das Auftreten bleibender Einschränkungen allerdings langfristig oft nicht komplett verhindert werden kann. So tritt im Krankheitsverlauf häufig eine im Alltag einschränkende Gangstörung auf.

Fampridin: Positive Wirkung nur bei der Hälfte der Patienten nachgewiesen

Seit 2011 ist in Deutschland das Medikament Fampridin (Fampyra®) zur Verbesserung der Gehfähigkeit bei MS zugelassen. Der Wirkstoff blockiert Kaliumkanäle auf der Oberfläche von Nervenzellausläufern, wodurch es zu einer Verbesserung der Leitfähigkeit von Nervenfasern kommen kann. Diese drückt sich in erster Linie in einer Zunahme der Gehgeschwindigkeit, aber auch der subjektiven Gangsicherheit aus. Bereits in den Studien vor Zulassung von Fampridin war allerdings deutlich geworden, dass weniger als die Hälfte der Patienten mit MS tatsächlich von der Einnahme des Präparates profitieren, während sich bei den übrigen Patienten keine Veränderung der Gehfähigkeit zeigt. Aus diesem Grund erfolgte die Zulassung unter der Bedingung, dass vor einer längerfristigen Verordnung von Fampridin stets eine zweiwöchige "Testphase" stehen muss – nur wenn die Gehfähigkeit nach zweiwöchiger Einnahme des Medikamentes besser ist als vor Behandlungsbeginn, kann die weitere Verordnung erfolgen.

Magnetstimulation zur Vorhersage des Therapieansprechens?

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Ansprechen des einzelnen Patienten mit MS auf Fampridin schon vor Therapiebeginn vorherzusagen, sind Wissenschaftler der Universität Würzburg jetzt einen Schritt weitergekommen. Mit Hilfe eines Protokolls der transkraniellen Magnetstimulation, bei der mit einer Magnetspule ein Magnetfeld im Stirnbereich des Patienten erzeugt wird, das die dahinter liegenden Regionen des Gehirns stimuliert, haben sie den Zusammenhang zwischen der Leitgeschwindigkeit motorischer Bahnen im ZNS und dem Ansprechen der Gangstörung auf Fampridin bei Patienten mit MS genauer untersucht. Seine Ergebnisse hat das Team um die Mediziner Dr. Daniel Zeller und Dr. Mathias Buttmann, Mitglied im Ärztlichen Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. jetzt im Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry veröffentlicht.

Die Pilotstudie zeigt, dass die Chance eines MS-Patienten, unter Fampridin eine Verbesserung der Gehfähigkeit zu erfahren, mit Hilfe der Magnetstimulation bereits im Voraus abgeschätzt werden kann.

Die Studie

Zwanzig an MS erkrankte Patienten haben die Wissenschaftler in dieser Studie untersucht. Vor Behandlungsbeginn mit Fampridin wurde mit Hilfe der transkraniellen Magnetstimulation die sog. zentralmotorische Latenz (ZML) bestimmt, also die Zeit, die ein elektrischer Impuls benötigt, um von der Hirnrinde bis zur Nervenwurzel auf Höhe der Wirbelsäule zu gelangen. Die ZML spiegelt in erster Linie den Schädigungsgrad motorischer Bahnen infolge entzündlicher Entmarkungsherde wider. Ebenfalls vor Behandlungsbeginn sowie zusätzlich am Tag 14 der Einnahme von Fampridin wurde die Gehgeschwindigkeit gemessen. Ein Ansprechen auf die Therapie wurde mit einer mindestens 20-prozentigen Verbesserung der Gehgeschwindigkeit über zwei verschiedene Distanzen definiert.

Es zeigte sich, dass die ZML signifikant mit den Änderungen der Gehgeschwindigkeit unter Fampridin korrelierte: Je deutlicher die ZML vor Therapie verlängert war, desto besser sprachen die Patienten auf das Medikament an. Darüber hinaus war die durchschnittliche ZML vor Therapiebeginn in der Gruppe der Therapie-Ansprecher (Responder) signifikant höher als in denjenigen Patienten, die nicht auf Fampridin ansprachen (Non-Responder). Dasselbe zeigte sich auch, wenn das Ansprechkriterium auf eine 10-prozentige Verbesserung in beiden Gehstrecken gelockert wurde.

Alle Fampridin-Responder und ein Teil der Non-Responder hatten vor Therapiebeginn eine verlängerte ZML, während alle Patienten mit einer normalen ZML Non-Responder waren. Dieses Ergebnis ist gut mit dem vermuteten Wirkmechanismus von Fampridin vereinbar, nämlich einer Verbesserung der Reizleitung in zentralen Leitungsbahnen, deren Leitgeschwindigkeit infolge von Entmarkungsherden verringert ist. Insbesondere aber weist die Studie darauf hin, dass MS-Patienten mit einer normalen zentralen Leitungszeit höchst wahrscheinlich nicht von Fampridin profitieren werden, während eine ZML-Verlängerung vor Therapiebeginn die Chance auf ein Ansprechen erhöht. Bei Bestätigung der Ergebnisse im Rahmen einer größeren Studie könnte die Magnetstimulation für Neurologen im klinischen Alltag nützlich sein, die Chancen eines Therapieversuches mit Fampridin bereits im Voraus abzuschätzen und dadurch unnötige Behandlungsversuche mit Fampridin zu vermeiden.

Central motor conduction time may predict response to fampridine in multiple sclerosis patients. Daniel Zeller, Karlheinz Reiners, Stefan Bräuninger, Mathias Buttmann. J Neurol Neurosurg Psychiatry doi:10.1136/jnnp-2013-306860.

Quelle: Pressemitteilung Neurologische Uniklinik Würzburg - 20. Dezember 2013

- 20.12.2013