DMSG - Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Stellungnahme der DMSG, Bundesverband e.V. zu der Neuregelung über nicht mehr verschreibungspflichtige Medikamente

Nach den Festlegungen des GMG sollen nicht mehr verschreibungspflichtige Medikamente vom 1.04.04 an nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen getragen werden.

Da jedoch in der MS-Therapie zahlreiche Medikamente aus dieser Gruppe zum heutigen Therapiestandard gehören, ist es für viele MS-Erkrankte eine unzumutbare Belastung die Kosten selbst zu tragen. Ein Wegfall der entsprechenden Medikation hingegen würde eine Verschlechterung der Krankheit bzw. eine Verminderung der Lebenqualität der Erkrankten zur Folge haben.

Aus diesem Grund hat der Ärztliche Beirat des DMSG-Bundesverbandes eine Stellungnahme zu diesem Thema verfasst, die an den Gemeinsamen Bundesausschuß mit der Bitte um Berücksichtigung bei der Erstellung einer Ausnahmeliste, versandt wurde.

Wortlaut der Stellungnahme:

Stellungnahme der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), Bundesverband e.V. zu der Neuregelung über nicht mehr verschreibungspflichtige Medikamente

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine schwerwiegende und chronische Erkrankung des Gehirns und Rückenmarks. Ihre konsequente Behandlung umfasst neben der medikamentösen Immunmodulation und Immunsuppression auch die Therapie der einzelnen Symptome (symptomatische Therapie).

Zu den häufigen Symptomen gehören in unterschiedlichen Kombinationen die Spastik mit Muskellähmungen, Störungen der Koordination, der Blasen- und Darmentleerung, des Sehens, Sprechens und Schluckens, Schmerzen, Depression, vorzeitige geistige und körperliche Ermüdung, intellektuelle Einschränkungen sowie solche der sexuellen Funktionen.

Ziel dieser Behandlung ist es, diese funktionsbeeinträchtigenden Symptome zu eliminieren oder wenigstens zu reduzieren, denn sie haben dramatische Auswirkungen auf Wohlbefinden und Lebensqualität der Patienten. Nicht selten sind hierdurch sogar die grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens wie Körperhygiene, An- und Auskleiden und Nahrungsaufnahme betroffen. Auch kann nur durch eine konsequente symptomatische Therapie drohenden Folgeschäden und damit weiteren Funktionsstörungen vorgebeugt werden. Damit hat sie einen hohen Stellenwert innerhalb eines multimodalen und umfassenden Therapiekonzeptes für MS-Patienten.

Die einzelnen Behandlungsmaßnahmen beruhen sowohl auf den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien als auch auf Empfehlungen klinisch tätiger Ärztinnen und Ärzte mit langjähriger spezieller Erfahrung in der Therapie der MS. Sie werden zumeist schon seit langem erfolgreich in der täglichen Praxis eingesetzt. Diese Verfahren hat der Ärztliche Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), Bundesverband e.V. unter Federführung von Prof. Henze kürzlich in einer evidenzbasierten Konsensusempfehlung zusammengestellt. Diese soll im Sommer 2004 publiziert werden und enthält den gegenwärtigen, auch international anerkannten Therapiestandard.

Bei einem Teil der Medikamente handelt es sich um nicht verschreibungspflichtige Substanzen. Die im Zuge des GMG aufgehobene Erstattungsfähigkeit für diese Medikamente stellt die Betroffenen daher vor die Alternative, sie entweder selbst zu bezahlen oder die Behandlung mit ihnen abzubrechen. Beide Alternativen sind angesichts des chronischen und schwerwiegenden Charakters der MS nicht vertretbar, da

  • ein Nutzen dieser Wirkstoffe nachgewiesen ist,
  • eine fehlende Erstattungsfähigkeit gegen den Grundsatz einer optimalen medizinischen Versorgung und Sicherstellung der notwendigen Versorgung gerade für chronisch Kranke verstößt, und
  • beim Absetzen dieser Medikamente die Gefahr einer raschen Verschlechterungen des jeweiligen Symptoms einschließlich möglicher ernster Komplikationen bis hin zur vorzeitigen Pflegebedürftigkeit droht.

Aus Sicht der DMSG zählen diese Medikamente zu den „Ausnahmen“, wie sie für den Katalog unverzichtbarer Standardwirkstoffe zur Behandlung schwerwiegender Erkrankungen vorgesehen sind. Eine Liste der relevanten Wirkstoffe incl. der Angaben zu Indikationen sowie zum Wirksamkeitsnachweis ist dieser Stellungnahme beigefügt.

