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Welche Ziele verfolgt die Symptomatische Therapie?

Mit der immunprophylaktischen Therapie sollen die Schubrate und die im MRT erkennbaren Herde verringert, das Fortschreiten der Behinderung aufgehalten und somit der Krankheitsverlauf stabilisiert werden.

In der Regel sind diese Therapieformen aber nicht geeignet, die bestehenden Symptome der Krankheit zu verbessern. Hierfür werden symptomatische Therapiemaßnahmen eingesetzt, für die es seit 2004 Empfehlungen der Multiple Sklerose Therapie Konsensus Gruppe (MSTKG) gibt, die fortlaufend aktualisiert werden.

Kaum eine andere Erkrankung von Hirn und Rückenmark äußert sich in so vielen verschiedenen Beschwerden wie die MS. Die Symptome können einzeln oder in Kombination auftreten; es können im Laufe der Jahre neue hinzukommen und bestehende verschwinden.

Die Möglichkeiten der Behandlung sind vielfältig. Sie umfassen medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen. Immer wichtiger für die Therapie der MS wird die Rehabilitation, die als „intensivierte symptomatische Therapie“ betrachtet werden kann, und die erheblich zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen kann.

Paroxysmale Symptome ist der Sammelbegriff für Beschwerden, die überfallartig, kurz (maximal wenige Minuten), aber wiederkehrend auftreten. Meist handelt es sich um einschießende Schmerzen in einer bestimmten Körperregion, es kann sich aber auch um plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen handeln, seltener auch Juckreiz. Das häufigste paroxysmale Symptom ist die MS-bedingte Trigeminusneuralgie, die im Gegensatz zur „normalen Trigeminusneuralgie“ oft beidseitig auftritt. Außerdem werden das Lhermitte-Zeichen und das Uhthoff-Phänomen zu den paroxysmalen Symptomen gerechnet.

Paroxysmale Symptome werden durch verschiedene Reize ausgelöst: plötzliche Bewegungs- oder Haltungsänderungen, Sprechen, Lachen, Schlucken, heißes oder kaltes Essen und andere, können aber auch spontan entstehen.

Therapieziele

Vermeidung der jeweiligen Symptome ohne Beeinträchtigung des Patienten durch die Therapie und damit Steigerung der Lebensqualität.

Nicht-medikamentöse Therapie

Es kann hilfreich sein, ein Tagebuch zu führen, um zu erkennen, in welchen Situationen paroxysmale Symptome auftreten. Unter Umständen lassen sich solche Situationen, wenn nicht vermeiden, so doch reduzieren.

Bei einem Uhthoff-Phänomen sollten Patienten Wärme meiden und kalte Duschen, kalte Getränke oder kühlende Kleidung (Westen, Stirnbänder etc.) einsetzen.

Medikamentöse Therapie

Die meisten paroxsymalen Symptome lassen sich gut mit Medikamenten behandeln. Eingesetzt werden Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, bei ausgeprägter Wärmeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen) auch 4-Aminopyridin.

Verabreichungsform

Carbamazepin (unter anderem Finlepsin®, Sirtal®, Tegretal®, Timonil®): Tabletten, tägliche Dosis beginnend mit 100-300 mg, Steigerung bis 1200-1800 mg.
Gabapentin (Gabax®, Neurontin®): Tabletten, tägliche Dosis beginnend mit 300 mg, Steigerung bis 1800-3000 mg
Lamotrigin (Bipolam®, Elmendos®, Lamapol®, Lamictal®): Tabletten, tägliche Dosis 100-200 mg täglich.
4-Aminopyridin: Tabletten, tägliche Dosis: 3 x 5 bis 3 x 10 mg

Gegenanzeigen

Carbamazepin: Schwangerschaft.
Lamotrigin: Leberfunktionsstörungen.
4-Aminopyridin: Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle.

Wirkweise

Alle genannten Medikamente beeinflussen die elektrisch-chemischen Abläufe im Gehirn; sie stabilisieren die Zellmembranen und hemmen offenbar die Reizübertragung zwischen Nerven.

Nebenwirkungen

Carbamazepin: Benommenheit, Schwindel, Gangunsicherheit, Übelkeit, Doppelbilder. Die Wirkung der Antibabypille wird aufgehoben.
Gabapentin: Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, Nervosität, Schlaflosigkeit.
Lamotrigin: Hautausschlag, Juckreiz, Kopfschmerzen, Schwindel, Doppeltsehen, Verschwommensehen, Müdigkeit, Schlafstörungen.
4-Aminopyridin: Benommenheit, Übelkeit, Erbrechen, Missempfindungen.

Invasive Therapie

Schwere Fälle von Trigeminusneuralgie können mittels spezieller Operationen gebessert werden. Dabei wird der Trigeminus-Nerv entweder thermisch (Thermokoagulation des Ganglion Gasseri) oder chemisch (Glycerol-Injektion) teilweise ausgeschaltet. Diese Operationen können nur von ausgewiesenen Spezialisten durchgeführt werden.

Wissenswertes

Bei der Diagnose paroxsysmaler Symptome ist der Neurologe ausschließlich auf die Angaben des Patienten zu Art, Dauer, Auslöser, Ausbreitungsgebiet und Häufigkeit der Beschwerden angewiesen. Es ist daher sinnvoll, diese Angaben präzise in einem Tagebuch zu notieren und dem Arzt vorzulegen.

Wichtig

Moderne Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, SSRI) machen weder süchtig noch schränken sie das Reaktionsvermögen ein. Sie wirken erst nach zwei bis vier Wochen, aber: Nebenwirkungen können sofort auftreten.

Thermokoagulation = Hitzesondenbehandlung.
Bei der Thermokoagulation des Ganglion Gasseri, einer zentralen Schaltstelle des Trigeminus-Nerven, werden die schmerzleitenden Fasern gezielt ausgeschaltet. Dies ist möglich, weil ihre Myelinschicht dünner ist als die der umgebenden Nervenfasern und sie somit empfindlicher gegen Hitze sind.

Glycerol-Injektion = In das Ganglion wird die den Nerven zerstörende Substanz Glycerol injiziert.

Die MS-bedingte Ataxie – auch ataktische Bewegungsstörung genannt – bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen: Das Zusammenspiel verschiedener Muskeln – vor allem der Arme und Beine, seltener des Rumpfes – ist beeinträchtigt. Feinmotorische, zielgerichtete Bewegungen, wie sie in vielen Alltagssituationen gebraucht werden, sind eingeschränkt. Dazu gehören zum Beispiel das sichere Greifen eines Glases, das Zähneputzen, das Ankleiden, Arbeiten im Haushalt und Tätigkeiten am Arbeitsplatz. Betrifft die Ataxie die Beine, wird der Gang unsicher und breitbeinig. Sturz- und Stolpergefahr sind erhöht.

Tremor, eine Form ataktischer Bewegungsstörungen, bezeichnet das gleichmäßige Zittern eines Körperteils oder des gesamten Körpers.

Ataktische Bewegungsstörungen betreffen etwa jeden zweiten MS-Patienten (Deutsches MS-Register). Die Ausprägung von Ataxie und Tremor ist oft abhängig von der seelischen und körperlichen Verfassung der Patienten: Schmerzen, Erschöpfung, Stress, Aufregung, Angst, manchmal nur die Gewissheit, beobachtet zu werden, verstärken die Symptome.

Therapieziele

  • Verbesserung der Feinmotorik mit dem Ziel, die Selbstständigkeit im Alltag und möglichst auch die Berufsfähigkeit zu erhalten.
  • Erhalt der Gehfähigkeit.

Nicht-medikamentöse Therapie

Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage (Bobath, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation und andere), kombiniert mit Ergotherapie.

Sinnvoll ist darüber hinaus, Entspannungstechniken zu erlernen und anzuwenden, zum Beispiel Autogenes Training oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson.

Hilfsmittel – Gehstöcke, Rollatoren, spezielle Bestecke – erleichtern den Alltag.

Eisanwendungen (eine Minute Kältekompresse oder Eiswasserbad) können die Ataxie der Arme kurzfristig (für ca. 45 Minuten) bessern: hilfreich etwa vor dem Einnehmen einer Mahlzeit oder dem Leisten einer Unterschrift.

Medikamentöse Therapie

Medikamente sind wenig hilfreich und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Zudem könnnen sie ausschließlich den Tremor lindern. Deshalb werden Clonazepam (Rivotril®), Propranolol (Dociton®), Primidon (Liskantin®) oder Ondansetron (Zofran®) erst versucht, wenn nicht-medikamentöse Therapien bei Tremor versagen. Neueste Ergebnisse zeigen sehr gute Erfolge von Topiramat, sonst bei Migräne oder Epilepsie eingesetzt.

Verabreichungsform

Clonazepam (Rivotril®): Tabletten, tägliche Dosis 1-3 mg
Propranolol (Dociton®): Tabletten/Kapseln, tägliche Dosis 80-240 mg
Primidon (Liskantin®): Tabletten, tägliche Dosis 62,5-250 mg
Ondansetron (Zofran®): intravenöse Injektion/Tabletten, tägliche Dosis 1-2 x täglich 4-8 mg

Gegenanzeigen

Clonazepam (Rivotril®): Müdigkeit, schwere Muskelschwäche (Myasthenia gravis), Schwangerschaft, Stillzeit.
Propranolol (Dociton®); Asthma, ausgeprägt niedriger Blutdruck, schwere Durchblutungsstörungen, Herzschwäche, Schwangerschaft und Stillzeit.
Primidon (Liskantin®): Leber- und Nierenfunktionsstörungen, Herzmuskelschwäche, Asthma, Schwangerschaft und Stillzeit.
Ondansetron (Zofran®): chronische Verstopfung, Verengungen im Magen-Darmtrakt, Schwangerschaft und Stillzeit.

Wirkweise

Clonazepam (Rivotril®) gehört zur Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine und ist ein Antiepileptikum, das normalerweise zur Krampfunterdrückung (Epilepsie) eingesetzt wird. Es wirkt allgemein dämpfend auf das Zentrale Nervensystem (ZNS).
Propranolol (Dociton®) ist ein unspezifischer Beta-Rezeptoren-Blocker, der nicht ausschließlich am Herzen wirkt (Beta-Blocker werden überwiegend bei Herz-Kreislauferkrankungen eingesetzt). Auf welche Weise er gegen Zittern wirkt, ist nicht bekannt.
Primidon (Liskantin®) gehört zur Wirkstoffgruppe der Barbiturate und ist ein Antiepileptikum, das krampflösend wirkt. Der Mechanismus der Wirkweise ist nicht bekannt.
Ondansetron (Zofran®) blockiert die Serotonin-Rezeptoren im Zentralen Nervensystem. Der Wirkstoff ist als Antiemetikum bekannt; er wird vor allem zur Behandlung von Erbrechen in der Tumor-Strahlentherapie oder nach Operationen eingesetzt.

