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MS-Forschung

Die DMSG verbindet Mediziner und MS-Erkrankte: Experten gewähren Einblick in ihren Forschungsalltag

Prof. Dr. med. Wolfgang Brück und Prof. Dr. med. Christine Stadelmann-Nessler. Foto: DMSG, Bundesverband e.V.

Die Forscher Prof. Dr. med. Wolfgang Brück und Prof. Dr. med. Christine Stadelmann-Nessler haben den DMSG-Reportern die Türen zur Neuropathologie der Universitätsmedizin Göttingen geöffnet. Die renommierten Mediziner erklären, wo die Herausforderungen bei der Erforschung der MS liegen und welche Fortschritte – auch dank der Forschungsförderung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. – auf dem langen Weg zu einer Therapie erzielt werden können.

Prof. Brück empfängt die DMSG-Reporter in seinem Büro, das zugleich auch Besprechungsraum und Waschnische ist. Er ist Dekan und Sprecher des Vorstands der Universitätsmedizin Göttingen, Forscher, Dozent, Facharzt, Mitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes und Koordinator der Deutschen MS Brain Bank. Die Atmosphäre ist entspannt. Sein weißer Kittel hängt an der Garderobe. Der PC läuft, über dem Mikroskop hängen Fotos. Fast fünf Stunden lang gewähren der MS-Experte und seine Kollegin, die Direktorin des Instituts für Neuropathologie Prof. Christine Stadelmann-Nessler, Einblick in die Welt der Neuropathologie und zeigen dabei auch, dass erfolgreiche MS-Forschung auf Teamarbeit verschiedener Disziplinen beruht.

Pathologie – schon das Wort erzeugt Bilder im Kopf

Und tatsächlich führt der nächste Weg mit dem Fahrstuhl in den Keller. Am Ende eines langen Ganges betreten wir einen Raum mit Seziertisch. Im Regal stehen Gläser mit eingelegten Gehirnen, auf den Wandtafeln stehen endlose Zahlenkolonnen. Es ist kalt, ein beißender Geruch steigt in die Nase. „Riecht das nach Gehirn?“, fragt DMSG-Reporter Kevin, der selbst an MS erkrankt ist und für die DMSG eine medizinische Reportage dreht. „Nein, das ist Formalin“, schmunzelt Prof. Brück. „Um den Prozess der Zersetzung zu stoppen, wird das Gewebe in Formalin fixiert“, ergänzt er und öffnet die Tür eines großen Gefrierschrankes.

Wir sind in der Brainbank angekommen

Die Gehirne sind Spenden von MS-Erkrankten, die sich entschieden haben, nach ihrem Tod ihr Gehirn und Rückenmark für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Auch für das von der DMSG geförderte Projekt ist Material aus der Brainbank nötig. „Durch die detaillierte immunhistologische Untersuchung von Gewebe von Patienten mit MS konnten wir lernen, dass auch bei fortgeschrittener Erkrankung ein Abbau der Markscheiden im Bereich der Großhirnrinde stattfindet“, verdeutlicht Prof. Brück. „Des Weiteren gelang es uns, durch eine Blockierung von aus dem Blut einwandernden, sogenannten „entzündlichen Monozyten“, die Ausbildung von Entmarkungsherden, insbesondere in der grauen Substanz, in unseren experimentellen Modellen wesentlich zu reduzieren.“

Aus einem Gehirn können etwa 80 Paraffinblöcke erstellt werden, die histologisch eingefärbt, klassifiziert und unter dem Mikroskop untersucht werden. „Diese Blöcke halten für ewig“, erklärt der Experte. Mehr als 1500 Blöcke hält die Brain Bank im Moment für die Arbeit der Forscher bereit - gewonnen aus aktuell 20 Gehirnen von Spendern mit MS. Weil am Tag zuvor eine neue Spende eingetroffen ist, können wir dabei sein, als Prof. Brück das Gehirn in dünne Scheiben schneidet. Zuvor zieht er sich einen blauen Kittel an, streift sich Gummihandschuhe über und legt das Gehirn auf eine Metallwaage. Die Schaltzentrale des Menschen wirkt jetzt klein und fast schon unspektakulär.

Ob der Experte schon jetzt Auswirkungen der MS erkennen kann?

"Das kann man mit bloßem Auge nicht sehen, nur mit dem Mikroskop. Die Behinderung wird wesentlich dadurch bestimmt, was in der grauen Substanz passiert und das sehen wir makroskopisch nicht“, sagt Brück und deutet auf den Gehirnschnitt. Möglicherweise ist die Hälfte dieser grauen Substanz entmarkt und die Zellen sind geschädigt, makroskopisch sehen wir nur die Herde in der weißen Substanz.“ Im vorliegenden Fall der 64-jährigen Spenderin seien das nicht viele, erklärt der Professor weiter: „Aber das heiß nicht, dass die Patientin nur wenig behindert war. Dass sie schon schwerer betroffen gewesen sein muss, kann man aus dem geringen Gehirngewicht ableiten. Das Gehirn wiegt nur noch 1100 Gramm, erwarten würde man ein Gewicht zwischen 1300 und 1400 Gramm. Das ist schon ein deutlicher Gewebeverlust.“

Warum untersuchen wir das, was uns noch relativ normal erscheint?

