DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Aus dem Ärztlichen Beirat

Leberschäden unter Daclizumab – EMA schränkt Zinbryta®-Einsatz ein und empfiehlt strengere Grenzen bei den Leberwerten

Aufgrund des erhöhten Risikos schwerwiegender Leberschäden unter Anwendung des MS-Medikaments Daclizumab (Zinbryta®), hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) im Juni 2016 nach einem Todesfall mit Leberversagen die Sicherheitshinweise für das Medikament vorläufig verschärft und ein Prüfverfahren eingeleitet. Am 27. Oktober 2017 veröffentlichte die EMA nun zusätzliche Anwendungs-Einschränkungen. Das Kompetenznetz MS und die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. informieren über die aktuellen Entwicklungen und neuesten Anwendungshinweise zu Zinbryta®.

Die konkretisierten EMA-Anwendungshinweise zu Zinbryta® im Überblick

Nach den vorläufigen Anwendungseinschränkungen im Juni 2017 hat der Pharmakovigilanz-Ausschuss (PRAC) der EMA die Auflagen nun im Oktober weiter verschärft: Künftig sollen ausschließlich Patienten mit schubförmig-verlaufender Multiplen Sklerose Daclizumab (Zinbryta®) erhalten, wenn bei ihnen zuvor mindestens zwei andere krankheitsmodifizierende Therapien (DMT) keinen Erfolg zeigten und wenn eine Behandlung mit anderen krankheitsmodifizierenden Medikamenten nicht möglich ist.

Zudem sollen Ärzte nun mindestens einmal im Monat die Leberwerte (ALT, AST und Bilirubin) bestimmen, diese jedoch in zeitlicher Nähe zur nächsten Zinbryta®-Gabe sowie auch noch bis zu sechs Monate nach Ende der Zinbryta®-Therapie kontrollieren (vorher bis zu vier Monate).

Vorbestehende Autoimmunerkrankungen (v.a. Autoimmunhepatitiden) und chronische Infektionserkrankungen (u.a. HIV, TBC, virale Hepatitiden) sind vor Therapiebeginn auszuschließen und stellen eine Kontraindikation für die Gabe von Zinbryta dar.

Patienten mit sonstigen vorangegangenen und/oder bestehenden Lebererkrankungen dürfen ebenfalls nicht mit Zinbryta® behandelt werden. Eine Anwendung von Zinbryta ® darf nicht bei Patienten begonnen werden, deren Leberenzymwerte über dem Zweifachen des oberen Referenzwertes liegen. Die Therapie mit Zinbryta® sollte abgebrochen werden, wenn Patienten die erforderlichen Kontrolluntersuchungen nicht einhalten oder wenn Patienten nicht auf die Behandlung ansprechen. Ebenfalls ist ein Abbruch der Therapie erforderlich, wenn die Leberenzymwerte das Dreifache des Normalwertes übersteigen und/oder wenn Patienten Anzeichen und Symptome einer Leberschädigung zeigen. In diesen Fällen muss eine sofortige Überweisung an einen Leberspezialisten erfolgen; ebenso bei Vorliegen eines positiven Hepatitis-B oder –C-Tests.

Vorsicht geboten ist bei gleichzeitiger Anwendung von Zinbryta® und anderen möglicherweise leberschädigenden Medikamenten oder nicht verschreibungspflichtigen Präparaten.

Was bedeuten die neuen EMA-Anwendungshinweise konkret für Patienten, die bereits Daclizumab (Zinbryta®) erhalten?

Bei Patienten mit schubförmig-verlaufender MS ohne weitere Autoimmun- oder Infektionserkrankungen und ohne bestehende/vorangegangene Leberfunktionsstörungen ist eine Therapieumstellung von Daclizumab nicht zwingend erforderlich. „Dies gilt jedoch nur, sofern die empfohlenen Kontrolluntersuchungen regelmäßig erfolgen und die Leberwerte weiterhin unauffällig sind“, so Prof. Dr. Ralf Gold, Vorstandsvorsitzender des Kompetenznetzes MS und Vorstandsmitglied des Ärztlichen Beirats der DMSG. Vorsicht ist jedoch auch hier bei gleichzeitiger Einnahme potentiell leberschädigender Medikamente oder nicht verschreibungspflichtiger pflanzlicher Präparate geboten. Ärzte sollten ihre Patienten daher nach der erfolgten oder geplanten Einnahme dieser Substanzen fragen.

„In jedem Fall ist eine erneute umfassende Aufklärung des Patienten über die Sicherheitswarnung der EMA und die damit verbundenen Anwendungs-Einschränkungen erforderlich. Der Patient sollte erneut über die Risiken und Symptome einer möglichen Leberschädigung unter Daclizumab (Zinbryta®) sowie über die erforderlichen regelmäßigen Kontrolluntersuchungen durch den Arzt aufgeklärt werden, idealerweise mit schriftlicher Einwilligungserklärung“, so Prof. Dr. med. Heinz Wiendl, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des KKNMS und Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat der DMSG. „Wir empfehlen behandelnden Ärzten stets individuell zu überprüfen, ob ein Therapiewechsel erforderlich ist“, so Prof. Dr. med. Wiendl weiter. „Auch nach einer erfolgten Umstellung von Daclizumab auf ein anderes Medikament und bei bisher normalen Leberwerten sind die ALT-, AST- und Bilirubinwerte bis sechs Monate nach der letzten Daclizumab-Gabe dringend zu überprüfen, um Folgeschäden bestmöglich auszuschließen“, fügt Prof. Dr. med. Bernhard Hemmer vom Vorstand des KKNMS und vom Ärztlichen Beirat der DMSG an.

Quelle: Presseinformation von DMSG-Bundesverband und Krankheitsbezogenem Kompetenznetz Multiple Sklerose - 14.11.2017

- 14.11.2017