Nebenwirkungen

Clonazepam (Rivotril®): Müdigkeit, Mattigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Muskelspannung, Nervosität, Schlafstörungen. Clonazepam verstärkt Psychopharmaka, Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel sowie muskelentkrampfende Wirkstoffe. Darf nicht kombiniert werden mit MAO-Hemmern zur Behandlung einer Depression.
Propranolol (Dociton®): Müdigkeit, Schwindel, Durchblutungsstörungen, Empfindungsstörungen, trockene Augen. Beta-Blocker können allergische Reaktionen verstärken.
Primidon (Liskantin®): Gleichgewichts- und Sehstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit, Zittern, Sprachstörungen, Abgeschlagenheit, kognitive Störungen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Psychopharmaka kann es zu gegenseitiger Verstärkung der Wirkung kommen. Die Wirkung von Antibaby-Pillen, Beta-Blockern, Blutgerinnungshemmern und Antibiotika kann verringert werden.
Ondansetron (Zofran®): Müdigkeit, Verstopfung, Durchfall.

Invasive Therapie

Bei erheblichem Tremor bleibt als letzte Möglichkeit die stereotaktische Operation mit Stimulation der Stammganglien an spezialisierten Zentren: Eine sehr dünne Sonde wird in einem bestimmten Gehirnareal (Thalamus) platziert, gleichzeitig ein Schrittmacher am Schlüsselbein unter der Haut eingesetzt und mit der Sonde verbunden. Vom Schrittmacher aus kann über die Sonde ein sehr schwacher elektrischer Strom verabreicht werden, der das Zittern verringert oder unterbindet. Die Einstellung des Schrittmachers lässt sich von außen ohne Operation verändern.

Wissenswertes

Clonazepam (Rivotril®) und Primidon (Liskantin®): Eine längere Behandlung kann zur Abhängigkeit führen. Sollen die Medikamente abgesetzt werden, muss die Dosis schrittweise verringert werden, da es sonst zu Entzugserscheinungen/Krampfanfällen kommen kann.

Wichtig

Ataxie und Tremor werden von Außenstehenden oft als Trunkenheit missdeutet. Die Aufklärung über den wahren Sachverhalt ist wichtig, um gesellschaftlicher Ausgrenzung vorzubeugen.

stereotaktische Hirnoperation = Hirnoperation, die durch kleine Bohrlöcher im Schädel mit feinen nadelähnlichen Operationsinstrumenten an vorberechneter Stelle durchgeführt wird.

Neurogene, d. h. auf der fehlerhaften Funktion wichtiger Nervenbahnen beruhende, Blasenstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen der MS. Im Verlauf der Erkrankung sind 50 bis 80 Prozent der Patienten davon betroffen. In 2 Prozent der Fälle sind Blasenstörungen alleiniges Erstsymptom, aber bei immerhin 10 bis 14 Prozent wesentlicher Teil der Erstsymptomatik.
Zwischen dem Schweregrad der Blasenstörung und dem Ausmaß der Spastik besteht ein enger Zusammenhang, was dafür spricht, dass im Wesentlichen Schädigungen des Rückenmarks für die Blasenstörung verantwortlich sind.
Zur langfristigen Vermeidung von Folgeschäden ist die frühzeitige Erkennung und symptomorientierte Behandlung von zentraler Bedeutung. Dabei ist oftmals die Bestimmung der Restharnmenge mittels Sonographie oder Einmalkatheter ausreichend. Bei unzureichendem Therapieerfolg (fortbestehende Inkontinenz und Restharnbildung) ist allerdings unbedingt eine urodynamische Untersuchung erforderlich, um die Speicher- und Entleerungsfunktion der Blase zuverlässig bestimmen zu können.

Bei MS auftretende Blasenfunktionsstörungen lassen sich in 3 Gruppen unterteilen:
Am Häufigsten ist die sogenannte Detrusor-Hyperreflexie („überaktive Blase“), bei der die Speicherfunktion der Blase eingeschränkt ist. Sie äußert sich zum Beispiel in häufigem Harndrang, Inkontinenz und Einnässen.
Es kann aber auch das Gegenteil auftreten: eine Blasen-Hyporeflexie mit verzögerter Blasenentleerung, Entleerung kleiner Urinportionen, Nachträufeln und Restharnbildung.
Daneben kommt auch eine Kombination beider Symptome vor. 6 bis 30 Prozent der Patienten betrifft die sogenannte Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie, also eine unkoordinierte Aktivität von Austreibermuskulatur und Blasenschließmuskel. Sie ist gekennzeichnet durch Harndrang, Inkontinenz, verzögerter und nicht vollständiger Blasenentleerung.

Therapieziele

  • Verbesserung der Speicherfunktion der Blase, ihre möglichst vollständige Entleerung und Normalisierung des Harndrangs,
  • Vermeidung von Komplikationen wie wiederholte Harnwegsinfekte, Nierensteinbildung und eingeschränkte Nierenfunktion,
  • Verbesserung der Lebensqualität.

Nicht-medikamentöse Therapie

Durch das eigene richtige Verhalten können Blasenfunktionsstörungen vor allem im Frühstadium günstig beeinflusst werden. Wichtig ist:

  • regelmäßig ausreichend trinken (ca. 2 Liter über den Tag verteilt, sofern Herz und Nieren gesund sind)
  • regelmäßige, auch vorbeugende Toilettengänge
  • Kontrolle von Trink- und Urinmenge durch ein Tagebuch
  • Harndrang nicht über längere Zeit unterdrücken (das Überkreuzen der Beine kann zur Verstärkung einer Spastik führen)
  • Beckenbodengymnastik (kann in der Physiotherapie erlernt werden)

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Behandlung umfasst – je nach Art der Funktionsstörung – verschiedene Substanzen:

  • Anticholinergika zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels unterdrücken das übermäßige Zusammenziehen der Blase. Erfolgreich eingesetzte Substanzen sind Oxybutynin (zum Beispiel Dridase®, Kentera®), Trospium (zum Beispiel Spasmex®, Spasmolyt®) und Propiverin (zum Beispiel Mictonorm®, Mictonetten®). Sie sind als Tabletten bzw. Pflaster (Kentera®) erhältlich. Bei nicht ausreichender Wirksamkeit oder beim Auftreten von Nebenwirkungen kann auf weitere Medikamente ausgewichen werden, nach denen Sie am besten Ihren Urologen fragen. Außerdem können einzelne Substanzen steril direkt in die Blase gegeben werden (intravesikale Therapie), insbesondere wenn Sie selbst katheterisieren (intermittierender Selbstkatheterismus/ISK).
  • Bei Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung werden in der Regel Alphablocker (Tamsulosin, zum Beispiel Omnic®) eingesetzt, die zur Entspannung des Blasenschließmuskels beitragen. Da Spastik diese Form der Blasenstörung mitverursachen kann, erfolgt die Behandlung unter Umständen auch mit Antispastika (Baclofen, siehe Spastik-Kapitel).
  • Um die Urinproduktion und -ausscheidung vorübergehend zu verringern (zum Beispiel, um nachts durchschlafen zu können), kann Desmopressin (diverse Handelspräparate) eingesetzt werden.
  • Wenn andere Medikamente nicht vertragen werden und ISK nicht möglich ist, kann bei häufigem Harndrang mit kleinen Urinmengen und Inkontinenz Botulinumtoxin (zum Beispiel Botox®, Dysport®) unter Narkose direkt in den Detrusormuskel gespritzt werden. Das Medikament schwächt den Muskel gezielt; die Wirkung hält mehrere Monate an. Das Verfahren sollte nur von sehr erfahrenen Ärzten angewandt werden.
    Seit September 2011 ist BOTOX® (Botulinumtoxin Typ A) in Deutschland für die Behandlung der Harninkontinenz bei Erwachsenen mit "neurogener Detrusorhyperaktivität bei neurogener Blase infolge einer stabilen subzervikalen Rückenmarksverletzung oder Multipler Sklerose" zugelassen.
  • Akute Harnwegsinfekte werden mit Antibiotika behandelt.
  • Wiederholte Blaseninfekte können zur Verschlechterung der MS beitragen. Ihnen wird am besten durch eine restharnfreie Entleerung der Blase vorgebeugt. Wichtig ist darüber hinaus eine ausreichende Trinkmenge (2 Liter täglich). Zusätzlich kann es hilfreich sein, den Urin anzusäuern, um das Bakterienwachstum zu hemmen. Dies kann durch Trinken von Preiselbeer- oder Cranberrysaft oder durch Medikamente wie Methionin (zum Beispiel Acimethin®, Methiotrans®) geschehen. Wichtig: Präparate zur Vorbeugungvon Blasenentzündungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht bezahlt.

Verabreichungsform

Bis auf Botulinumtoxin stehen alle Substanzen als Tabletten bzw. Kapseln zur Verfügung. Oxybutynin gibt es außerdem als Pflaster, das auf Hüfte, Bauch oder Gesäß geklebt und alle 3 bis 4 Tage gewechselt wird: Der Wirkstoff wird über die Haut abgegeben.

Gegenanzeigen

Anticholinergika: (Engwinkel)-Glaukom, schwere Darmerkrankungen
Alphablocker: Herzkrankheiten, Nierenfunktionsstörungen. Keine Einnahme während Schwangerschaft/Stillzeit.
Desmopressin: u.a. Herzmuskelschwäche, Nierenfunktionsstörungen

Wirkweise

Anticholinergika unterdrücken die Wirkung des Botenstoffes Acetylcholin, der die Blasentätigkeit anregt.
Alphablocker blockieren die Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin auf das vegetative (unbewusste) Nervensystem.
Desmopressin ist ein Hormon, das die (Wieder-)Aufnahme von Wasser aus der Niere in den Körper fördert und so die Urinmenge verringert.

Nebenwirkungen

Anticholinergika: Möglich sind vor allem Mundtrockenheit, Verstärkung einer bereits vorhandenen Verstopfung (Obstipation), seltener Herzrythmus- und Sehstörungen.
Alphablocker: Möglich sind vor allem Schwindel, Blutdrucksenkung, Schwellung der Nasenschleimhaut, Ejakulationsstörungen.
Desmopressin: Möglich sind vor allem Schwäche, plötzliche Hitze/Hautrötung, Bindehautentzündung, Kopfschmerzen.

