McDonald Diagnosekriterien 2024 – schneller und trotzdem sicher diagnostizieren
Wie bereits angekündigt, erfolgte die Veröffentlichung der neuen internationalen MS-Diagnosekriterien (2024, Revision der McDonald-Kriterien). Die relevanten Neuerungen sollen hier erläutert werden. Eine wichtige Botschaft vorab: nach „alten“ Kriterien diagnostizierte Menschen mit MS müssen nicht „neu“ diagnostiziert werden. Personen, die die vorherigen Kriterien erfüllen, erfüllen auch nach den neuen Kriterien die MS-Diagnose. Bei zuvor unklaren Fällen oder Befunden kann die Anwendung der neuen Kriterien aber sinnvoll sein, um eine gesicherte Diagnose stellen zu können.
Die Anpassungen in den diagnostischen sog. McDonald-Kriterien für die MS tragen vor allem der Weiterentwicklung und verbesserten Datenlage zu den diagnostischen Möglichkeiten Rechnung. Es sind daher neben den weiterhin bestehenden vorherigen Kriterien Erweiterungen aufgenommen worden für diagnostische Marker aus der Bildgebung (magnetresonanztomographische Verfahren, MRT), dem Nervenwasser und Marker für die Beteiligung der Sehbahn.
Die MS wird zudem als ein Erkrankungsspektrum mit verschiedenen Ausprägungen (Verlaufsformen) wahrgenommen, dem die gleichen biologischen Krankheitsmechanismen zugrunde liegen, so dass sehr frühe Erkrankungsstadien (u.a. auch das radiologisch isolierte Syndrom (RIS) unter bestimmten Bedingungen), schubförmige und chronisch fortschreitende Verläufe unter einem einheitlichen diagnostischen Pfad zusammengefasst werden.
Für besondere Patientengruppen (Kinder und Jugendliche, ältere Personen und Menschen mit bestimmten Begleiterkrankungen) werden zudem zusätzliche Kriterien festgelegt, die die Diagnosesicherheit verbessern sollen (siehe Infobox 1).
Ziel der Aktualisierung der Kriterien ist die raschere Diagnosestellung bei hoher Diagnosesicherheit. Dies soll damit eine möglichst frühe, zielgerichtete Festlegung eines Therapieplanes ermöglichen.
In einem ersten Schritt wird festgelegt, dass klare Beweise aus der Zusatzdiagnostik, vor allem im MRT, für eine MS-Diagnose vorliegen müssen. Eine MS-Diagnose ohne MRT mit entsprechenden Veränderungen (bzw. anderen beweisenden Befunden) ist also nicht möglich.
Die Regionen, die von der MS-bedingten Entzündung im zentralen Nervensystem typischerweise betroffen sind, sind wie bisher Läsionen in/nahe der Hirnrinde (juxta-/kortikal), am inneren Nervenwasserraum (periventrikulär), in tiefer gelegenen Hirnabschnitten (infratentoriell) und im Rückenmark (spinal). Neu kann auch die Beteiligung des Sehnervs im MRT berücksichtigt werden. Ebenso neu ist, dass der Nachweis von zwei betroffenen Regionen von nun fünf möglichen ausreichend für den Beweis der räumlichen Verteilung („dissemination in space“) ist, unabhängig davon, ob oder welche der Läsionen symptomatisch sind. Bei primär progredienter MS, also einer MS von Beginn an ohne Schübe, können zwei spinale Läsionen schon als Beweis der räumlichen Verteilung dienen.
Neben den bisher bereits festgelegten MRT-Kriterien, also dem Nachweis entzündlicher Läsionen in den oben genannten, definierten Regionen des Gehirns und Rückenmarks mit oder ohne Kontrastmittelaufnahme, werden zwei neue Läsionsmuster bzw. -eigenschaften beschrieben. Der Nachweis des zentralen Venenzeichens (CVS) in mindestens 6 Läsionen wird hierbei als spezifischer Marker für die MS aufgenommen (Bild 1).
Der zweite neue MRT-Marker ist das Vorhandensein mindestens einer Läsion mit einem paramagnetischen Rand (PRL) als MS-spezifisches Zeichen (Bild 2).
Diese beiden MRT-Marker können hilfreich sein, wenn nur eine Lokalisation betroffen ist. Zusätzlich muss zur MS-Diagnose dann aber weiterhin die zeitliche Verteilung (wie in den McDonald-Kriterien 2017 definiert) oder ein entsprechender Nervenwasserbefund vorliegen.
Neben dem MRT als möglichem Beweis der Sehnervbeteiligung kann auch die optische Kohärenztomographie (OCT) oder die visuell evozierten Potentiale (VEP) genutzt werden. Vor allem ist hier ein relevanter Unterschied zwischen dem linken und dem rechten Auge ein wichtiger Hinweis. Auch andere pathologische Befunde können, wenn sich keine andere Erklärung für diese findet, herangezogen werden.
