DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.
Interessenvertretung

Zulassung 2.0 – Angriff auf die Arzneimittel-Sicherheit: Nachgefragt bei der Vorsitzenden des Bundesbeirates Multiple Sklerose-Erkrankter

„Schnelligkeit oder Sicherheit: Was erwarten Patientinnen und Patienten von der Arzneimittelzulassung?“: Zu diesem Thema hat Dr. med. Edeltraud Fasshauer, Vorsitzende des Bundesbeirates MS-Erkrankter und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft einen vielbeachteten Vortrag gehalten auf dem Public Health-Kongress an der Technischen Universität Berlin. Im Interview mit www.dmsg.de geht die an Multipler Sklerose erkrankte Medizinerin auf die zentralen Aussagen und die Entwicklungen auf dem Gebiet der Zulassung von neuen MS-Medikamenten ein.

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Dr. med. Edeltraud Fasshauer, Vorsitzende des Bundesbeirates MS-Erkrankter und Vorstandsmitglied des DMSG-Bundesverbandes

DMSG-Bundesverband: Was bedeutet eigentliche der Begriff „Zulassung 2.0.“?

Dr. med. Edeltraud Fasshauer: Bei der Zulassung neuer Medikamente sind Nachweise zu Wirksamkeit, Unbedenklichkeit (Sicherheit) und Qualität des Wirkstoffes in der Erprobung vorzulegen. Diese werden in der Regel mittels randomisiert-kontrollierter Phase-III-Studien (RCT) erbracht, die in der evidenzbasierten Medizin als wissenschaftlich hoher Standard angesehen werden. Dabei wird eine größere Anzahl an Studienteilnehmern untersucht, damit beispielweise auch weniger häufig auftretende Nebenwirkungen erfasst werden können. Auf Basis mehrerer Phase III-Studienwägt dann die europäische Zulassungsbehörde (EMA) das Nutzen-Risiko-Verhältnis ab. Bei positiver Bewertung führt dies im Allgemeinen zur Zulassung. Wichtig zu wissen ist, dass damit kein direkter Vergleich zu bestehenden Therapieoptionen verbunden ist. Das heißt, ein neu zugelassenes Medikament gilt nicht gleich als „das Beste“ innerhalb aller zur Verfügung stehenden Therapieoptionen.

Bei der EMA gibt es nun Bestrebungen, einen Paradigmenwechsel einzuleiten, der adaptive pathways (gestaffelte Zulassung) oder auch Zulassung 2.0 genannt wird. Neue Wirkstoffe sollen dabei sehr früh, bereits nach Phase II-Studien, also noch vor der bisher für die Zulassung grundlegenden Studien der Phase III, für ein bestimmtes Patientenklientel auf den Markt kommen. Über die Zeit der Anwendung sollen dann Daten gesammelt und dazu genutzt werden, den vermeintlich profitierenden Patientenkreis zu erweitern.

Kosten müsste nicht der pharmazeutische Unternehmer, sondern die Solidargemeinschaft tragen!

Protagonisten der Zulassung 2.0 argumentieren mit Fortschritten bei Krebsmedikamenten, im Bereich der personalisierten Medizin (moderne Diagnostik, einschließlich Gendiagnostik) und bei Medikamenten gegen seltene Erkrankungen (Orphan drugs).

Das ist unkorrekt, denn schon heute stehen Verfahren zur Verfügung, die im begründeten Ausnahmefall Zugang zu nicht ausreichend geprüften Medikamenten ermöglichen.

DMSG-Bundesverband: Welches sind die für Sie entscheidenden Aspekte hinsichtlich Schnelligkeit und/oder Sicherheit bei der Zulassung 2.0?

Dr. med. Edeltraud Fasshauer: Eine noch frühere Zulassung nach der Idee 2.0 wäre aus meiner Sicht fatal. Für mich würde hier, unter dem Vorwand des möglichst frühen Zugangs zu therapeutischen Neuheiten, auf Kosten der Patientensicherheit gehandelt werden. MS ist eine chronische, immer noch unheilbare neurologische Erkrankung, aber keine Tumorerkrankung! Wir kennen noch immer nicht die Ursache der MS, wissen bei Diagnosestellung nicht, wie sie verlaufen wird, behandeln aber immer früher, über Jahrzehnte mit immunsupprimierenden, d.h. das Immunsystem unterdrückenden Medikamenten.

Schon jetzt sind Phase-III-Studien mit einer Dauer von 1-3 Jahren aus meiner Sicht viel zu kurz; Nebenwirkungen treten oft erst mittel- bzw. langfristig auf und werden wegen zu kurzer Nachbeobachtungszeit nicht ausreichend erfasst.

Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa 50% der Wirkstoffe in der Erprobung bereits in Frühphasen der Phase-III-Studien scheitern und es hier nach dem derzeitigen Zulassungsverfahren zu keiner Zulassung kommt. Die verbliebenen Wirkstoffe sind aber mitnichten alle als Innovation einzustufen. Denn auch Wirkstoffe, die die kompletten Phase-III-Studien durchlaufen, kommen u.a.aufgrund schwerer Nebenwirkungsprofile oder Sicherheitsbedenken nicht zur Zulassung oder sind, verglichen mit dem aktuellen Therapiestandard, nicht als „besser“ einzustufen. Kritisch in dem Zusammenhang finde ich auch, dass die Hürden, eine einmal erteilte Zulassung von Seiten der Behörden zurückzunehmen, sehr hoch sind.

Den Wunsch, möglichst schnell eine neue vielversprechende Therapie bekommen zu können, vor allem, wenn schon alles andere nicht geholfen hat, kann ich gut verstehen. Aus meiner Sicht rechtfertigt aber das schwierig abzuschätzende Langzeitsicherheitsrisiko der modernen, tief ins Immunsystem eingreifenden MS-Therapien die Forderung nach adäquat geprüften und begutachteten Zulassungen.