Invasive Therapie

  • Selbstkatheterisierung: Wenn trotz medikamentöser Therapie zu viel Restharn in der Blase verbleibt bzw. keine willkürliche Blasenentleerung möglich ist, muss der Urin abgeleitet werden. Dies geschieht am besten über ein regelmäßiges (intermittierendes) Selbstkatheterisieren (ISK). Dieses ist leicht erlernbar, sofern weder stärkere Sehstörungen, feinmmotorische Gefühlsstörungen der Arme und Hände und Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen vorliegen.
  • Dauerharnableitung: Ein Dauerkatheter durch die Harnröhre oder ein suprapubischer, durch die Bauchdecke geführter Katheter wird nur in schweren Fällen gelegt, da die Gefahr von Blaseninfekten groß ist.
  • Blasenschrittmacher: Experimentelles Verfahren, bei dem mittels eines unter die Bauchdecke eingesetzten Gerätes Blasennerven stimuliert werden, um die Blasenentleerung zu verbessern. Es sollte nur in erfahrenen Zentren durchgeführt werden.

Wissenswertes

Blasenstörungen können durch nächtlichen Harndrang zu einer deutlichen Zunahme einer eventuell vorhandenen Fatigue führen. Harnwegsinfekte können die Spastik oder andere Symptome der MS verstärken.
Es gibt zahlreiche Hilfsmittel, um im Alltag mit Blasenstörungen besser zurecht zu kommen: Vorlagen und spezielle Slips, für Männer Kondom-Urinale und Tropfenfänger.

Detrusor = musculus detrusor vesicae, Austreiber-Muskel der Blase

Hyperreflexie = gesteigerte Reflexbereitschaft

Hyporeflexie = herabgesetzte Reflexbereitschaft

Sphinkter = Blasenschließmuskel

Dyssynergie = fehlendes oder mangelhaftes Zusammenspiel von Muskeln

Sonographie = Ultraschall-Untersuchung
 

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Darmentleerungsstörungen – in der Fachsprache gastrointestinale Beschwerden – finden sich nicht selten bei MS-Patienten, wobei in verschiedenen Untersuchungen Häufigkeiten zwischen 40 und 70 Prozent angegeben werden. Dabei kommt vor allem Obstipation (Verstopfung) vor, aber auch Stuhlinkontinenz, bei der der Darminhalt unkontrolliert abgeht. Verstopfung und Darminkontinenz können beim selben Patienten auch im Wechsel auftreten.

Ursache für Obstipation ist vor allem eine Störung der Transportfunktion des Darms, gelegentlich auch ein spastischer Schließmuskel. Verstärkt wird sie durch eine zu geringe Trinkmenge, Bewegungsmangel sowie unter Umständen durch Medikamente, die aufgrund anderer Symptome erforderlich sind (zum Beispiel Antispastika).
Ursachen für Stuhlinkontinenz sind ein schlaffer Schließmuskel und gestörte Sensibilität des Enddarms.

Therapieziele

Regelmäßige Stuhlentleerung ohne große Anstrengung/Schmerzen sowie Vermeidung einer Stuhlinkontinenz.

Nicht-medikamentöse Therapie

Obstipation: ausreichende Flüssigkeitszufuhr (ca. 2 Liter/Tag), ballaststoffreiche Mischkost, möglichst viel Bewegung (zumindest im Rahmen der physiotherapeutischen Behandlung), Kolon-Massage, Abführen mittels Klistier.
Stuhllinkontinenz: Vermeidung blähender und den Darm anregender Speisen, regelmäßiges, gezieltes Abführen, zum Beispiel mit Klistier oder der sogenannten „transanalen Irrigation (TAI)“. Bei der TAI wird Wasser in den Darm eingebracht, um nach einer bestimmten Einwirkzeit eine vollständige Darmentleerung auszulösen. Der dazu verwendete Rektalkatheter hat einen Ballon, der das Wasser sicher im Darm hält. TAI kann nach Einweisung selbst angewandt werden.

Medikamentöse Therapie

Obstipation: osmotisch wirkende Abführmittel (Laxantien) wie Lactulose (zum Beispiel Bifiteral®, Eugalac®), Macrogol (zum Beispiel Isomol®, Movicol®), Domperidon (zum Beispiel Motilium®), Glycerin-Zäpfchen. Bei sehr schmerzhaftem, spastischem Schließmuskel kann ein individueller Therapieversuch mit der Injektion von Botulinumtoxin in den äußeren Schließmuskel unternommen werden.
Stuhlinkontinenz: aufsaugende Mittel (Adsorbentien) wie medizinische Kohle (zum Beispiel Kohle-Compretten®)

Verabreichungsform

Lactulose: Pulver oder Sirup.
Macrogol: Pulver.
Domperidon: Tabletten oder Tropfen.
Glycerin: Zäpfchen.
Kohle-Compretten: Tabletten.

Gegenanzeigen

Lactulose: Darmverschuss, Fruchtzucker-Unverträglichkeit, Lactase-Mangel.
Macrogol: Darmverengung, Darmverschluss, entzündliche Darmerkrankungen. In Schwangerschaft und Stillzeit nur nach Rücksprache mit dem Arzt.
Domperidon: Darmverschluss, Magen-Darm-Blutungen, Stillzeit.
Glycerin: Darmverschluss.

Wirkweise

Osmotisch wirkende Laxantien ziehen Wasser in den Dickdarm. Macrogol hält Wasser im Darm zurück. Beide Substanzen machen den Stuhl weicher und regen so die Darmtätigkeit an.
Domperidon fördert die Transportbewegungen in Magen und Darm.
Botulinumtoxin schwächt für einige Monate den Schließmuskel.
Glycerin erweicht den Stuhl, erhöht seine Gleitfähigkeit und fördert die Darmaktivität.
Medizinische Kohle bindet in Flüssigkeiten gebundene Stoffe.

Nebenwirkungen

Lactulose: möglich sind Bauchschmerzen, Blähungen.
Macrogol: möglich sind Völlegefühl, Blähungen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall. Macrogol kann dazu führen, dass die Wirkung anderer Substanzen verzögert wird.
Domperidon: möglich sind Magen-Darm-Beschwerden; Magen-Darm-Krämpfe
Glycerin: sehr selten.
medizinische Kohle: sehr selten Verstopfung.

Wichtig

Medizinische Kohle kann die Wirkung anderer Medikamente – auch der Anti-Baby-Pille – verringern.

Kolon-Massage = Massage des Dickdarms an fünf bestimmten Punkten, die nach vorheriger Anleitung selbst durchgeführt werden kann.
 

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Depression ist – anders als eine vorübergehende tieftraurige Stimmung – eine ernsthafte Erkrankung. Sie wird wahrscheinlich verursacht durch eine Funktionsstörung bestimmter Botenstoffe im Gehirn (sogenannte Neurotransmitter).

Eine Depression zeigt sich nicht nur in einem gestörten Gefühlsleben. Sie beeinträchtigt auch die Leistungs- und Urteilsfähigkeit und äußert sich in körperlichen Beschwerden wie Schmerzen, Schlaflosigkeit, Verdauungsstörungen und sexuellem Desinteresse.

Bei MS-Patienten liegt das Risiko, im Laufe des Lebens an einer schweren Depression zu erkranken, bei rund 50 Prozent – das dreifache im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Nimmt man weniger schwere Depressionen hinzu, steigt das Risiko auf 70 Prozent.

Etwa 30 Prozent der Todesfälle bei MS geschehen durch Selbstmord (etwa 7,5 mal so häufig wie in der Normalbevölkerung).

Therapieziele

Verminderung des erheblichen Leidensdrucks der Betroffenen und damit der Wiederherstellung der Lebensqualität und der Lebensfreude. Verhütung eines Suizids.

Nicht-medikamentöse Therapie

Psychotherapie (eventuell unterstützt durch antidepressiv wirkende Medikamente) ist bei der Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen das Mittel erster Wahl. Besonders bewährt haben sich zwei Verfahren:

  • Die kognitive Verhaltenstherapie wird am Häufigsten angewandt. Sie arbeitet alltagsnah, aktiv und problemorientiert. Ziel ist es, gemeinsam mit dem Patienten in fünf Schritten eingefahrene Denkmuster zu verändern. Dabei werden Wege aufgezeigt, wie
    - angenehme Aktivitäten auf- und unangenehme abgebaut werden können,
    - gedankliche Verzerrungen modifiziert werden können,
    - im Alltag ein ausgewogenes Verhältnis zwischen unangenehmen Pflichten und angenehmen Tätigkeiten hergestellt werden kann,
    - sich die wiedergewonnene Lebensfreude erhalten lässt.
  • Bei der weniger häufig praktizierten interpersonellen Therapie stehen die Beziehungen des Patienten zu seinen Mitmenschen im Mittelpunkt. In Rollenspielen werden schwierige Situationen geübt, um mit Verlusten, Konflikten, dem Abschluss von Lebensabschnitten und Kontaktschwierigkeiten klar zu kommen.

Medikamentöse Therapie

Besonders bei schwereren Formen der Depression werden Medikamente eingesetzt, die in die Stoffwechselvorgänge des Gehirns eingreifen. Welcher Wirkstoff am geeignesten ist, hängt von den dominierenden Symptomen ab. Gebräuchlich bei durch MS verursachte Depressionen sind: Fluoxetin, Sertralin, Venlafaxin, Imipramin, Amitriptylin, Desipramin und Moclobemid.

Verabreichungsform

Fluoxetin: Tabletten/Kapseln: tägliche Dosis 20-40 mg
Sertralin (Zoloft®): Tabletten, tägliche Dosis 50-200 mg
Venlafaxin (Trevilor®): Tabletten/Kapseln, tägliche Dosis 75-375 mg
Imipramin: Tabletten, tägliche Dosis 50-150 mg
Amitriptylin (z.B. Saroten®, Amineurin®, Equilibrin®): Tabletten, tägliche Dosis 50-150 mg
Desipramin: Tabletten, tägliche Dosis 25-200 mg
Moclobemid (Aurorix®): Tabletten, tägliche Dosis 150-600 mg

Gegenanzeigen

Fluoxetin: Darf nicht gleichzeitig mit MAO-Hemmern genommen werden. Nur nach sorgfältiger Abwägung bei: Krampfanfällen, Blutgerinnungsstörungen, schwerwiegender Nierenfunktionsstörung, unstabiler Epilepsie.
Sertralin: Darf nicht gleichzeitig mit MAO-Hemmern oder anderen SSRI genommen werden.
Venlafaxin: Darf nicht gleichzeitig mit MAO-Hemmern genommen werden. Nur nach sorgfältiger Abwägung bei: Einschränkung der Nieren- oder Leberfunktion, Krampfanfällen.
Imipramin, Amitriptylin, Desipramin: Darf nicht gleichzeitig mit MAO-Hemmern genommen werden, bei Problemen der Blasenentleerung (akuter Harnverhalt), Prostatavergrößerung mit Restharnbildung, unbehandeltem Grünem Star, Darmverschluss.
Moclobemid (Aurorix®): Darf nicht angewendet werden bei akuten Verwirrtheitszuständen, Schilddrüsenüberfunktion, gleichzeitiger Einnahme von SSRI, dem Hustenmittel Dextromethorphan, den Schmerzmitteln Pethidin und Tramadol, Triptanen gegen Migräne und Clonazepam zur Tremorbehandlung.

