DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Forschung und Therapie

Multiple Sklerose Therapie: Natalizumab-Patienten entwickeln mehr Antikörper gegen JC-Virus

Eine Studie unter der Leitung von Prof. Dr. med. Heinz Wiendl, Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes, hat untersucht, wie sich die Antikörper im Blut von mit Natalizumab behandelten MS-Erkrankten verhalten: So kann sich ein ursprünglich negativer Bluttest im Verlauf der Therapie in einen positiven verwandeln. Engmaschige Beobachtung entsprechend der Leitlinien ist deshalb besonders wichtig.

© DMSG-Bundesverband

Natalizumab (Handelsname Tysabri®) ist seit dem Jahr 2006 zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose in der EU zugelassen. Es wird in 4-wöchigen Abständen mittels Infusion in die Vene verabreicht. Der Wirkstoff kann die Krankheitsaktivität sehr effektiv senken, allerdings besteht unter bestimmten Voraussetzungen das Risiko einer seltenen Hirnerkrankung namens PML (progressive multifokale Leukenzephalopathie), die oft schwerste Behinderungen mit sich bringt. Dieses Risiko exakt einschätzen und minimieren zu können, ist ein wichtiges Forschungsziel.

Verursacht wird PML durch die Aktivierung des JC Virus (JCV), benannt nach John Cunningham, dem Patienten, bei dem es 1971 erstmals isoliert wurde. Ein hoher Prozentsatz aller Menschen ist seit seiner Kindheit mit diesem Virus infiziert; gewöhnlich wird es aber durch das Immunsystem des Menschen wirksam unter Kontrolle gehalten. Es ‚ruht‘ sozusagen im Organismus und löst so in den meisten Fällen lebenslang auch keine Erkrankung aus. Dagegen sind Menschen mit einem geschwächten Immunsystem oder solche, die unter einer Therapie mit immunsuppressiven (das Immunsystem unterdrückenden) Medikamenten stehen, für Probleme durch das JC Virus empfänglicher.

Ob ein Mensch mit dem JCV schon einmal in Kontakt gekommen ist, ist mittels einer Testung auf die entsprechenden Antikörper zu erkennen. Bei MS-Patienten wird der Test routinemäßig vor Beginn einer Natalizumab-Therapie und danach alle 6 Monate durchgeführt. Die Antikörper sind im Blut nachweisbar, auch wenn keine Erkrankung besteht. "Ein Ansteigen des Gehalts an Anti-JCV Antikörpern kann ein erhöhtes Risiko bedeuten, an PML zu erkranken", erklärt der weltweit anerkannte MS-Forscher Prof. Dr. med. Heinz Wiendl von der Universität Münster, der sich intensiv mit dem PML-Risiko und den Möglichkeiten, dieses zu erkennen und zu senken, beschäftigt.

Das von Prof. Wiendl geleitete Forscherteam ging der Frage nach, wie sich die Antikörper im Blut von MS-Erkrankten, die mit Natalizumab behandelt werden, im Laufe der Zeit verändern.

525 MS-Erkrankte in Deutschland wurden über 15 Monate untersucht; in Frankreich 711 MS-Erkrankte über zwei Jahre. Alle wurden mit Natalizumab behandelt. Die Forscher fanden, dass eine Serokonversion bei den mit Natalizumab behandelten Patienten höher war (8,5% bis 10,3%) als bei denjenigen, die nicht mit Natalizumab therapiert wurden. Die Forscher fanden auch, dass sich die Antikörper-Konzentrationen bei zu Anfang positiv getesteten Personen mit der Zeit erhöhten. Dieser Anstieg war hauptsächlich bei etwa 20% der entsprechenden Gruppe zu finden, die Konzentration bei den anderen 80% blieb über die Beobachtungszeit hinweg stabil.

"Die Studie zeigt deutlich, dass sich die JCV-Antikörper als aussagekräftige Biomarker eignen. Unter einer Therapie mit Natalizumab scheint die Konzentration dieser Antikörper anzusteigen, was mit einem höheren PML-Risiko verbunden ist. Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die Notwendigkeit für eine engmaschige Überwachung von MS-Erkrankten, die mit Natalizumab behandelt werden", betont Prof. Wiendl, ein vertrauensvolles Arzt-Patient-Verhältnis, insbesondere hinsichtlich Veränderungen in der Therapie, sei hier besonders wichtig.

JC-Virus: Positives Testergebnis hat nicht zwingend eine PML zur Folge

Prof. Wiendl gibt zu bedenken, dass in der Studie nicht nachgewiesen wird, dass Natalizumab die Ursache für eine stärkere Vermehrung des Virus ist - und dass dieses dann ursächlich zu den höheren Antikörperkonzentrationen führt. Es wird lediglich eine Assoziation gezeigt, die näher untersucht werden muss.