DMSG-Bundesverband: Ist Schnelligkeit eigentlich mit Sicherheit zu haben oder Sicherheit nur ohne Schnelligkeit?

Dr. med. Edeltraud Fasshauer: Schnelligkeit bei der Arzneimittelzulassung von MS-Medikamenten geht meines Erachtens immer zu Lasten der Patientensicherheit und das ist nicht tragbar! Die Rechtfertigung für eine Arzneimittelzulassung darf nicht allein darin liegen, dass dringend eine Therapie gesucht wird, sondern muss ausschließlich dem Gebot folgen, dass das Arzneimittel auch wirklich einen Nutzen hat. Es darf keineswegs mehr schaden, als es die zu behandelnde Krankheit schon tut! Der Patient hat ansonsten beides, die Krankheit und die Nebenwirkungen der Therapie.

DMSG-Bundesverband: Welche Art von Studiendaten sollten aus Ihrer Sicht bei einer chronischen Erkrankung wie der Multiplen Sklerose, Grundlage der Zulassung sein? Und welche nicht?

Dr. med. Edeltraud Fasshauer: Aktuell sind 13 Medikamente zur Verlaufsbeeinflussung der schubförmig remittierenden MS (RRMS) zugelassen und ein Medikament für die progredienten Verlaufsformen (PPMS und SPMS) steht kurz vor der Zulassung.

Dringend benötigt werden Erkenntnisse aus längeren Phase-III-Studien mit klinischen und patientenrelevanten Endpunkten wie Behinderungsprogression, Lebensqualität im Studiendesign.

Weiterhin gefordert werden müssen:

  • Frühe und späte Nutzenbewertung aller Medikamente mit neuer Indikation
  • Head‐to‐Head-Studien, d.h. Vergleichsstudien zu Eskalationstherapien wie Natalizumab, Fingolimod, Alemtuzumab
  • Verpflichtende Sicherheitsstudien nach Zulassung - Post-authorisation safety studies (PASS) mit Erfassung von Neben- und Langzeitwirkungen und Komplikationen wie Tumore, Autoimmunerkrankungen, opportunistische Infektionen wie Progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML)

Sehr bedauerlich ist auch, dass es keine Veröffentlichungspflicht von Studiendaten aus abgebrochenen Studien gibt. Gleiches gilt auch für die Nichtzulassung. Auch bei Misserfolg, aus negativen Daten wie Nichtansprechen, kann Wichtiges über Therapieansätze oder sogar im Allgemeinen über die MS abgeleitet werden. Zusätzlich ist es unethisch, der Gesellschaft und aber besonders den Studienteilnehmern gegenüber!

DMSG-Bundesverband: Welche Gefahren sehen Sie durch die derzeitige Bestrebung, die Zulassung zu beschleunigen?

Dr. med. Edeltraud Fasshauer: Ein Zulassungsverfahren 2.0 senkt die Patientensicherheit weiter, verringert den Patientenschutz, hat nichts mit Grundsätzen der evidenzbasierten Medizin zu tun!

DMSG-Bundesverband: Was entgegnen Sie demjenigen, der sagt: „Für mich kann Zulassung gar nicht schnell genug gehen. Ich will als MS-Erkrankter so früh wie möglich von neuen Wirkstoffen profitieren.“?

Dr. med. Edeltraud Fasshauer: Ich würde ihn aufklären, eindringlich darauf hinweisen, dass Multiple Sklerose eine lebensbegleitende chronische Erkrankung des Zentralen Nervensystems ist, die zu körperlichen Einschränkungen führen kann. MS ist aber nicht tödlich! Mit allen bisher zur Verfügung stehenden Behandlungen ist eine Heilung nicht möglich. So sollte bei chronischen Erkrankungen wie MS immer Sicherheit vor Schnelligkeit gehen!

Raten würde ich: Informieren Sie sich über das Krankheitsbild und kritisch über alle verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten. Nehmen Sie bei einer RRMS Ihre Schübe ernst, nutzen Sie aber nicht nur die Möglichkeiten einer verlaufsbeeinflussenden Therapie. Prüfen Sie symptomatische Behandlungen und komplementäre Angebote. Nutzen Sie Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie. Holen Sie im Bedarfsfall eine Zweitmeinung bei Therapie-Entscheidungen ein! Bleiben Sie kritisch und glauben Sie nicht unhaltbaren Versprechungen!

Nehmen Sie Kontakt zur DMSG auf! Wir bemühen uns, ehrlich, laiengerecht über Möglichkeiten und Grenzen von Therapien sowie Neben- und Langzeitwirkungen aufklären! 

Mehr über den Bundesbeirat MS-Erkrankter erfahren Sie hier.

Erklär-Box

Phase-I (Testphase): Verträglichkeit und Nebenwirkungen am gesunden Menschen (10-100 gesunde Probanden, Zeitraum Wochen bis Monate).

Phase II: Wirksamkeit, Verträglichkeit und Dosisfindung im Einsatz an Erkrankten. Für die Studienpopulation werden oft „unkomplizierte“ Fälle gewählt (100-300 erkrankte Probanden, Zeitraum mehrere Monate).

Die Phase III: Nachweis von Wirksamkeit und Verträglichkeit bei Patienten für die das Prüfpräparat hinterher zugelassen werden soll, praxisnähere Bedingungen (>300 erkrankte Probanden, Zeitraum 1- 3 Jahre).

Die Präsentation von Dr. med. Edeltraud Fasshauer auf dem Armuts- und Gesundheitskongress können Sie sich hier ansehen: Mehr

 

Quelle: DMSG-Bundesverband - 06.07.2017

- 06.07.2017