Wirkweise

Serotonin und Noradrenalin sind Botenstoffe, die den Nervenreiz zwischen den Nervenzellen übertragen. Man nimmt an, dass ein Mangel an diesen beiden Botenstoffen (Neurotransmitter) eine Depression verursacht.

Fluoxetin, Sertralin: Die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) beeinflussen gezielt den Serotonin-Stoffwechsel, indem sie die Wiederaufnahme des Serotonins in die Nervenzelle blockieren.
Venlafaxin: Das Antidepressiva mit dualem Wirkmechnismus hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin.
Imipramin, Amitriptylin, Desipramin: Diese älteren, trizyklischen Antidepressiva hemmen unselektiv die Wiederaufnahme verschiedener Botenstoffe wie Serotonin, Noradrenalin und Histamin.
Moclobemid: Der Monoaminooxidase-A-Hemmer (MAO-A-Hemmer) verhindert den chemischen Abbau der Neurotransmitter, indem er die Konzentration der Monoaminooxidase-A reduziert.

Nebenwirkungen

Fluoxetin: Unruhe, Übelkeit, Schlafstörungen.
Sertralin: Übelkeit, Durchfall, Mundtrockenheit, Zittern, Schwindel, Schlafstörungen.
Venlafaxin: Unruhe, Übelkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen.
Imipramin, Amitriptylin, Desipramin: Herzrhythmusstörungen, Harnverhalt, Schwindel, Mundtrockenheit. Bei gleichzeitiger Einnahme von Beruhigungs- und Schlafmitteln, Antihistaminika und Atropin verstärken sich die Mittel in der Wirkung gegenseitig.
Moclobemid: Unruhe, Schwindel, Blutdruckanstieg. Moclobemid zeigt Wechselwirkungen mit tyramidhaltigen Lebensmitteln, deshalb sollte auf übermäßigen Genuss von zum Beispiel Käse und Rotwein verzichtet werden.

Wissenswertes

Die Nebenwirkungen der Antidepressiva verringern sich meist deutlich bei regelmäßiger Einnahme.

Wichtig

Moderne Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, SSRI) machen weder süchtig noch schränken sie das Reaktionsvermögen ein. Sie wirken erst nach zwei bis vier Wochen, aber: Nebenwirkungen können sofort auftreten.
 

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Epileptische Anfälle sind bei der MS zwar absolut gesehen nicht sehr häufig (Deutsches MS-Register: ca. 3 Prozent), kommen bei MS-Betroffenen aber immer noch doppelt so häufig vor wie bei Nicht-Betroffenen. Sie entstehen, wenn sich rhythmisch und gleichzeitig eine größere Gruppe von Nervenzellen im Gehirn entlädt. Diese Anfälle können bei jedem Verlaufstyp und in jedem Krankheitsstadium auftreten. Sie können Erstsymptom oder Ausdruck eines Schubs sein.

Die Ausprägung der Anfälle ist sehr unterschiedlich. Sie reicht vom Dämmerzustand über Zuckungen des Arms oder einer Gesichtshälfte bis hin zum großen, generalisierten Anfall. Dabei verlieren die Betroffenen schlagartig das Bewusstsein, verkrampfen, zucken, stürzen, beißen sich auf die Zunge und verlieren unbewusst Urin. Die Verletzungsgefahr ist bei einem solchen Anfall, der meist nach wenigen Minuten von allein endet, sehr groß.

Therapieziele

Vollständige oder weitgehende Anfallsfreiheit.

Vorbeugende Verhaltensmaßnahmen

Betroffene sollten darauf achten, regelmäßig ausreichend zu schlafen, also Einschlaf- und Aufwachzeiten möglichst nicht verändern. Gemieden werden sollten Flackerlicht (zum Beispiel in Diskotheken) und zu rasches Atmen (zum Beispiel nach großen körperlichen Anstrengungen). Alkohol in größeren Mengen ist grundsätzlich schädlich, ein Glas Bier oder Wein schadet bei Epilepsie dagegen nicht.

Darüber hinaus sollten sich Betroffene nicht in Situationen bringen, die bei einem Anfall schwere Verletzungen oder Gefahren bergen. Dazu zählen zum Beispiel Auto fahren, Schwimmen in Gewässern ohne Aufsicht, Klettertouren im Gebirge, Arbeiten an gefährlichen Maschinen oder auf Leitern.

Medikamentöse Therapie

Epileptische Anfälle werden heute mit wirksamen und gut verträglichen Antiepileptika (Antikonvulsiva) behandelt. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat dafür umfangreiche Leitlinien erarbeitet. Unter Umständen ist nach dem ersten Anfall – in Abwägung zu den möglichen Nebenwirkungen der Langzeittherapie – noch keine medikamentöse Behandlung angezeigt.

Eine antiepileptische Behandlung muss konsequent eingehalten und vom Neurologen kontrolliert werden.

Zu den Wirkstoffen zählen: Carbamazepin, Valproinsäure, Gabapentin, Lamotrigin, Levetiracetam, Oxcarbazepin und Topiramat.

Verabreichungsform

Alle Wirkstoffe werden als Tabletten angeboten, Valproinsäure kann auch intravenös verabreicht werden (zum Beispiel bei Schluckstörungen).

Carbamazepin (Tegretal®, Timonil®, Finlepsin®): tägliche Dosis beginnend mit 2 x 200 mg, Steigerung bis 2 x 600 mg.

Valproinsäure (Ergenyl®, Orfiril®): tägliche Dosis beginnend mit 2 x 300 mg, Steigerung bis 3 x 600 mg.

Gabapentin (Neurontin®): tägliche Dosis 3 x 300-800 mg.

Lamotrigin (Lamictal®): langsame Steigerung auf eine tägliche Dosis von 2 x 50-200 mg.

Levetiracetam (Keppra®): tägliche Dosis beginnend mit 2 x 500 mg, Steigerung bis 2 x 1.500 mg.

Oxcarbazepin (Trileptal®): tägliche Dosis beginnend mit 2 x 300 mg, Steigerung bis 2 x 900 mg.

Topiramat (Topamax®): langsame Steigerung auf eine tägliche Dosis von 2 x 50-200 mg.

Gegenanzeigen

Valproinsäure: Schwangerschaft.
Topiramat: Untergewicht, Nierensteine.

Wirkweise

Alle Antiepileptika greifen in das Zentralnervensystem (ZNS) ein. Sie hemmen die Erregbarkeit der Nervenzellen oder die Erregungsweiterleitung. Der genaue Wirkmechnismus ist bei den einzelnen Antiepileptika unterschiedlich.

Nebenwirkungen

Bei Kinderwunsch/Schwangerschaft ist zu beachten: Alle Antiepileptika bergen die Gefahr von Fehlbildungen des ungeborenen Kindes. Besonders gilt dies für Valproinsäure. In dieser Hinsicht am sichersten ist Lamotrigin.

Carbamazepin: Übelkeit, Schwindel, Nystagmus, Hautallergien, Ataxie.

Valproinsäure: Gewichtszunahme, leichter Haarausfall zu Beginn der Therapie, Tremor.

Gabapentin: Schwindel, Müdigkeit, Muskelschwäche.

Lamotrigin: Hautallergien.

Levetiracetam: anfangs Müdigkeit, Kopfschmerzen.

Oxcarbazepin: wie Carbamazepin, aber geringer ausgeprägt, zusätzlich Hyponatriämie.

Topiramat: Appetitverlust, Gewichtsabnahme, Kopfschmerzen, Gereiztheit, innere Unruhe.

Wissenswertes

Kleinere epileptische Anfälle sind auch für den Arzt nicht immer einfach zu diagnostizieren.

Wichtig

Eine antiepileptische Behandlung ist eine Langzeittherapie. Sie darf nur nach Rücksprache mit dem Neurologen beendet werden.
Das Führen eines Kraftfahrzeugs ist, solange Anfälle auftreten, zur eigenen Sicherheit und der anderer Verkehrsteilnehmer nicht erlaubt. Bei länger beobachteter Anfallsfreiheit kann es – in Abhängigkeit von auslösenden Situationen, Häufigkeit und Art der Anfälle – wieder gestattet werden.

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Die erhöhte Erschöpfbarkeit (Fatigue) ist ein häufiges Symptom der MS und unterscheidet sich deutlich von der Müdigkeit, wie sie gesunde Menschen erleben. MS-Erkrankte leiden unter Schwäche und Mattigkeit, die belastungsabhängig oder im Tagesverlauf stärker wird.
Fatigue bedeutet Antriebs- und Energiemangel sowie ein dauerhaft vorhandenes Müdigkeitsgefühl, das sich sowohl auf die geistige als auch die körperliche Leistungsfähigkeit auswirken kann. Wärme verstärkt oft die Fatigue. Viele Patienten leiden täglich oder nahezu täglich unter diesem Symptom, das üblicherweise sechs Stunden und mehr am Tag vorhanden ist und gegen Abend stärker wird. Nicht selten wird dadurch sowohl die Lebensqualität als auch die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit so stark beeinträchtigt, dass eine vorzeitige Berentung nötig wird. Fatigue birgt die Gefahr, dass sich die Betroffenen zunehmend aus dem sozialen Umfeld zurückziehen und damit eine Kraftquelle verlieren.

Therapieziel

Linderung der Fatigue, um wieder möglichst uneingeschränkt am Alltagsleben teilnehmen zu können.

Nicht-medikamentöse Therapie

Da die medikamentöse Therapie der Fatigue in der Regel nicht sehr erfolgreich ist, stehen nicht-medikamentöse Maßnahmen im Vordergrund des Behandlungskonzepts. Zunächst ist es wichtig, die Fatigue als solche zu erkennen und die Patienten und deren Angehörige darüber aufzuklären, dass die erhöhte Ermüdbarkeit ein Symptom der MS ist und keinesfalls auf fehlender Willenskraft oder Faulheit beruht.
Andere, zu erhöhter Müdigkeit führende Ursachen müssen ausgeschlossen und behandelt werden. Dazu zählen Nebenwirkungen von Medikamenten (insbesondere solche zur Verringerung der Spastik), akute Infektionen, Depressionen und Schlafstörungen, aber auch Blutarmut (Anämie) und niedriger Blutdruck.