Die Nervenwasser-Diagnostik wäre den neuen Kriterien nach unter bestimmten MRT-Bedingungen, insbesondere wenn bereits vier oder mehr Regionen betroffen sind, nicht mehr zwingend erforderlich. Sie dient uns aber auch als wichtiges differentialdiagnostisches Mittel, um andere Diagnosen abklären zu können, und wird daher auch weiterhin wichtig bleiben. Für das Nervenwasser werden neben den vorbekannten oligoklonalen Banden (OKB) gleichwertig erhöhte kappa freien Leichtketten (kFLC) als diagnostisches Kriterium akzeptiert. Bei zwei vorhandenen Läsionsorten im MRT kann somit bei Vorhandensein eines dieser Nervenwasserbefunde eine MS diagnostiziert werden.
Um Fehldiagnosen bei bestimmten Personengruppen zu verhindern, soll bei Personen über 50 Jahren bei erster Symptomatik, Menschen mit einer Kopfschmerzerkrankung (z.B. Migräne) oder Gefäßerkrankungen bzw. -risikofaktoren (auch Rauchen!) besonders streng nach den Kriterien geschaut werden. Insbesondere helfen das Vorhandensein einer spinalen Läsion, der typischen Nervenwasserbefunde (wie oben beschrieben) oder der mindestens 6 CVS als Zusatzkriterien weiter.
Aufgrund anderer Häufigkeiten für die akute demyelinisierende Enzephalomyelitis (ADEM) und MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankungen (MOGAD, englisch kurz für Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierte Erkrankung) im Kindesalter sollen Kinder unter 12 Jahren immer auf die Anwesenheit entsprechender MOG-Antikörper getestet werden. Bei älteren Kindern und Jugendlichen sollen diese Antikörper wie bei Erwachsenen nur untersucht werden, wenn der klinische Befund hinweisend darauf ist, dass es sich nicht um eine typische MS handelt. Im Übrigen werden dieselben diagnostischen Algorithmen für Kinder und Jugendliche wie für Erwachsene angewendet.
Zusammenfassend spiegeln die aktualisierten diagnostischen Kriterien den Fortschritt in den diagnostischen Möglichkeiten wider. In den Kriterienkatalog wurden neue Marker aus verschiedenen Bereichen (MRT, Nervenwasser, OCT, Labor) aufgenommen, für die eine aussagekräftige Datenlage besteht. So soll ermöglicht werden, in Situationen, in denen bisher (noch) keine sichere MS-Diagnose gestellt werden konnte, mit hoher diagnostischer Sicherheit die Diagnose früher als bisher stellen zu können.
Die Kriterien stellen aber in ihrer Komplexität auch eine Herausforderung dar, da die Einführung der Kriterien und vor allem der damit verbundenen Untersuchungsparameter in die Routineversorgung aus dem Forschungsbereich heraus noch erfolgen muss. Viele der genannten Marker stehen für die Routineversorung bisher nicht in der breiten Praxis zur Verfügung. Es muss daher auch abgewogen werden, in welchen Fällen bzw. Situationen diese Zusatzbefunde wirklich erforderlich sind. Wenn bereits die bisher „üblichen“ Faktoren die MS-Diagnose erlauben und keine widersprüchlichen Befunde bestehen, ist es auch unsere Aufgabe als Behandelnde, festzulegen, welche diagnostischen Zusatzmaßnahmen nicht erforderlich sind. Auch dies sollte den Betroffenen nachvollziehbar vermittelt werden.
Bisherige McDonald Kriterien (Version 2017):
Die international abgestimmten Kriterien legen fest, mit welchen Befunden die Diagnose einer MS eindeutig gestellt werden kann.
Im Kern müssen zwei Dinge nachgewiesen werden:
Räumliche Dissemination: Es müssen klinische Symptome bzw. Entzündungsherde (Läsionen) in unterschiedlichen Bereichen des Zentralnervensystems nachgewiesen werden, z.B. in verschiedenen Hirnregionen oder im Rückenmark.
Zeitliche Dissemination: Es muss gezeigt werden, dass die Entzündungen zu verschiedenen Zeitpunkten aufgetreten sind, entweder durch einen zweiten Schub, zeitgleich nachgewiesene Herde mit und ohne Kontrastmittelaufnahme im selben MRT, neue Herde in einem weiteren MRT oder Veränderungen im Nervenwasser (oligoklonale Banden, OKB).
Zur Diagnostik kommen meist Magnetresonanztomographie (MRT), Nervenwasser- und Blutuntersuchungen und neurologische Tests zum Einsatz. Die Kriterien erlauben je nach klinischer Präsentation und Befunden eine zuverlässige Diagnose.
Kurz gesagt: Die McDonald-Kriterien prüfen, ob die neurologischen Beschwerden sowie die Befunde aus den Untersuchungen mit der typischen räumlichen und zeitlichen Verteilung der Entzündungsherde bei MS übereinstimmen.


Autorin: Privatdozentin Dr. med. Anke Salmen, Klinik für Neurologie, St. Josef-Hospital, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum
Quelle: Diagnosis of multiple sclerosis: 2024 revisions of the McDonald criteria Montalban, Xavier et al., The Lancet Neurology, Volume 24, Issue 10, 850 - 865
Redaktion: DMSG-Bundesverband - 18.09.2025