Insbesondere auf Grund der Tatsache, dass die MS bislang nicht heilbar ist, müssen alle wirksamen Maßnahmen ergriffen werden, die die Erkrankung und ihre Symptome zumindest erleichtern. Die DMSG fordert den Gesetzgeber daher nachdrücklich auf, diese Medikamente in den Katalog unverzichtbarer Standardwirkstoffe zur Behandlung schwerwiegender Erkrankungen aufzunehmen bzw. andere Regelungen für ihre weitere Erstattung zu treffen.

Für den Ärztlichen Beirat der DMSG-Bundesverband

Prof. Dr. T. Henze, Nittenau (federführend)
Prof. Dr. P.Rieckmann, Prof. Dr. K. Toyka, Würzburg

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft
Bundesverband e.V.
Küsterstr. 8
30 519 Hannover

Tel.: 0511 / 9 68 34 0
Fax: 0511 / 9 68 34 50
E-mail: dmsgdmsgde

Anlage: Liste der bei MS benötigten nicht verschreibungspflichtigen Medikamente

Wirkstoff Medikament Zugelassene Indikation Off-Label für (Indi-kation) Empfehlung laut Richtlinie Literaturhinweis
 Methionin
500 mg 
 u.a. Acimethin®
 
 Harnwegs-
infektionen
zur Rezidiv-
prophylaxe, Optimierung
der Wirkung einiger Antibiotika
im
sauren
Urin 
 -   MSTKG-
Sympto-
matische Therapie,
2004 
 Fünfstück R et al.: Prävention einer Rezidivinfektion bei Patienten
mit rezidivierenden Harnwegs-
infektionen mittels Methionin.
Med Klin 1997; 92: 574-81
 
 Methenamin
1 g 
 u.a.
Urotractan® 
 Prophylaxe
von (rezidiv.)
Harnwegs-
infektionen 
 -   MSTKG-
Sympto-
matische Therapie,
2004 
 Banovac K et
al.:
Decreased incidence of urinary tract infections in patients with spinal cord injury: effect
of methen-
amine.
J
Am Paraplegia Soc 1991; 14: 52-4 
 Flavoxat
200 mg
 
 u.a. Spasuret®   Sympto-
matische Behandlung von Pollakisurie, imperativem Harndrang,
Drang-
inkontinenz 
 -   MSTKG-
Sympto
matische Therapie,
2004 
 Haeusler G et al.: Drug
therapy of urinary urge incontinence :
a systematic review.
Obstet Gynecol 2002;100:
1003-16 
 Lactulose   u.a. Eugalac®   Obstipation, die anders nicht beeinflussbar ist   -   MSTKG-
Sympto-
matische Therapie,
2004 
 Das Gupta R & Fowler CJ: Bladder, bowel and sexual dysfunction in multiple sclerosis: management strategies.
Drugs 2003;
63: 153-66 
 Macrogol   u.a. Movicol®   Chronische Obstipation, Koprostase   -   MSTKG-
Sympto-matische Therapie,
2004 
 Wiesel PH, Norton C & Brazzelli M: Management of faecal incontinence
and
constipation in adults with central neurological diseases.
Cochrane Database Syst Rev 2001; (4): CD002115 
 Glycerin-zäpfchen   u.a. Glycilax® Zäpfchen   Rektale
Verstopfung 
 -   MSTKG-
Sympto-matische Therapie,
2004 
 Das Gupta R & Fowler CJ: Bladder, bowel and sexual dysfunction in multiple sclerosis: management strategies.
Drugs 2003;
63: 153-66 
 Paracetamol   u.a. Ben-U ron®
 
 1.
Schmerzen
bei fehl-
haltungs-
bedingten Überlas-
tungen
von
Gelenken/
Muskeln;
2. grippe-ähnliche Symptome (z.B. bei Therapie
mit Beta-Inter-
feronen) 
 --   MSTKG-
Sympto-
matische Therapie 
 Reess J, et al.: Both paracetamol
and ibuprofen are equally effective in managing flu-
like symptoms
in relapsing-remitting
multiple
sclerosis patients during interferon beta-1a therapy.
Mult Scler 2002; 8:15-8 
 Ibuprofen 200 mg und 300 mg   u.a. Ibuprofen  Schmerzen
und
Ent-
zündungen
bei akuten
u. chronischen Arthritiden, Arthrosen,
etc.
 -   MSTKG-
Sympto-
matische Therapie
 
 Reess J, et al.: siehe Paracetamol 

* Diese Zusammenstellung umfasst bei den einzelnen Wirkstoffen alle diesen Wirkstoff beinhaltende Präparate.

- 30.07.2004