  • Viele Patienten kommen gut mit der Fatigue zurecht, indem sie konsquent eine oder mehrere Ruhepausen am Tag einlegen.
  • Körperliches Training, vor allem mit Ausdauersportarten wie Nordic Walking oder auf dem Fahrradergometer, steigert die körperliche Belastbarkeit und lindert die Fatigue.
  • Die Wirksamkeit mehrwöchiger Rehabilitationsmaßnahmen ist gut belegt. Hierbei können neben regelmäßigem und intensivem körperlichen Training auch Strategien zum effektiven Einsatz der verfügbaren Energie vermittelt und die Betroffenen im Gebrauch von Hilfsmitteln geschult werden.
  • Vor allem bei Patienten mit erhöhter Wärmeempfindlichkeit kann die Senkung der Körpertemperatur und die Vermeidung von Hitze erfolgreich sein. Die Kühlung des Körpers kann entweder durch Kühlelemente, die mittlerweile in verschiedenen Bekleidungsstücken wie Kühlwesten, Stirnbändern, Nackentüchern, Kühlhauben oder Kühlstrümpfen zur Verfügung stehen, durch kalte Bäder oder durch den Einsatz von Klimaanlagen in Haus oder Auto erfolgen.
  • Da Flüssigkeitsmangel die Fatigue verstärken kann, sollten Betroffene ausreichend trinken – wünschenswert sind, sofern Herz und Nieren gesund sind, täglich 2 bis 3 Liter, bei hohen Umgebungstemperaturen entsprechend mehr.

Medikamentöse Therapie

Medikamentöse Maßnahmen sind oft unbefriedigend. Allerdings kann im Einzelfall ein Therapieversuch mit dem aus der Behandlung von Viruserkrankungen stammenden Wirkstoff Amantadin (mehrere Fertigpräparate) zumindest teilweise erfolgreich sein.
Aminopyridine (4-Aminopyridin), die auf ärztliche Einzelverordnung von einem Apotheker angefertigt werden können, werden in Deutschland in begrenztem Maß zur Behandlung der Fatigue eingesetzt. Fampridin, ein Medikament mit einer chemisch abgewandelten Form des 4-Aminopyridin, konnte in US-Studien die Gehgeschwindigkeit von MS-Patienten verbessern. In den USA ist dieses Medikament zur symptomatischen Therapie der MS-bedingten Gangstörung zugelassen.
Eine andere Behandlungsmöglichkeit stellt Modafinil (Vigil®) dar, ein Medikament, das in Deutschland zur Behandlung der Schlafattacken bei der Narkolepsie, aber nicht für die MS-assoziierte Fatigue zugelassen ist. In einer ersten, plazebo-kontrollierten Studie dazu zeigten sich positive Effekte auf die subjektiv erlebte Erschöpfbarkeit. Diese Ergebnisse konnten in einer weiteren Studie zwar nicht bestätigt werden, dennoch kann die Substanz im Einzelfall wirksam sein. Da das Medikament nicht zugelassen ist („Off-Label use“), werden die Behandlungskosten in der Regel von der Krankenkasse nicht übernommen.
Als weitere Option kann ein Behandlungsversuch mit antriebssteigernden Antidepressiva wie Noradrenalin- oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmern unternommen werden.

Verabreichungsform

Amantadin: Tabletten, tägliche Dosis von 2 x 100 mg.
Modafinil: Tabletten, tägliche Dosis: 200 mg.
Aminopyridin: Tabletten, tägliche Dosis: 3 x 5 bis 3 x 10 mg

Gegenanzeigen

Amantadin darf nicht verwendet werden bei schweren Herzerkrankungen und Nierenfunktionsstörungen. Während der Schwangerschaft muss eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen, da nicht ausgeschlossen ist, dass Amantadin das ungeborene Kind schädigt. Amantadin geht in die Muttermilch über, deshalb muss vor Behandlung abgestillt werden.
4-Aminopyridin: Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle.
Modafinil darf nicht verabreicht werden bei schwerer Beeinträchtigung der Leber-/Nierenfunktion, Hypertonie, Herz-/Kreislauferkrankungen, schweren Angstzuständen, Drogen-, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Es schwächt die Wirkung der empfängnisverhütenden „Pille” (hormonale Kontrazeptiva).

Wirkweise

Alle genannten Medikamente beeinflussen die chemischen Abläufe im Gehirn und wirken antriebssteigernd, wobei die genauen Wirkweisen bei der MS-bedingten Fatigue unbekannt sind.

Nebenwirkungen

Amantadin: Die zu erwartenden Nebenwirkungen umfassen Nervosität, Schlafstörungen (und damit bei zu hoher Dosierung möglicherweise die Verschlechterung der Fatigue-Symptomatik), Herzrasen, Schwindel und Leberwertveränderungen.
Modafinil: Kopfschmerz sowie oben genannte Nebenwirkungen.
4-Aminopyridin: Benommenheit, Übelkeit, Erbrechen, Missempfindungen.

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Unter dem Sammelbegriff der kognitiven Funktionen sind unterschiedliche Leistungen des Gehirns zusammengefasst. Dazu gehören: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Rechenfähigkeit, Planen, Probleme lösen, Strukturierung und schlussfolgerndes, Urteil bildendes Denken.

Unter kognitiven Einschränkungen leiden nach jüngsten Erhebungen (deutsches MS-Register) rund 40 Prozent der MS-Erkrankten. Beschwerden können frühzeitig im Krankheitsverlauf und auch bei Patienten ohne schwerwiegende körperliche Beeinträchtigung auftreten.

Therapieziele

Steigerung der Lebensqualität durch: Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten, Erleichterung des Alltags und gegebenenfalls des Berufslebens, Abbau von Unsicherheit und Ängsten, Stärkung des Selbstbewusstseins.

Nicht-medikamentöse Therapie

Kognitive Beeinträchtigungen können wirksam mit einem zielgerichteten neuropsychologischen Funktionstraining behandelt werden. Dies wurde in mehreren Studien nachgewiesen.
Voraussetzung für eine erfolgversprechende Therapie ist die genaue Kenntnis der gestörten Komponente und die Abgrenzung gegenüber Depression und Fatigue. Deshalb ist eine individuelle, ausführliche und sorgfältige neuropsychologische Diagnose erforderlich.
Zu den neuropsychologischen Trainings zählen:

  • Restitutive Übungen mit dem Ziel, geschwächte Funktionen weitgehend wiederherzustellen. Dies geschieht zum Beispiel mit Aufmerksamkeitstrainings und Wahrnehmungstherapien.
  • Kompensationsstrategien, um ein Ziel auf einem anderen Weg zu erreichen – zum Beispiel durch den Einsatz gut erhaltener Fähigkeiten. Trainiert wird dies durch Verhaltensanpassung, Zeit- und Selbstmanagement, Gedächtnistherapien.
  • Anpassung der Umwelt an die Behinderung, wenn sich eine gestörte Funktion nicht wiederherstellen lässt, zum Beispiel über den Einsatz von Hilfsmitteln.
  • Eine integrative Therapie mit dem Ziel, das höchstmögliche Maß an Lebensqualität unter Berücksichtigung der persönlichen Wünsche zu erreichen, integriert alle Therapie-Ansätze und kombiniert sie mit Methoden des Coachings sowie unterstützenden Entspannungstherapien.

Medikamentöse Therapie

Zur medikamentösen Therapie kognitiver Störungen gibt es nur vereinzelte Studien. Sofern noch Schübe vorhanden sind, kann die immunmodulatorische Therapie zur Stabilisierung der kognitiven Einschränkungen beitragen, wie einige randomisierte placebokontrollierte Studien mit Interferon-beta 1a und 1b nahelegen.
Eine symptomatische medikamentöse Therapie ist so gut wie nicht untersucht. Im Einzelfall kann zur Unterstützung der neuropsychologischen Therapie ein Versuch mit Donepezil (Arizept®) unternommen werden.

Verabreichungsform

Immunmodulatorische Therapie mit Interferon-beta: siehe dort
Donepezil (Arizept®): Tabletten, tägliche Dosis 10 mg

Gegenanzeigen

Immunmodulatorische Therapie mit Interferon-beta: siehe dort
Donepezil (Arizept®): Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre, Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen, Asthma, schwere Leberfunktionsstörungen.

Wirkweise

Immunmodulatorische Therapie mit Interferon-beta: siehe dort
Donepezil (Arizept®) zählt zur Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer. Cholinesterase baut den Botenstoff Acetylcholin ab, der bei Denkprozessen eine wichtige Rolle spielt. Donepezil erhöht das Acetylcholin-Vorkommen im Gehirn und ist zur Behandlung der Alzheimer-Demenz zugelassen.

Nebenwirkungen

Immunmodulatorische Therapie mit Interferon-beta: siehe dort
Donepezil (Arizept®): Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Albträume, verstärkte Spastik, Sensibilitätsstörungen.

Wichtig

Die durch MS bedingten Gedächtnisschwächen sind grundsätzlich andere als diejenigen, die Demenzerkrankungen (insbesondere vom Typ Alzheimer) kennzeichnen.
Um das Verständnis für diese „unsichtbaren Symptome“ zu fördern und Unsicherheiten abzubauen, ist die Beratung nicht nur der Betroffenen, sondern oft auch der Angehörigen/Bezugspersonen wichtig.

restitutieren = wiederherstellen

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Die Spastik gehört zu den häufigsten Symptomen der MS. Darunter versteht man eine erhöhte Muskelspannung, die die Beweglichkeit beeinträchtigt. Verursacht wird Spastik durch eine Schädigung der Pyramidenbahn. Diese in Hirn und Rückenmark verlaufende Nervenverbindung steuert alle Bewegungen. Spastik kann sehr schmerzhaft sein. Sie zeichnet sich neben der erhöhten Muskelspannung durch Muskelsteifigkeit, Verkrampfungen, Schwere- und Spannungsgefühl bis hin zu Muskelverkürzungen aus und wird in der Regel von einer Muskelschwäche (Paresen) begleitet. Spastik kann die Gehfähigkeit verschlechtern – die Gehstrecken werden kürzer und die Gehgeschwindigkeit langsamer.

Therapieziele

Verbesserung der feinmotorischen Leistungen, Linderung von Schmerzen und Verhinderung von Folgeschäden – zum Beispiel Muskel- und Sehnenverkürzungen, Verschleißerscheinungen an Gelenken, Schwierigkeiten beim Entleeren der Blase und beim Geschlechtsverkehr. Verbesserung der Gehfähigkeit.

Nicht-medikamentöse Therapie

Grundpfeiler der Behandlung ist regelmäßige Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage (Konzepte nach Bobath, Vojta und Brunkow, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation und andere). Dadurch können Reflexmuster verbessert, Koordination und Ausdauer gestärkt und die feinmotorischen Leistungen verbessert werden. Auch eine Behandlung mit motorgetriebenen Fahrrädern und die Therapie auf dem Laufband mit Entlastung des Körpergewichts kann zur Verringerung der Spastik beitragen. Die Gehfähigkeit kann durch Hilfsmittel, z.B. spezielle Schienen, Unterarmgehstützen und andere Gehhilfen, verbessert werden.

Medikamentöse Therapie

In schweren Fällen oder bei einschießenden Spasmen kann die Physiotherapie durch Medikamente unterstützt werden. In der Regel werden dabei Wirkstoffe eingesetzt, die den Muskelwiderstand generell senken. Dazu stehen verschiedene Substanzen – sogenannte Antispastika – wie Baclofen, Tizanidin, Tolperison, Memantine oder Dantamacrin zur Verfügung, wobei das Baclofen (Lioresal®) am gebräuchlichsten ist.

