Welttag der Patientensicherheit: Sicherheit muss bei jeder Multiple Sklerose-Therapie mitgedacht werden
Sicherheitsinformationen zu MS-Medikamenten zeigen, wie wichtig eine gute Aufklärung, regelmäßige Kontrollen und eine offene Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten und dem Behandlungsteams sind.
Am 17. September findet der Welttag der Patientensicherheit statt. Im Jahr 2026 steht dieser unter dem Motto „Sichere Versorgung chronisch erkrankter Menschen – für ein gutes Leben!“. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit greift damit das Schwerpunktthema der Weltgesundheitsorganisation „Safe care for noncommunicable diseases“ auf.[1]
Für Menschen mit MS ist Therapiesicherheit ein wichtiges Thema. Die Erkrankung MS begleitet sie über ihr ganzes Leben. Die Behandlung umfasst sehr häufig verschiedene verlaufsmodifizierende Therapien und symptomorientierte Medikamente sowie Rehabilitation, Pflege, Hilfsmittel und weitere Unterstützungsangebote.
Patientensicherheit bedeutet nicht nur, Fehler zu vermeiden. Sie heißt auch, Risiken frühzeitig zu erkennen, Warnhinweise verständlich zu vermitteln und Patientinnen und Patienten aktiv in die Behandlung einzubeziehen.
Rote-Hand-Briefe: wichtige Warnsignale der Arzneimittelsicherheit
Ein wichtiges Instrument der Arzneimittelsicherheit sind die sogenannten Rote-Hand-Briefe. Sie informieren medizinische Fachkreise über neu erkannte oder neu bewertete, bedeutende Arzneimittelrisiken und über Maßnahmen, mit denen diese Risiken verringert werden sollen. Die Informationen werden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beziehungsweise – bei bestimmten biomedizinischen Arzneimitteln – vom Paul-Ehrlich-Institut veröffentlicht.[2]
Ein Rote-Hand-Brief bedeutet nicht, dass ein Arzneimittel für Patientinnen und Patienten ungeeignet ist, sondern zeigt, dass neue Erkenntnisse eine besondere Aufmerksamkeit, zusätzliche Kontrollen oder eine Änderung der Anwendung erforderlich machen können.
In den vergangenen Jahren haben Sicherheitsinformationen zu MS-Medikamenten unter anderem auf Risiken schwerer Infektionen, Überempfindlichkeitsreaktionen, Leberschädigungen und weitere schwerwiegende Nebenwirkungen hingewiesen. Die Erfahrungen mit verschiedenen MS-Therapien machen deutlich, dass die Sicherheitsbewertung eines Arzneimittels nicht mit seiner Zulassung endet. Auch nach der Markteinführung müssen neue Verdachtsfälle sorgfältig erfasst und bewertet werden. Wir stellen nachfolgend zwei Beispiele vor, über die wir berichtet haben.
Glatirameracetat: Anaphylaktische Reaktionen können auch spät auftreten
Im Jahr 2024 informierte ein Rote-Hand-Brief zu glatirameracetathaltigen Arzneimitteln über das Risiko anaphylaktischer Reaktionen (wir berichteten). Diese schweren allergischen Reaktionen können kurz nach der Injektion auftreten. Und zwar nicht nur zu Beginn, sondern auch noch Monate oder Jahre nach Beginn der Behandlung.[3]
Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen einer bekannten, meist vorübergehenden Reaktion nach der Injektion und einer möglicherweise lebensbedrohlichen Anaphylaxie. Eine kurzfristige Rötung, Engegefühl im Brustbereich, Herzklopfen oder Unwohlsein kann unmittelbar nach der Injektion auftreten. Treten jedoch Atemnot, Schwellungen, Kreislaufprobleme oder eine rasche Verschlechterung auf, ist unverzüglich medizinische Hilfe erforderlich.
Ocrevus: Hinweise auf klinisch relevante Leberschädigungen
Auch zum Wirkstoff Ocrevus (HandelsnamenOcrelizumab©) liegen neue Sicherheitsinformationen vor (wir berichteten). Eine im Januar 2026 veröffentlichte Sicherheitsmitteilung von Swissmedic und dem Hersteller beschreibt eine Fallserie mit klinisch bedeutsamen Leberschädigungen, die ohne Nachweis einer Virushepatitis im Zusammenhang mit dem Beginn einer Ocrelizumab-Behandlung auftraten.[4]
Warum Meldungen von Verdachtsfällen so wichtig sind
Seltene Nebenwirkungen werden in klinischen Studien möglicherweise nicht vollständig erkannt. Erst die breite Anwendung im Versorgungsalltag kann Hinweise auf bestimmte Muster liefern. Deshalb sind Meldungen von Verdachtsfällen ein wichtiger Bestandteil der Pharmakovigilanz. Gerade bei seltenen oder schwerwiegenden Reaktionen ist es wichtig, dass mögliche Zusammenhänge dokumentiert und von den zuständigen Stellen geprüft werden.
Patientensicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe
Der Welttag der Patientensicherheit erinnert daran, dass sichere Versorgung nur gemeinsam gelingen kann. Dazu gehören:
- eine verständliche Aufklärung über Nutzen und Risiken,
- regelmäßige und angemessene Kontrollen,
- eine vollständige Medikamentenübersicht,
- sichere Übergaben zwischen Praxen, Kliniken und weiteren Versorgungsbereichen,
- die ernsthafte Berücksichtigung von Beschwerden,
- eine Kultur, in der Verdachtsfälle und Fehler ohne Angst vor Schuldzuweisungen gemeldet werden können,
- die aktive Beteiligung der Patientinnen und Patienten an Therapieentscheidungen.
Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft setzt sich dafür ein, dass Menschen mit MS Zugang zu wirksamen, sicheren und transparent erklärten Therapien erhalten. Dazu gehört auch, offene Fragen klar zu benennen, neue Sicherheitsdaten unabhängig zu bewerten und die Erfahrungen der Menschen mit MS in die Weiterentwicklung der Versorgung einzubeziehen.
Quellen:
[1] Aktionsbündnis Patientensicherheit: Welttag der Patientensicherheit 2026, Motto „Sichere Versorgung chronisch erkrankter Menschen – für ein gutes Leben!“.
[2] BfArM: Rote-Hand-Briefe und Informationsbriefe.
[3] BfArM: Rote-Hand-Brief zu Glatirameracetat – Auftreten von anaphylaktischen Reaktionen Monate bis Jahre nach Behandlungsbeginn.
[4] Swissmedic: Sicherheitsmitteilung zu Ocrevus (Ocrelizumab) – Leberschädigung, 28. Januar 2026.
Redaktion: DMSG-Bundesverband - 17.09.2026

