DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Multiple Sklerose: Behandlung mit Immunadsorption kann bei Schub in der Schwangerschaft und Stillphase helfen

Multiple Sklerose-Erkrankten mit Kinderwunsch wird empfohlen, spätestens mit dem Bekanntwerden der Schwangerschaft ihre Medikamente zur MS-Therapie auszusetzen.In der Schwangerschaft kann es jedoch zu einem akuten MS-Schub kommen, ungefähr jede vierte Patientin ist davon betroffen: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es dann? Der DMSG-Bundesverband berichtet über aktuelle Ergebnisse aus der klinischen Praxis.

Die Standardtherapie für einen MS-Schub ist die Gabe von Kortison in hohen Dosen für drei bis fünf Tage als Infusion (Kortison-Puls). Im ersten Drittel der Schwangerschaft wird jedoch von einer Behandlung mit Kortison, aufgrund von möglichen Nebenwirkungen für Mutter und Kind, abgeraten. Häufig erfolgt dann gar keine Schubtherapie - mit kurz- oder langfristigen Folgen für die Patientin. Die Tryptophan-Immunadsorption kann, sowohl in dieser Situation als auch nach erfolglosem Kortisonpuls, zur Behandlung der Schubsymptome in der Schwangerschaft und Stillphase wirksam und sicher eingesetzt werden: Das zeigt eine aktuell veröffentlichte Fallsammlung aus der klinischen Praxis (Hoffmann et al., Der Nervenarzt, 2015).

Behandlung mit Immunadsorption in der Schwangerschaft

Dr. Hoffmann, Klinik für Neurologie, Krankenhaus Martha-Maria, Halle-Dölau und Ko-Autoren berichten in ihrer aktuellen Fallsammlung über Patientinnen, die in der Schwangerschaft einen schweren MS-Schub erlitten und in verschiedenen Kliniken in Deutschland erfolgreich mit Tryptophan-Immunadsorption behandelt werden konnten. Die schubbedingten Beschwerden besserten sich in der Regel nach sechs Immunadsorptionen deutlich. Zum Teil hatten die Patientinnen, aufgrund ihrer noch frühen Schwangerschaft, vorher keine Kortison-Pulstherapie erhalten. Wie z.B. die Patientin mit einer Neuromyelitis optica (NMO), bei der durch die Entzündung des Sehnerven in der neunten Schwangerschaftswoche das Sehvermögen bis fast zur Erblindung vermindert war und sich ohne Kortison-Puls nach der Immunadsorption deutlich besserte.

Nach dem ersten Drittel der Schwangerschaft wird der Einsatz von Kortison zur Schubtherapie weniger kritisch beurteilt. Ein Teil der Patientinnen war vor Immunadsorption erfolglos mit einem Kortison-Puls behandelt worden. Auch in diesen Fällen besserten sich die schubbedingten Beschwerden nach Immunadsorption. Wie bei einer Patientin, die aufgrund ihres schweren Schubes in der Schwangerschaft, plötzlich an den Rollstuhl gebunden war und sich nach der Immunadsorptionsbehandlung wieder ohne Hilfsmittel fortbewegen konnte. Alle Patientinnen vertrugen die Immunadsorption gut, die restlichen Schwangerschaften verliefen ohne Komplikationen, alle Kinder waren gesund.

Behandlung mit Immunadsorption während der Stillphase

Kurz nach der Entbindung ist das Risiko für einen MS-Schub höher als sonst. Einige MS-Basismedikamente dürfen auch während der Stillphase nicht eingenommen werden. Kortison kann gegeben werden, aber nicht alle Schübe sprechen an. Auch in dieser Situation hat sich die Tryptophan-Immunadsorption bei Patientinnen aus der aktuellen Fallsammlung als eine hilfreiche Behandlungsmöglichkeit erwiesen.

Wieso Immunadsorption?

Die Immunadsorption hat sich in der Schubtherapie der Multiplen Sklerose außerhalb der Schwangerschaft als wirksam erwiesen. Bei über 70% der behandelten Patienten, die zuvor nicht auf Kortison ansprachen, besserten sich die akuten Schubsymptome. Auch Kinder wurden bereits erfolgreich behandelt. Die Immunadsorption, oder alternativ der Plasmaaustausch, werden gemäß der aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie immer dann eingesetzt, wenn sich die Symptome eines schweren MS-Schubes nach einem Kortisonpuls nicht oder nicht ausreichend bessern. Man spricht dann auch von einem steroidrefraktären Schub.

Was ist Immunadsorption?

Die Immunadsorption und der Plasmaaustausch sind zwei unterschiedliche Formen der Blutwäsche, die über einen Katheter oder die Venen der Ellenbeuge erfolgen. Beim Plasmaaustausch wird der flüssige Bestandteil des Blutes, das Plasma, von den Blutzellen abgetrennt und weggeschüttet. Danach wird das Plasma des Patienten durch eine Eiweißlösung aus menschlichem Spenderplasma (Frischplasma, Albuminlösung)‚ ausgetauscht‘. Das Risiko einer Übertragung von Krankheitserregern sowie einer allergischen Reaktion auf die Fremdeiweiße kann dabei nicht völlig ausgeschlossen werden. Bei der Immunadsorption wird hingegen das Plasma über einen Adsorber geleitet. Dort werden gezielt Antikörper und Immunkomplexe zurückgehalten, adsorbiert. Der Patient erhält danach sein eigenes Blut zurück. Das ist besser verträglich. Im Gegensatz zum Plasma-Austausch bleiben bei der Immunadsorption wichtige körpereigene Eiweiße, z.B. Gerinnungsfaktoren und Hormone, im Plasma erhalten. Die Gabe von fremden Bluteiweißen ist nicht nötig. In der sensiblen Situation einer Schwangerschaft sind diese Vorteile von besonderer Bedeutung.

Wie wird behandelt?

Meist werden sechs Immunadsorptions-Behandlungen innerhalb von zwei Wochen in einem spezialisierten Krankenhaus durchgeführt. Eine einzelne Immunadsorption dauert ca. zwei Stunden. Die Behandlungen sind deutschlandweit möglich. Die Abrechnung erfolgt über ein mit dem Krankenhaus individuell zu vereinbarendes Zusatzentgelt.

Fazit:

Bei den untersuchten Patientinnen war die Tryptophan-Immunadsorption sicher, gut verträglich und wirksam zur Behandlung von Schüben der MS/NMO in der Schwangerschaft und in der Stillphase, zum Teil auch ohne vorherige Kortisontherapie.

Autorin:

Dr. Cordula Fassbender
Apherese Forschungsinstitut

Quelle: Hoffmann et al. Nervenarzt 2015; 86:179–186

- 11.03.2015