Seit Juli 2011 ist das Cannabinoid Sativex® zur Behandlung von Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik zugelassen, denen andere Antispastika nicht oder unzureichend geholfen haben. Sativex® konnte in Zulassungsstudien die Spastik deutlich verbessern. In der größten Studie reduzierte das Medikament bei 42% der Teilnehmer innerhalb von vier Wochen die Spastik um 20%. Sativex® fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Für den Bezug sind von Patient und Arzt strenge Auflagen zu erfüllen.

Ein weniger etabliertes Therapieverfahren ist die Injektion von Kortison als Kristallsuspension (Triamcinolon) in den Nervenwasserraum (Liquorraum) – dies erfolgt im Rahmen einer ‚Standard-Lumbalpunktion‘ wie sie bei Erstdiagnose üblich ist.

Für umschriebene Spastik kann die Injektion von Botulinum-Toxin in einzelne Muskelgruppen hilfreich sein; für die Injektion in den Schließmuskel der Blase ist Botulinum-Toxin zugelassen. Ganze Extremitäten kann man damit nicht behandeln – die hohe Menge Toxin würde zu Vergiftungserscheinungen führen.

Speziell zur Verbesserung der Gehfähigkeit erhielt im Herbst 2011 der Wirkstoff Fampridin (4-Aminopyridin, Handelsname Fampyra®) eine bedingte Zulassung für erwachsene MS-Patienten, die ohne Hilfe nicht weiter als 500 Meter gehen können, aber noch nicht komplett an den Rollstuhl gebunden sind (Behinderungsgrad auf der EDSS-Skala von 4 bis 7). Eine bedingte Marktzulassung wird erteilt, wenn die Datenlage noch unvollständig ist, aber eine medizinische Versorgungslücke geschlossen wird und der Nutzen die Risiken übertrifft. Sie muss jährlich erneuert werden.
Fampridin hat in zwei Zulassungsstudien bei einem Drittel der Patienten bereits nach zwei Wochen die Gehgeschwindigkeit um im Schnitt 25% verbessert.

Verabreichungsform

Baclofen wird üblicherweise als Tablette verabreicht, wobei mit einer Dosis von 3 x 5 mg/täglich begonnen und alle 3 bis 4 Tage um 5 bis 10 mg gesteigert wird, bis der gewünschte Effekt erreicht ist oder die Nebenwirkungen zur Reduzierung der Dosis zwingen. Die maximale Tagesdosis beträgt etwa 75 bis 120 mg.
Bei einer Unverträglichkeit der oralen Gabe kann Baclofen mittels einer implantierten, computergesteuerten Pumpe direkt in den Liquorraum gegeben werden (intrathekal). Insbesondere bei Patienten, die nicht mehr gehfähig sind, kann dies eine deutliche Reduktion der Spastik und damit Erleichterung der pflegerischen Maßnahmen bringen, ohne dass eine wesentliche Müdigkeit auftritt. Da hierbei 100fach niedrigere Dosierungen als bei systemischer Gabe angewendet werden, wird dies von den Patienten sehr gut vertragen. Die sterile Wieder-Befüllung der Pumpe erfolgt in erfahrenen Zentren.

Sativex® ist ein Mundspray, dessen Dosis innerhalb von 14 Tagen angepasst wird – von einem Sprühstoß (100 µl Lösung) am Abend bis zu maximal 12 Sprühstößen verteilt auf zwei tägliche Gaben. Nach vier Wochen wird überprüft, ob der Patient auf das Medikament anspricht.

Fampridin wird als Tablette mit einer täglichen Dosis von 2 x 10 mg verabreicht. Da Fampridin in den Zulassungsstudien nur bei einem Teil der Patienten wirksam war, wird nach 2 Wochen die Wirksamkeit durch Messung der Gehgeschwindigkeit geprüft. Wichtig: Die verordnete Dosis darf auf keinen Fall überschritten werden, da es sonst zu Krampfanfällen und Leberentzündungen kommen kann.

Gegenanzeigen

Baclofen darf nicht verabreicht werden bei schwerer Beeinträchtigung der Nierenfunktion, Epilepsien oder anderen Anfallsleiden. Während der Schwangerschaft und der Stillzeit darf der Wirkstoff nur nach sorgfältiger ärztlicher Abwägung eingenommen werden. (Für die anderen oben erwähnten Antispastika Tizanidin, Tolperison, Memantine und Dantamacrin gilt prinzipiell dasselbe.)

Sativex®: schwere Persönlichkeitsstörungen, schwere Herz-Kreislauferkrankungen, schwere Nierenfunktionsstörungen, Epilepsie, vorangegangenem Suchtmittel-Missbrauch, Schwangerschaft und Stillzeit.

Fampridin: bestehende Herzrhythmusstörungen, Nierenfunktionsstörungen, Krampfanfälle.

Wirkweise

Baclofen senkt den Muskelwiderstand. (Für die anderen oben erwähnten Antispastika Tizanidin, Tolperison, Memantine und Dantamacrin gilt prinzipiell dasselbe.)

Sativex® ist ein Voll-Pflanzenextrakt, der aus dem Hanfkraut Cannabis sativa gewonnen wird. Die darin enthaltenen Cannabinoide greifen in die Reizweiterleitung des zentralen Nervensystems ein. Sie können offenbar Botenstoffe hemmen, die Spastik auslösen. Durch die fixe Kombination aus THC und Cannabidiol sind die Wirkungen verstärkt und die unerwünschten Nebenwirkungen abgeschwächt, Rauschzustände somit nicht zu erwarten.

Fampridin blockiert Kaliumkanäle in Nervenzellen und -fasern. So wird die Reizweiterleitung in den durch die MS geschädigten Nervenfasern (Axonen) verbessert und die Muskelkraft gestärkt. Die Wirkung von Fampridin kann allerdings nach einiger Zeit nachlassen. Nach einem Jahr wird daher nochmals überprüft, ob ein Patient weiterhin auf die Therapie anspricht.

Nebenwirkungen

Medikamente wie Baclofen, Tizanidin, Tolperison, Memantine und Dantamacrin, die den Muskelwiderstand senken, verstärken die Müdigkeit und senken die Muskelspannung nicht nur in den spastischen, sondern auch in den weniger betroffenen Muskelgruppen. Sie können somit die Stand- und Gangfähigkeit bzw. die Rumpfstabilität verschlechtern.

Sativex® kann Schwindel und Müdigkkeit auslösen, weniger häufig sind Angst, Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression und paranoide Vorstellungen.

Fampridin kann zu Harnwegsinfekten, Schlaflosigkeit und Schwindel führen. In seltenen Fällen können epileptische Anfälle auftreten, deshalb darf das Medikament bei bekannter Epilepsie nicht eingenommen werden.

Wissenswertes

Seit drei Jahrzehnten ist bekannt, dass der Kaliumkanalblocker 4-Aminopyridin die Reizweiterleitung in Nervenfasern, deren Myelin durch die MS geschädigt wurde, verbessern kann. Der Wirkstoff konnte als vom Apotheker konfektionierte Substanz verordnet werden – allerdings nur off label, die Krankenkasse zahlte nicht dafür. Mit Fampridin liegt 4-Aminopyridin in retardierter Form vor – der Wirkstoff wird verzögert und gleichmäßig freigesetzt. Aufgrund der Zulassung zahlt auch die Krankenkasse.

Sativex® wird zurzeit in Studien auch auf eine mögliche Verbesserung kognitiver Störungen geprüft.

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Die häufigsten MS-bedingten Sehstörungen haben im Wesentlichen zwei verschiedene Ursachen:

  1. Eine Sehnerv-Entzündung (Optikus-Neuritis) äußert sich in Verminderung der Sehschärfe bis hin zum vollständigen Sehverlust (nach wiederholten Entzündungen), verschwommenem Sehen, veränderter Farbwahrnehmung, Gesichtsfeldausfällen (unregelmäßig verteilte Flecken auf dem wahrgenommenen Bild), Schmerzen des betroffenen Auges.
  2. Entzündungen an anderen Stellen der Hirnnerven können dazu führen, dass Bewegungen der Augäpfel nicht mehr richtig gesteuert werden. Die vielfältigen Augenbewegungsstörungen äußern sich zum Beispiel in Doppelbildern, Verschwommensehen, Gleichgewichtsstörungen, meist aber Augenzittern (Nystagmus). Solche ruckartigen Augenbewegungen können trotz normaler Sehschärfe zu Scheinbewegungen der Umwelt („Oszillopsien“) führen und damit zum Beispiel das Lesen oder Fernsehen extrem erschweren.

Sehleistungsstörungen sind bei rund einem Drittel der MS-Erkrankten das Erstsymptom (Deutsches MS-Register).

Therapieziele

Verbesserung der Sehkraft bei Sehnerv-Entzündung. Verminderung der Doppelbilder und des Verschwommensehens bei Augenbewegungsstörungen.

Nicht-medikamentöse Therapie

Treten Sehstörungen im Zusammenhang mit Wärmebelastung (Uhthoff-Phänomen) oder körperlicher Belastung auf, können Verhaltensänderungen, die zur Abkühlung beitragen, zur Besserung führen.

Medikamentöse Therapie

Optikus-Neuritis: Eine akute Sehnerv-Entzündung zeigt einen Schub an; sie wird deshalb wie ein Schub mit Kortison-Infusionen behandelt (Eskalationsmöglichkeiten, siehe Schub). Besteht eine erhöhte Empfindlichkeit, kann das Tragen einer Sonnenbrille hilfreich sein.

Augenbewegungsstörungen: Akut im Rahmen eines Schubs auftretende Augenbewegungsstörungen werden ebenfalls wie ein Schub behandelt.

Fortbestehende Augenbewegungsstörungen können – je nach Art – mit Medikamenten behandelt werden (off-label-use). Dies ist jedoch nicht immer erfolgreich. Zu den Wirkstoffen zählen Gabapentin und Memantine sowie Baclofen.

Verabreichungsform

Gabapentin (Gabax®, Neurontin®): Tabletten, tägliche Dosis beginnend mit 300 mg, Steigerung bis 1800-3000 mg.
Memantine (Ebixa®, Axura®): Tabletten, Lösung zum Einnehmen), tägliche Dosis 40-60 mg in mehreren Einzelgaben.
Baclofen (Lioresal®): Tabletten, tägliche Dosis 3 x 5 mg bis 4 x 30 mg

Gegenanzeigen

Baclofen: schwere Beeinträchtigung der Nierenfunktion, Epilepsien oder andere Anfallsleiden.