Die Forscher aus Göttingen haben sich auf die Suche nach speziellen Signaturen gemacht, um die Funktionsstörungen in den Nervenzellen besser definieren zu können. Ziel sei, Moleküle zu finden, die bei MS verändert sind, erklärt Prof. Stadelmann-Nessler: „Das könnte dann ein Angriffspunkt für mögliche Therapien sein.“ Das Forschungsprojekt fokussiere auf die Großhirnrinde, die großen Einfluss auf Entstehung und Progredienz (Fortschreiten) der Erkrankung habe. Der zweite Fokus widme sich der normal erscheinenden weißen Substanz. „Wir wissen, wie Läsionen in der weißen Substanz entstehen und kennen auch Medikamente, die verhindern, dass neue Schübe und Läsionen in der weißen Substanz entstehen“, ergänzt Prof. Brück. „Was wir nicht wissen ist, wie die Läsionen in der grauen Substanz und in der Hirnrinde entstehen, ob diese Läsionen dem gleichen Prinzip folgen.

Im Experiment habe sich gezeigt, dass das nicht der Fall ist. Das Gleiche gilt für die normal erscheinende weiße Substanz, wo sich hinter einer intakten Blut-Hirnschranke pathologische Vorgänge abspielen. „Hier müssen wir Therapieziele identifizieren, die im Gehirn wirken und verhindern, dass neue Läsionen in der weißen Substanz entstehen“, betont der Experte: „Man muss im Hirn arbeiten nicht im Blut.“

Regeneration der Markscheiden

Die mit dem Nachwuchs-Sobekpreis ausgezeichnete Professorin und Fachärztin zeigt im Labor Gewebeproben. Schockgefroren, in Paraffin gegossen und hauchdünn geschnitten. Beim Blick auf die präparierten Markscheiden fällt ein Fleck auf, der deutlich dunkler ist. Unter dem Mikroskop zeigt sich, dass sich hier Myelinscheiben neu gebildet haben. „Man kann sich gut vorstellen, dass das ausreicht für eine funktionelle Wiederherstellung der Axone“, erklärt Stadelmann-Nessler. Wichtig sei, dass die Axone metabolische Unterstützung von außen bekommen. Gliazellen stützen und schützen das Axon und versorgen das Neuron mit Nährstoffen.

Remyelinisierung: Schäden rückgängig machen

„Was wir wissen ist, dass MS-Erkrankte auch in den entmarkten Arealen noch Myelinscheiben bildende Zellen haben. Jetzt geht es darum, zu lernen, wie wir diese stimulieren können“, verdeutlicht die Forscherin. Auch körperliche Aktivität könne diese zelluläre Regeneration unterstützen.

Die Forscher wollen die mit Hilfe der Forschungsförderung der DMSG gewonnenen Erkenntnisse weiter ausbauen

„Je mehr Moleküle wir kennen, desto mehr Ziele für pharmakologische Interventionen werden wir haben“, verweist Prof. Stadelmann-Nessler auf das gemeinsame Ziel: „die Progredienz der Erkrankung viel langsamer ablaufen zu lassen oder ganz zu stoppen.“

Im Rahmen der DMSG geförderten Forschungsarbeit habe sich ein neuer aussichtreicher Ansatz gezeigt, dem weiter nachgegangen werden müsse, verweist sie auf Daten, die auf einen Mechanismus hinweisen, der andere Medikamente in den Vordergrund rücken könnte. „Um alle Fragen zu beantworten, brauchen wir Unterstützung“, betont Prof. Brück. Dabei sei die Forschungsförderung der DMSG „unerlässlich“.

Auch Sie können helfen, damit MS nicht länger eine unheilbare Erkrankung bleibt

Beim Anblick des Gehirns meint Kevin nachdenklich. „Wenn man bedenkt, dass hier die Erlebnisse und Gedanken aus 64 Jahren Leben vor uns liegen.“

Ja, es ist ein großes Geschenk, das diese an MS erkrankte Frau der Nachwelt hinterlassen hat. Vielleicht das wertvollste, auf jeden Fall jedoch das nachhaltigste, denn mit der Spende ihres Gehirns eröffnet sie den Forschern und damit Generationen von MS-Patienten die Chance, die heute noch unheilbare Erkrankung eines Tages zu besiegen oder zumindest in Schach halten zu können. Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) hat aus diesem Grund eine eigene ZNS Probenbank (German MS Brain Bank) aufgebaut, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

So können Sie helfen:

  • Mit dem MS-Spenderpass. Mit diesem Ausweis entscheiden Sie sich, nach ihrem Tod Ihr Gehirn und Rückenmark für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Kontakt: Dr. Erik Bahn. Universitätsmedizin Göttingen, Tel: 0551 39-22700, Mail: ms-spenderprogrammmed.uni-goettingende.
  • Oder mit einer Spende für die unabhängige Forschungsförderung des DMSG-Bundesverbandes. Gemeinsam für eine Welt ohne MS!

Quelle: DMSG-Bundesverband - 17.11.2021

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