DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Symptomatische Therapie

Multiple Sklerose-Erkrankter darf Cannabis anbauen-ausnahmsweise: Experten-Interview zum Urteil des Bundes-Verwaltungsgerichtes

Erstmals hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einem schwer an MS Erkrankten erlaubt, für seinen Eigenbedarf zu Hause Cannabis anzubauen: Wenn es keine andere Therapiemöglichkeit gebe, müsse einem Patienten so der Zugang zu Cannabis ermöglicht werden, entschieden die Richter-Was dieses Urteil für MS-Erkrankte bedeutet, erklärt Prof. Dr. med. Thomas Henze im Interview mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V.

© Foolia.Opra

Der Eigenanbau von Cannabis-Pflanzen ist nur im Ausnahmefall zulässig.

In dem Fall, der vor einigen Tagen in letzter Instanz behandelt wurde, entschied das Gericht im Sinne des Mannes, der seit 31 Jahren an MS leidet. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte wurde vom Gericht verpflichtet, ihm eine Ausnahme-Genehmigung zum Eigenanbau von Cannabis zu erteilen, da dies für ihn medizinisch erforderlich sei und er keine wirksame und gleichzeitig bezahlbare Alternative habe.

Der Mann hatte seit dem Jahr 2000 um diese Erlaubnis gekämpft, da seine Symptome mit nichts anderem als mit Cannabis behandelt werden könnten. Der 52-Jährige konsumiert zur Linderung der Symptome regelmäßig Cannabis - zwischen drei und vier Gramm pro Tag. Eine Alternative zur Therapie mit Cannabis gibt es aus Sicht seiner Ärzte nicht. Es stehe ihm mit Dronabinol zwar ein Cannabis-Medikament zur Verfügung, es träten dabei jedoch Nebenwirkungen auf, die er bei Gebrauch seines selbst angebauten Cannabis nicht verspüre. Den Hanf habe er schon seit vielen Jahren angebaut und verfüge mittlerweile, so das Gericht, "über umfassende Erfahrungen hinsichtlich Wirksamkeit und Dosierung der von ihm angebauten Cannabissorte".

In der Fachwelt wird die Nutzung von Cannabis zu medizinischen Zwecken kontrovers diskutiert. Nicht zuletzt, weil Cannabis ein Rauschmittel ist, das psychisch abhängig macht und schwerste Nebenwirkungen auslösen kann.

In der Fachwelt wird die Nutzung von Cannabis zu medizinischen Zwecken kontrovers diskutiert. Nicht zuletzt, weil Cannabis ein Rauschmittel ist, das psychisch abhängig macht und schwerste Nebenwirkungen auslösen kann

Prof. Dr. med. Thomas Henze, Mitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes und Ärztlicher Direktor im Reha-Zentrum Nittenau, Rehabilitationszentrum für Neurologie, informiert im Interview, wie Cannabis bei MS wirkt, welche Medikamente mit diesem Wirkstoff bereits zugelassen sind und wie sich das Urteil auf die Behandlung von MS-Patienten auswirkt.


DMSG-Bundesverband
: Welche Wirkstoffe sind in der Cannabis-Pflanze enthalten?

Prof. Dr. med. Henze: Cannabispflanzen enthalten zahlreiche verschiedene Wirkstoffe, sog. Cannabinoide, die sowohl psychotrope (d.h. das Verhalten und Erleben beeinflussende) als auch muskel-entspannende und schmerzlindernde Wirkungen haben. Von den zahlreichen Cannabinoiden werden vor allem Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) zu therapeutischen Zwecken genutzt. THC ist das wohl am stärksten psychotrope Cannabinoid. Nimmt man THC und CBD jedoch gleichzeitig, mildert CBD die psychotrope Wirkung des THC ab.

DMSG-Bundesverband: Welche Cannabismedikamente gibt es?

Prof. Henze: Cannabismedikamente werden in mehreren Zubereitungen angeboten: Nabiximols: Der Cannabis-Extrakt Nabiximols wurde 2011 als Medikament in Deutschland zugelassen (Sativex®) und kann mittels eines Betäubungsmittel-(BTM-)Rezeptes verschrieben werden. (Der DMSG-Bundesverband berichtete: Stellungnahme des Ärztlichen Beirates und des KKNMS) Die Kosten werden von allen Krankenkassen erstattet. Es darf momentan allerdings nur bei einer MS-bedingten Spastik eingesetzt werden, und auch nur, wenn andere spastik-lösende Medikamente keine ausreichende Wirkung erzielen konnten.

Bei Sativex® handelt es sich um ein Spray, das THC und CBD zu gleichen Teilen enthält und mit einer Dosierpumpe in den Mund gesprüht wird.

Dronabinol
ist der internationale Name für teil-synthetisch hergestelltes THC und kann in Deutschland auf einem BTM-Rezept als Fertig-Arzneimittel oder als Rezeptur-Arzneimittel verschrieben werden. Es ist auf Grund des aufwändigen Herstellungsprozesses teuer und die Krankenkassen sind nicht verpflichtet, die entstehenden Kosten zu übernehmen, tun dies aber in Einzelfällen.

Nabilon ist ein synthetischer THC-Abkömmling, der stärker wirksam ist als Dronabinol. Auch Nabilon kann mittels eines BTM-Rezeptes verschrieben werden.

Medizinische Cannabis-Blüten: In Deutschland erhalten Patienten medizinische Cannabis-Blüten nur mit einer – sehr restriktiv gehandhabten - Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte im Rahmen einer ärztlich begleiteten Selbsttherapie. In seinem Antrag muss der Patient zusätzlich zu einer ärztlichen Stellungnahme darlegen, dass andere Therapien nicht ausreichend wirksam waren und eine Behandlung mit anderen Cannabis-Medikamenten z.B. wegen hoher Kosten nicht möglich ist. Die Kosten für die Cannabis-Blüten muss der Betroffene selbst tragen. Cannabis aus unkontrolliertem Anbau: Hierbei dürfte der Wirkstoffgehalt und damit die Wirkung immer wieder schwankend sein.

DMSG-Bundesverband: Welche Symptome der MS können mit Cannabis behandelt werden?

Prof. Henze: Cannabinoide wirken vor allem auf Spastik und auf MS-bedingte Schmerzen (sog. zentraler Schmerz) bzw. schmerzhafte Muskelkrämpfe positiv, oft auch dann, wenn andere Medikamente nicht (mehr) helfen. DMSG-Bundesverband: Was bedeutet das Urteil für MS-Betroffene? Prof. Henze: Die beiden Symptome, bei denen Cannabis wirkt, nämlich Spastik und zentraler Schmerz bzw. schmerzhafte Muskelkrämpfe, können auch mit jeweils anderen, zugelassenen Medikamenten (z.B. Baclofen, Tizanidin, Gabapentin) gut behandelt werden. Die Kosten dieser Medikamente übernehmen die Krankenkassen. Dies gilt auch für das Cannabismedikament Sativex®. Entscheidend ist, dass Sie mit Ihrem Neurologen über diese Symptome sprechen und dieser sie dann gemäß den aktuellen Therapieleitlinien behandelt. Dies wird in den allermeisten Fällen erfolgreich sein. Ein Eigenanbau von Cannabispflanzen ist also nicht erforderlich und auch weiterhin nicht erlaubt. Das genannte Urteil bezieht sich vielmehr auf einen einzelnen Betroffenen; die zugehörigen Gerichtsverfahren hatten 15 Jahre gedauert.

Quelle: PM des Bundesverwaltungsgerichtes - 05. April 2016

- 11.04.2016