Wirkweise

Gabapentin: Der Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt; angenommen wird, dass Gabapentin die Erregungsleitung von Nervenzellen hemmt.
Memantine, zur Behandlung der Alzheimer-Demenz zugelassen, hemmt im Gehirn schädliche Wirkungen des Botenstoffs Glutamat.
Baclofen, üblicherweise zur Behandlung der Spastik eingesetzt, senkt den Muskelwiderstand.

Nebenwirkungen

Gabapentin: Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, Nervosität, Schlaflosigkeit.
Memantine: Schwindel, Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Verstopfung. Memantine schwächt die Wirkung von Neuroleptika und Schlafmitteln, verstärkt die Wirkung von Anticholinergika, die zum Besipiel zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels eingesetzt werden (siehe Blasenstörungen).
Baclofen verstärkt die Müdigkeit und senkt allgemein die Muskelspannung, sodass sich die Stand- und Gangfähigkeit bzw. die Rumpfstabilität verschlechtern kann.

Wichtig

Eine akute Sehverschlechterung muss umgehend durch einen Augenarzt und einen Neurologen abgeklärt werden. Sie kann auch andere Ursachen als die MS haben.
Ursache vorübergehender Sehverschlechterungen oder Augenbewegungsstörungen kann auch das Uhthoff-Phänomen sein.

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

MS-bedingte Sprechstörungen beruhen auf der gestörten Koordination der verschiedenen zum Sprechen benötigten Muskeln und Organe. Sie reichen von „kaum wahrnehmbar“ bis zur kompletten Unverständlichkeit. Gekennzeichnet sind sie durch gestörte Regelung der Lautstärke, Tonhöhe und Sprechgeschwindigkeit, eine raue Stimme oder Artikulations- und Betonungsschwierigkeiten. Ist nur die Artikulation – also die Bildung von Sprechlauten – gestört, spricht man von Dysarthrie, sind auch Stimme und Atmung betroffen, von Dysarthrophonie.
Sprechstörungen treten in den frühen Phasen der MS selten auf, werden aber im späteren Verlauf häufiger. Sie sind öfter kombiniert mit Schluckstörungen und Ataxie.

Therapieziele

Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit und gegebenenfalls der Atmungskoordination. Vermeidung einer möglichen sozialen Isolation.

Nicht-medikamentöse Therapie

Sprechstörungen werden logopädisch behandelt, indem Verhaltensänderungen trainiert werden. Dazu zählen Übungen zur Steuerung der Sprechgeschwindigkeit und Stimmlage, zur Verwendung kurzer Sätze, zur Sprechgeschwindigkeit und zur Körperhaltung. Dies kann unterstützt werden durch instrumentelle Hilfen (Metronom) und Biofeedback-Verfahren.

Da Hektik, Stress und Anspannung Sprechstörungen verstärken, können Entspannungstechniken hilfreich sein.

Bei extremen Sprechstörungen kann die nonverbale Kommunikation durch Mimik und Gesten trainiert werden. Außerdem können Hilfsmittel eingesetzt werden – angefangen von einfachen Buchstaben- und Bildtafeln bis zu hochkomplexen Computern mit Sprachausgabe.

Medikamentöse Therapie

Medikamente sind nicht hilfreich.

Wissenswertes

Medikamente zur Spastik-Behandlung können eine Dysarthrie verstärken. Unter Umständen tritt eine Besserung ein, wenn diese reduziert werden können.

Wichtig

Im Gegensatz zu einer Sprachstörung sind Wortschatz und Sprachverständnis bei einer Sprechstörung nicht beeinträchtigt.

Sexuelle Störungen kommen bei MS oft vor, wobei Männer häufiger betroffen sind als Frauen. Sie können eine direkte Folge der MS sein – Ursache sind meist Schädigungen des Rückenmarks – oder aber sekundär auftreten als Folge anderer MS-Symptome (zum Beispiel Spastik, Muskelschwäche, Fatigue, Blasenstörungen). Psychische Probleme und Partnerschaftskonflikte aufgrund der MS belasten zusätzlich.
Männer leiden in der Regel unter der sogenannten erektilen Dysfunktion, der nicht ausreichenden Steifheit des Penis. Auch die Ejakulationsfähigkeit kann herabgesetzt sein.
Frauen klagen oft über Empfindungsstörungen und Schmerzen im Genitalbereich.

Therapieziele

Ein erfülltes Sexualleben und damit eine Steigerung des Selbstbewusstseins und der Lebensfreude.

Nicht-medikamentöse Therapie

Gesprächs- und Paartherapien, um partnerschaftliche Konflikte zu lösen, falsche Erwartungen zu korrigieren, Ängste abzubauen.

Medikamentöse Therapie

Regelmäßig eingenommene Medikamente, die sexuelle Funktionen negativ beeinflussen (darunter zum Beispiel Psychopharmaka, blutdrucksenkende Mittel) können überprüft und eventuell ausgetauscht werden.
MS-Symptome, die eine erfüllte Sexualität behindern – zum Beispiel Spastik und Blasenstörungen – müssen konsequent behandelt werden.
Bei Empfindungsstörungen von Frauen kann ein Behandlungsversuch mit einem Hormonpräparat (zum Beispiel Tibolon, Handelsname Liviella®) gemacht werden.
Die erektile Dysfunktion wird mit Phosphodiesterase-Hemmern behandelt. Dazu zählen die Wirkstoffe Sildenafil (Viagra®), Vardenafil (Levitra®) und Tadalafil (Cialis®). Tadalafil wirkt verzögert, aber kann bis zu 48 Stunden die Wirkung aufrechterhalten. Bei psychisch bedingter erektiler Dysfunktion kann Yohimbin (zum Beispiel Yocon-Glenwood®, Yohimbin) versucht werden.

Verabreichungsform

Tibolon: Tabletten.
Phosphodiesterase-Hemmer: Tabletten.
Yohimbin: Tabletten.

Gegenanzeigen

Tibolon: Überempfindlichkeit gegen Östrogene oder Gestagene, Lebererkrankungen, Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln in venösen Blutgefäßen, Störungen der Blutgerinnung, Lungenembolie, arterielle Durchblutungsstörungen, vorangegangene Schlaganfälle oder Herzinfarkte. Wichtig: Darf nicht während der Schwangerschaft angewandt werden.
Phosphodiesterase-Hemmer: Erkrankung der Herzkranzgefäße, frische Herz- und Hirninfarkte, Einnahme bestimmter Herzmittel.
Yohimbin: ausgeprägt niedriger Blutdruck, alle Erkrankungen, bei denen ein plötzlicher Blutdruckabfall oder eine Herzschlagbeschleunigung gefährlich sind.

Wirkweise

Tibolon ist ein künstlich hergestellter Abkömmling des Hormons Testosteron, der einen Mangel an Sexualhormonen ausgleichen soll.
Phosphodiesterase-Hemmer fördern die Durchblutung der Schwellkörper des Penis, so dass eine Erektion entstehen kann.
Yohimbin wird aus der getrockneten Rinde des tropischen Baumes Pausinystalis johimbe gewonnen und wirkt auf das vegetative Nervensystem. Die genaue Wirkweise gegen erektile Dysfunktion ist nicht erforscht.

Nebenwirkungen

Tibolon: vaginale Blutungen, Ausfluss, Unterleibsschmerzen, Gewichtszunahme, Spannungsgefühl in der Brust, Juckreiz im Genitalbereich, Scheidenentzündungen, Zunahme der Körperbehaarung.
Phosphodiesterase-Hemmer: Kopfschmerzen, Gesichtsrötung, trockene Nase, Sehstörung, Schwindel, Verdauungsstörung.
Yohimbin: Übelkeit, Appetitlosigkeit, Durchfall.

Wichtig

Tibolon: Während der Einnahme des Medikaments sind regelmäßige Untersuchungen beim Frauenarzt notwendig. Bei Brustkrebs in der Vorgeschichte oder Verdacht auf Brustkrebs darf das Medikment nicht angewendet werden.
Yohimbin kann die Wirkung von blutdrucksenkenden Substanzen abschwächen und die Wirkung von Antidepressiva verstärken.

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Das Schlucken von fester Nahrung und Flüssigkeit ist ein hochkomplexer Vorgang, an dem 25 Muskeln beteiligt sind. MS-Herde im ZNS können einzelne oder mehrere Phasen des komplizierten Schluckablaufs stören. Dies äußert sich zum Beispiel in wiederkehrendem Husten- und Erstickungsfällen während des Essens und Trinkens, im Zurückfließen von Nahrung in die Nase, vermehrtem Speichelfluss, einer feuchten „gurgelnden“ Stimme nach dem Essen oder einem Fremdkörpergefühl nach dem Schlucken.

Schluckstörungen führen zu Mangelernährung und verringertem Flüssigkeitsgehalt des Körpers. Sie bergen das Risiko von Lungenentzündungen, da wiederholt – eventuell unbemerkt – Essen, Flüssigkeit und Speichel in die Lunge gelangen können. Schluckstörungen bedeuten einen erheblichen Verlust an Lebensqualität.

Therapieziele

Regelmäßige, ausreichende Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. Vermeidung des Verschluckens von Nahrung in die Lunge und von Mangelernährung. Verbesserung oder Erhalt der Lebensqualität.

Nicht-medikamentöse Therapie

Da Schluckstörungen in unterschiedlichsten Formen auftreten, steht eine genaue Diagnose am Anfang der Schlucktherapie, die von HNO-Ärzten oder darauf spezialisierten Logopäden durchgeführt wird. Zur Therapie kommen aktive Übungen und passive Methoden wie Funktionstraining von Zunge und Lippen, Stimulationen von Mund und Zunge, Kältereiz zur Auslösung des Schluckreflexes, Stimm-, Sprech- und Atemübungen zum Einsatz.

Des Weiteren hilfreich sind Verhaltensmaßnahmen: zum Beispiel aufrechte Sitzposition und Kopfhaltung, gezieltes Schlucken mit Nachräuspern und Nachschlucken, die Aufnahme der Nahrung in der am besten zu schluckenden Form (zum Beispiel Brei) oder der Einsatz von Ess- und Trinkhilfen.

Erst in schweren Fällen, bei Mangelernährung und wenn immer wieder Nahrung in die Lunge gerät, muss eine kleine Magensonde (PEG) durch die Bauchdecke angelegt werden. Dies geschieht im Rahmen einer Magenspiegelung mit örtlicher Betäubung. Wichtig: Die PEG (perkutane endoskopische Gastrotomie) muss nicht endgültig sein! Sie kann schnell wieder entfernt werden, wenn sich die Schluckstörung bessert.

Medikamentöse Therapie

Medikamente spielen in der Schlucktherapie kaum eine Rolle. Bei ausgeprägtem Speichelfluss können Medikamente mit anticholinerger Wirkung, zum Beispiel Amitriptylin (Saroten® retard), eingesetzt werden. Eventuell ist auch die Injektion von Botulinumtoxin (Dysport®) in die Speicheldrüsen möglich.

