DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Progrediente Multiple Sklerose: Von hochkonzentriertem Biotin ist laut einer neuen Phase-III Studie dringend abzuraten

Eine positive Wirkung der oralen Einnahme von hochkonzentriertem Biotin (300mg/d), auch Vitamin-B7 genannt, bei progredienten Formen der MS wurde in den vergangenen Jahren wiederholt berichtet. Hintergrund ist vor allem die theoretische Überlegung, dass hochkonzentriertes Biotin den Stoffwechsel von Gliazellen beeinflussen kann.

Diese Gliazellen umgeben die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark und haben eine wichtige Funktion bei der Signalübertragung. Durch Biotin soll die Regeneration der Gliazellen im Gehirn gefördert werden. In ersten kleinen klinischen Studien ab 2015 wurden MS-Patienten mit Biotin behandelt. Hier zeigten sich zunächst vielversprechende Ergebnisse, was dazu führte, dass es insbesondere in Frankreich zu einem regelrechten Hype um Biotin kam. In der Fachwelt wurde dies jedoch immer mit Vorsicht betrachtet, da die Studien methodische Schwächen und nur kleine Fallzahlen aufwiesen. Trotzdem nehmen aktuell weltweit mehrere tausend MS-Patienten auf eigene Kosten Biotin regelmäßig ein, ohne dass die Wirksamkeit in großen Studien bewiesen wurde.

Aus diesem Grund wurde eine internationale multizentrische sowie methodisch sehr gute kontrollierte Phase-III-Studie durchgeführt („SPI2-Studie“). Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Neurology veröffentlicht. Diese Studie teilte 642 Patienten (297 Männer und 345 Frauen) mit primär oder sekundär progredienter MS zufällig („randomisiert“) in zwei Gruppen. Die Studienteilnehmer erhielten entweder hochkonzentriertes Biotin (326 Patienten) oder ein Placebo-Präparat (316 Patienten). Das Besondere an der SPI2-Studie ist, dass sie ausgesprochen innovative Outcomeparameter, also Ergebnisparameter, untersucht hat. Es wurden nicht nur der klinische Krankheitsverlauf, sondern auch MRT-Aufnahmen nach aktuellsten Leitlinien und der moderne Krankheitsaktivitätsmarker Neurofilament im Blutserum ausgewertet. Darüber hinaus berücksichtigte die Studie nicht nur, ob die MS unter Biotin langsamer verläuft, sondern ob es sogar zu einer messbaren Verbesserung der Erkrankung kommt (primärer Endpunkt). Das ist für Studien der progredienten MS ein moderner Ansatz, der auch in zukünftigen Studien weiterverfolgt werden sollte.

Kein Vorteil für MS-Erkrankte 

Trotz des sehr guten Studiendesigns der SPI2-Studie ließ sich im Vergleich zur Placebo-Gruppe kein Vorteil nachweisen für MS-Patienten, die mit Biotin behandelt wurden. Zwar zeigte sich bei 39 der mit Biotin behandelten Patienten (12 Prozent) eine Besserung der Erkrankung. Verglichen dazu trat jedoch auch bei 29 (9 Prozent) der mit einem Placebo behandelten Patienten eine Besserung ein. Dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant, also zufällig. Der primäre Endpunkt wurde damit nicht erreicht. Hochkonzentriertes Biotin hat in der SPI2-Studie keine direkten Nebenwirkungen auf den Stoffwechsel gezeigt, allerdings wurden unter der Einnahme von Biotin Laborwerte aus der Gruppe der Schilddrüsenwerte fehlerhaft gemessen. Das führte auch in der SPI2-Studie zu unnötigen und potentiell gefährlichen Schilddrüsenoperationen. Dies ist aus anderen vorhergehenden Studien bereits bekannt. Es gibt zudem Berichte, dass die Einnahme von hochkonzentriertem Biotin in Einzelfällen mit schweren Muskelerkrankungen vergesellschaftet ist.

Zusammenfassend hat die SPI2-Studie gezeigt, dass die Einnahme von oralem hochkonzentriertem Biotin für Patienten mit Multipler Sklerose keine Wirkung hat. Von der häufig praktizierten Selbst-Therapie mit Biotin-Präparaten oder nicht wissenschaftlich geprüften Nahrungsergänzungsmitteln ohne ärztliche Rücksprache raten wir daher weiterhin dringend ab.

Autoren:

Dr. med. Jeremias Motte und Prof. Dr. med. Ralf Gold, Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V.
Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum, St. Josef-Hospital

Quelle: Dr. med. Jeremias Motte - 03.11.2020
Redaktion: DMSG-Bundesverband - 03.11.2020

03.11.2020