Was ebenfalls betont werden muss: Ein positives Testergebnis bedeutet nicht zwingend, dass ein Mensch definitiv diese Erkrankung bekommt. In der Literatur findet man Aussagen, dass bis zu 85% aller Menschen das Virus ‚schlafend‘ in sich tragen. Untersuchungen haben gezeigt, dass darüber hinaus der Prozentsatz der Menschen, deren Tests sich innerhalb eines Jahres von ‚negativ‘ zu ‚positiv‘ verändern (sog. Serokonversion) so um die 1% beträgt. Neuere Forschungen weisen auch darauf hin, dass steigende Antikörpergehalte im Blut entweder einen neuen Kontakt mit dem Virus anzeigen oder dafür sprechen, dass das Immunsystem das Virus nicht wirksam genug bekämpfen kann.

Kommentar

Obwohl die Studie bei Patienten unter Natalizumab-Therapie höhere Serokonversionsraten als erwartet feststellte und bei anfänglich positiv Getesteten auch ein Antikörperanstieg nachweisbar war, ist zu bedenken, dass:

  • die Mehrzahl derer, die zu Studienbeginn JCV-Antikörper-negativ waren, es auch über den Beobachtungszeitraum hinweg blieben
  • die Mehrzahl derer, die zu Beginn der Studie positiv waren, über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg stabile Werte behielten
  • und die Mehrheit der mit Natalizumab behandelten Patienten, die JCV-Antikörper-positiv waren, keine PML entwickelten.

Insgesamt bestätigen die Ergebnisse die Notwendigkeit einer engmaschigen Überwachung der mit Natalizumab behandelten Patienten. Dazu gehören unbedingt regelmäßige Testungen hinsichtlich der JCV-Antikörper, MRT-Monitoring sowie klinische Beobachtung auf erste Anzeichen, die auf eine PML hindeuten könnten.

Patienten, die mit Natalizumab behandelt werden, sollten besonders darauf achten, ob sie neue oder sich verschlimmernde Symptome, die mehrere Tage andauern, verspüren. Solche Symptome können sich in kognitiven Veränderungen, im Sehvermögen, Kraft, Gleichgewicht, einseitiger Schwäche oder Lähmungen oder Problemen beim Gebrauch von Armen oder Beinen äußern. Das sollte dann so schnell als möglich mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre ist die Therapie mit Natalizumab immer noch sehr wirksam zur Behandlung der schubförmigen MS, viele Patienten kommen gut damit klar. Hinsichtlich von Entscheidungen für den Beginn, die Fortführung oder die Beendigung einer Therapie mit Natalizumab sollten immer ausführliche Gespräche zwischen Arzt und Patienten geführt werden. Themen wie: PML-Risiko, Risiko einer weiteren Verschlechterung der MS sowie Wirksamkeit und Nebenwirkungen eventueller anderer MS-Therapien sollten hier vertrauensvoll besprochen und die Argumente gegeneinander abgewogen werden.

Weitere Fragen zum Thema

Sollte ich aufgrund der Ergebnisse der Studie meine Therapie mit Natalizumab beenden?

Diese Frage sollten Sie mit Ihrem behandelnden Arzt besprechen. Natalizumab ist sehr wirksam in der krankheitsmodifizierenden Therapie der schubförmigen MS. Themen wie: PML-Risiko, Risiko einer weiteren Verschlechterung der MS sowie Wirksamkeit und Nebenwirkungen eventueller anderer MS-Therapien sollten hier vertrauensvoll besprochen und die Argumente gegeneinander abgewogen werden.

Ist es ratsam, die Therapie abzubrechen, sobald sich die Konzentration an JCV-Antikörpern erhöht?

Die Antwort auf diese Frage hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Ein solcher Anstieg sollte vor allem vor dem Hintergrund einer Abwägung von Nutzen und Risiko diskutiert werden.

Wie oft sollte der Bluttest auf JCV-Antikörper durchgeführt werden?

Die Standard-Empfehlung lautet: jeweils nach 6 Monaten bei Patienten, die bisher Antikörper-negativ sind. Dadurch kann eine mögliche Serokonversion, ein ‘Umswitchen’ in den positive Status, herausgefunden werden. Viele Ärzte empfehlen aber auch kürzere Intervalle sowohl bei denjenigen, die bisher negativ, als auch bei denen, die positiv getestet waren.

Was sind die Symptome von PML?

Die Symptome von PML sind sehr unterschiedlich und können MS-Symptomen ähneln. Deshalb sollten MS-Patienten sehr aufmerksam sein und Veränderungen immer zeitnah mit ihrem Arzt besprechen. Solche Symptome können sich in kognitiven Veränderungen, im Sehvermögen, Kraft, Gleichgewicht, einseitiger Schwäche oder Lähmungen oder Problemen beim Gebrauch von Armen oder Beinen äußern.

 

Quellen: www.nationalmssociety.org - 27. Januar 2016, www.ms-uk.org - 28. Januar 2016 

- 03.02.2016