Verabreichungsform

Amitriptylin (Saroten® retard): Tabletten, tägliche Dosis 25-100 mg.

Botulinumtoxin (Dysport®): Injektion.

Gegenanzeigen

Amitriptylin darf nicht gleichzeitig mit MAO-Hemmern genommen werden.

Wirkweise

Amitriptylin unterbricht Nervenreize, die unter anderem zur Sekretionssteigerung von Drüsen führen.

Botulinumtoxin: Das Mittel blockiert die Acetylcholin-vermittelte Erregungsübertragung von den Nerven auf die Muskeln, indem es die Freisetzung von Acetylcholin verhindert.

Nebenwirkungen

Amitriptylin (Saroten® retard): Mundtrockenheit, kognitive Beeinträchtigungen, Blasenentleerungsstörungen.

Botulinumtoxin (Dysport®): Schmerzen an der Einstichstelle.

Entgegen der landläufigen Meinung, dass Schmerzen bei der MS nicht vorkommen würden, können diese in erheblichem Maße die Lebensqualität beeinträchtigen. Schmerzen können auftreten als:

  • direkte Folge der MS (akute Sehnerv-Entzündung – Optikusneuritis), anfallsartige Schmerzen wie bei der Trigeminusneuralgie, tonischen Hirnstammanfällen oder dem Lhermitte-Zeichen, schmerzhafte Missempfindungen oder sogenannte pseudoradikuläre Schmerzen)
  • indirekte Folge durch MS-Symptome, zum Beispiel schmerzhafte Spastik, Fehlhaltung, Verkürzung von Muskeln, Sehnen und Bändern, Druckläsionen und Wundliegen.

Daneben kann beispielsweise die Interferon-Therapie Gliederschmerzen verursachen.
Selbstverständlich können Schmerzen auch unabhängig von der MS auftreten.

Therapieziel

Weitgehende Linderung der Schmerzen, um die Beeinträchtigungen der Beweglichkeit und Leistungsfähigkeit zu verringern.

Therapie

Je nach Ursache der Schmerzen kommen unterschiedliche medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen zum Einsatz. Deshalb ist die genaue Kenntnis der Schmerzursache wichtig.

  • Paroxysmale (anfallsartige) Schmerzen sprechen in der Regel gut auf Antiepileptika wie Carbamazepin (unter anderem Finlepsin®, Sirtal®, Tegretal®, Timonil®), Gabapentin (Gabax®, Neurontin®) oder Pregabalin (Lyrica®) an.
  • Chronische schmerzhafte Missempfindungen werden dagegen mit Amitriptylin (Saroten®) oder auch Antiepileptika behandelt.
  • Bei Gelenk-, Muskel- und Wirbelsäulenschmerzen sollten bevorzugt physiotherapeutische Maßnahmen eingesetzt werden, unterstützt von entzündungshemmenden Medikamenten (nicht-steroidale Antiphlogistika, zum Beispiel Diclofenac, Handelsnamen unter anderem Voltaren®, Diclac®).
  • Die Nebenwirkungen der Interferon-Therapie können oftmals gut durch Ibuprofen behoben werden.

Verabreichungsform

Alle Medikamente gibt es als Tablette; die Dosierung ist individuell. Diclofenac ist auch als Salbe/Gel zum Einreiben der Gelenke sowie als Zäpfchen erhältlich. Ibuprofen wird auch als Salbe/Gel, Zäpfchen und als Granulat zum Auflösen in Wasser angeboten.

Gegenanzeigen

Diclofenac darf nicht verwendet werden bei Asthma, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, während der Schwangerschaft.
Carbamazepin sollte in der Schwangerschaft nicht genommen werden.
Pregabalin sollte in der Schwangerschaft nicht angewendet werden.
Amitriptylin darf nicht genommen werden, wenn die vollständige Entleerung der Harnblase nicht möglich ist. In der Schwangerschaft und Stillzeit sollte darauf verzichtet werden.

Wirkweise

Diclofenac und Ibuprofen unterbinden beziehungsweise hemmen die Entstehung bestimmter Gewebshormone, die für Schmerz verantwortlich sind.
Carbamazepin: Der Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt; angenommen wird, dass Carbamazepin auf die Leitfähigkeit der Axone von Nervenzellen einwirkt.
Gabapentin: Der Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt; angenommen wird, dass Gabapentin die Erregungsleitung von Nervenzellen hemmt.
Pregabalin normalisiert im Zentralen Nervensystem die Freisetzung von sogenannten Neurotransmittern (biochemische Stoffe, die die Reizweiterleitung von Nervenzelle zu Nervenzelle beeinflussen).
Amitriptylin ist ein Antidepressivum, dessen Wirkweise nicht genau geklärt ist; angenommen wird, dass es für ein Gleichgewicht verschiedener Botenstoffe im Gehirn sorgt.

Nebenwirkungen

Diclofenac: Magen- und Darmbeschwerden, Störungen bei der Blutbildung, Schwindel, Müdigkeit, Erhöhung der Leberwerte.
Ibuprofen: Magen-Darmbeschwerden.
Carbamazepin: Benommenheit, Schwindel, Doppelbilder. Die Wirkung der Antibabypille wird aufgehoben.
Gabapentin: Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, Nervosität, Schlaflosigkeit.
Pregabalin: Benommenheit, Schläfrigkeit, Gewichtszunahme, Schwindel.
Amitriptylin: Mundtrockenheit, Benommenheit, Müdigkeit, Schwindel, niedriger Blutdruck, erhöhte Pulsfrequenz, Sprachstörungen, Zittern, Verstopfung, Gewichtszunahme.

pseudoradikuläre Schmerzen = unspezifische, örtlich begrenzte Schmerzen im Rücken, die periodisch einseitig in Arm oder Bein ausstrahlen. Der Spinalnerv selbst ist in seiner Funktion nicht beeinträchtigt.

Lhermitte-Zeichen = Nackenbeugezeichen, das bei der MS häufiger vorkommt und beim Vorwärtsneigen des Kopfes zu elektrisierenden, kribbelnden vom Nacken in Arme oder Beine ausstrahlende Mißempfindungen führt.

Trigeminusneuralgie = neuralgiformer Gesichtsschmerz vom Nervus trigeminus ausgehend.

idiopathisch: anfallsartige heftigste, blitzartig einschiebende, quälende, sich wiederholende Schmerzen, meist im Gebiet der Wange und der Oberlippe oder des Kinns, der Unterlippe und des Unterkiefers, selten im Gebiet der Stirn und des Auges, meist im Alter, qualvoller Zustand. Keine andere Grunderkrankung, in manchen Fällen liegt eine Gefäßschlinge dem Nerv an und irritiert diesen.

symptomatisch: als Symptom eines meist fassbaren Krankheitsprozesses, länger anhaltend, oft auch brennend, zumeist mit Sensibilitätsstörungen z. B. als Folge eines MS-Herdes

Letzte Aktualisierung: 23.11.2021 11:56

Die zur Beeinflussung des MS-Verlaufs eingesetzten Medikamente können Nebenwirkungen hervorrufen, die im Rahmen einer symptomatischen Therapie behandelt werden.

Therapieziele

Verbesserung der Lebensqualität, Sicherung der Therapietreue (Compliance), Vermeidung von Komplikationen.

Interferon-beta 1-a und 1-b

  • Grippeartige Beschwerden wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen treten vor allem in den ersten drei Monaten der Therapie auf. Sie folgen 3 bis 6 Stunden nach der Injektion. Diese Nebenwirkungen lassen sich verringern durch
    - langsames Eindosieren,
    - Injektion am Abend (um die Reaktion zu verschlafen),
    - Einnahme von Ibuprofen (400 mg) 1 Stunde vor der Injektion und gegebenenfalls 4 bis 8 Stunden nach der Injektion.
  • Bei unter die Haut (subkutan) gespritzten Medikamenten (Betaferon, Extavia, Rebif) kann es zu schmerzhaften Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle, selten zu Nekrosen kommen. Diese Nebenwirkungen lassen sich verringern durch:
    - Erlernen einer korrekten und sterilen Spritztechnik und Einsatz sogenannter Injektomaten,
    - Auswahl einer geeigneten Hautpartie mit ausreichend Fettgewebe,
    - vorherigem Kühlen des Injektionsbereichs.
    - Schmerzen an der Injektionsstelle können gelindert werden durch die Einnahme von 400 mg Ibuprofen oder Einreiben der Haut mit Hydrocortison-Salbe.
    - Bei einer Nekrose sollte erwogen werden, die subkutane Applikation durch eine intramuskuläre zu ersetzen. Die Nekrose heilt unter steriler Wundbehandlung in aller Regel ab.
  • Depressionen können sich unter einer Interferon-beta-Therapie verstärken. (Behandlung siehe Depression.)
  • MS-Symptome, vor allem Spastik, können sich durch die grippeähnlichen Symptome verschlechtern. Oft sind Maßnahmen wie die bei grippeartigen Symptomen wirksam, alternativ kann eine antispastische Therapie begonnen oder gesteigert werden (siehe Spastik).
  • Gelegentlich treten Menstruationsstörungen auf, die sich in Absprache mit dem Gynäkologen unter Umständen durch die Gabe eines Antikonzeptivums (Anti-Baby-Pille) bessern.
  • Eine Blutbildveränderung und eine Erhöhung der Leberwerte treten öfter auf, sind aber meist vorübergehend und brauchen nicht behandelt zu werden. Regelmäßige Kontrollen dienen der Sicherheit, um bei schwerer wiegenden Abweichungen die Interferon-beta-Dosis zu reduzieren. In schweren Fällen muss die Therapie abgesetzt werden, dies ist aber selten erforderlich.

Glatiramerazetat

Das subkutan injizierte Medikament ist in der Regel sehr gut verträglich.

  • Hautreaktionen und Entzündungen an der Einstichstelle treten in milder Form auf. (Behandlung siehe Interferon-beta). Die „Lipoatrophie“ bezeichnet den Schwund von Fettgewebe an der Einstichstelle.
  • Bei einigen Patienten tritt eine ungefährliche, aber bedrohlich wirkende Reaktion auf: Die sogenannte „sofortige Postinjektionsreaktion“ äußert sich in Herzrasen, Atemnot, Druckgefühl und Schweißausbruch. Sie dauert 30 Sekunden bis längstens 30 Minuten und klingt von allein wieder ab. Meist tritt sie bei ein und demselben Patienten nur einmal auf, kann sich aber bei einzelnen Patienten wiederholen.

Azathioprin, Mitoxantron, Cyclophosphamid

Die Therapie mit Immunsuppressiva verursacht regelmäßig Veränderungen des Blutbildes, die zum Teil erwünscht sind, aber auch zu einer Reduzierung der Dosis veranlassen können.

Verlaufmodifizierte Therapie

Schubtherapie

Rehabilitationsverfahren

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