DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Alternativtherapien

Ziegenserum bei MS !?

Therapie der Multiplen Sklerose mit Aimspro (Caprivax®) genauer betrachtet

Die Multiple Sklerose ist mit einer Frequenz von 1:800 die häufigste neuroimmunologische Erkrankung des jungen Erwachsenenalters (20.-40. Lj.) in unseren Breitengraden. Durch die Initiative der MS-Therapiekonsensusgruppe gelang es in den letzten Jahren, Therapien zur Basistherapie der MS (Interferone, Glatirameracetat, Azathioprin, Immunglobuline) und sog. eskalierende Therapien für schwere Krankheitsverläufe (Mitoxantron, Cyclophosphamid) zu definieren. All diese Therapien können allerdings nur prophylaktisch wirken, und kommen v.a. bei schubförmigen Krankheitsverläufen zum Einsatz. Für progrediente Verlaufsformen der MS sind die Behandlungsmöglichkeiten leider limitiert. Auch steht eine ‚regenerierende’ Therapie zur Reparatur der Läsionen im Nervensystem momentan noch nicht zur Verfügung.

Unter diesen Aspekten haben alternative Therapieverfahren immer wieder Interesse bei schwer betroffenen Patienten geweckt (s. a. Beitrag aus DMSG Aktiv, sowie Website).

Derzeit wird in Großbritannien als alternative Therapieform eine Phase II Studie durchgeführt, in der die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Aimspro (Caprivax®), einem polyklonalen Ziegenantiserum, bei sekundär chronisch progredienter Multipler Sklerose untersucht werden. Antiseren setzen sich aus mehreren Antikörpern zusammen, also großen Eiweißmolekülen, die v.a. für die lösliche Immunabwehr im Blut wichtig sind. Die Herstellung des polyklonalen Antikörpers erfolgt aus dem Ziegenserum nach Impfung der Tiere mit nicht öffentlich-genannten, verschiedenen Eiweißstoffen (Antigenen). Aimspro wird in wöchentlichen Abständen subkutan injiziert und soll über noch nicht näher bekannte Wirkmechanismen das Immunsystem günstig beeinflussen. Publizierte MS-spezifische Vorarbeiten konnten wir bei sorgfältigen Datenbankrecherchen nicht finden.

Aus neuroimmunologischer Sicht ist für die Multiple Sklerose eine Überaktivität des Immunsystems entscheidend. Eine allgemeine Aktivierung des Immunsystems durch die Einbringung von Fremdeiweißen, wie diese Ziegen-Antikörper für den menschlichen Körper darstellen, hat nach dem derzeitigem Wissenstand eher einen negativen Einfluss auf die Multiple Sklerose und kann diese sogar verschlechtern. Viel gefährlicher sind allergische Reaktionen gegen das vom Körper als Fremdeiweiß erkannte Ziegenserum, die zu lebensbedrohlichen Sofort-Abwehrreaktionen (Anaphylaxie mit Schockzustand) oder zu späteren Ablagerungen von schädlichen Immunkomplexen im Körper führen können.

Nach Angaben der Hersteller Firma Daval International Ltd. sollen bislang keine Nebenwirkungen aufgetreten sein, und sogar schon Studien mit MS-Patienten in Großbritannien laufen. Laut der Homepage des Unternehmens soll das Produkt in Kooperation mit dem bekannten Tumorimmunologen Prof. Angus Dalgleish weiterentwickelt werden. Nach unserem Ermessen kann dieser Behandlungsansatz aufgrund der oben besprochenen Fakten derzeit keinesfalls empfohlen werden. Wir würden momentan vor dem unkontrollierten Einsatz von Aimspro warnen und zu einer abwartenden Haltung raten, bis mehr wissenschaftlich unterlegte Daten über die Wirksamkeit des polyklonalen Ziegenantiserums verfügbar sind.

D. Lee
Prof. R. Gold
Institut für MS Forschung
Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen und
Gemeinnützige Hertie-Stiftung
D-37073 Göttingen

10. August 2004

- 13.08.2004