Therapie der sekundär progredienten MS: Zulassung von Tolebrutinib zur Behandlung der SPMS ohne Schübe
Am 19. Juni 2026 hat die Europäische Kommission (EC) Cenrifki® (Tolebrutinib) zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit sekundär progredienter Multipler Sklerose (SPMS) ohne Schübe in den letzten zwei Jahren zugelassen. Mit diesem Wirkstoff wird erstmals ein BTK-Inhibitor (Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor) für die Therapie der MS zur Verfügung stehen. Der DMSG-Bundesverband informiert zusammen mit einem Experten über die wichtigsten medizinischen und zugangsbedingten Aspekte.
Anwendungsgebiet und Patientengruppe
Tolebrutinib ist für die Behandlung Erwachsener mit sekundär progredienter Multipler Sklerose (SPMS), die in den letzten zwei Jahren keine Schübe mehr hatten, zugelassen. Der Wirkstoff ist somit die erste medikamentöse Behandlungsmöglichkeit für SPMS-Patienten ohne Schubaktivität.
Wirkstoff und Wirkmechanismus
Tolebrutinib blockiert ein Enzym namens Bruton-Tyrosinkinase (BTK), das die Funktion von Immunzellen (B-Zellen, Mikroglia und Makrophagen) beeinflusst. Diese spielen eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Entzündungen im zentralen Nervensystem (ZNS) bei MS. Durch die Blockade der BTK reduziert Tolebrutinib die Aktivierung dieser Immunzellen und hemmt somit die Entzündungsaktivität im Gehirn und Rückenmark. Dies führt zu einem verlangsamten Fortschreiten der Behinderung. Der Wirkstoff unterscheidet sich von vielen bereits zugelassenen MS-Therapeutika dadurch, dass er direkt im ZNS wirksam ist. Tolebrutinib und sein aktiver Metabolit M2 sind im Nervenwasser nachweisbar und ermöglichen somit direkt eine Wirkung im ZNS.
Klinische Wirksamkeit
Die Zulassung basiert auf der Studie HERCULES, an der 1.131 Patienten mit SPMS teilnahmen. In dieser randomisierten, placebokontrollierten Studie wurde u.a. die bestätigte Behinderungsprogression nach sechs Monaten von Tolebrutinib gegenüber Placebo gemessen. Ohne Tolebrutinib entwickelten 37 von 100 Studienteilnehmer eine entsprechende Behinderungsprogression, mit Tolebrutinib 27 von 100. Die absolute Reduktion um zehn Patienten bedeutet in Relation gesetzt eine Risikoreduktion der Behinderungsprogression um 31 Prozent. Zusätzlich zeigte sich eine relative Reduktion um 38 Prozent neuer Läsionen im MRT (Magnetresonanztomografie).
Dosierung und Darreichungsform
Tolebrutinib wird als Filmtablette in einer Dosierung von 60 Milligramm (mg) einmal täglich mit einer Mahlzeit eingenommen. Die Mahlzeit verbessert die Aufnahme des Wirkstoffs. Die Behandlung ist durch einen Arzt mit Erfahrung in der Behandlung der MS einzuleiten und zu überwachen.
Wichtige Leberkontrollen und Warnsymptome
Das größte Risiko von Tolebrutinib ist ein Leberschaden, der durch den Wirkstoff selbst verursacht werden kann (arzneimittelbedingter Leberschadens, engl. Drug-Induced Liver Injury = DILI).
Deshalb sind regelmäßige Blutuntersuchungen zur Kontrolle der Leberfunktion zwingend erforderlich:
- vor Therapiebeginn: Baseline-Leberwerte
- erste 12 Wochen: wöchentliche Kontrollen
- Monat 4 bis 12: monatliche Kontrollen
- Monat 12 bis 24: alle 6 Monate
- Nach 24 Monaten: regelmäßige Kontrollen nach klinischer Indikation
Nach einer Behandlungsunterbrechung oder einer Therapiepause von einem Jahr oder länger müssen die wöchentlichen Kontrollen erneut aufgenommen werden.
Es gibt verschiedene Warnsymptome, bei denen Patienten unter der Therapie mit Tolebrutinib sofort ihren Arzt anrufen sollten. Dazu gehören ungewöhnliche Müdigkeit, Übelkeit oder Erbrechen, Bauchschmerzen, Fieber oder Hautausschlag, Appetitlosigkeit, dunkler Urin oder eine Gelbfärbung der Haut oder Augen. Diese Symptome können auf einen Leberschaden hindeuten und erfordern sofortige ärztliche Abklärung.
Nebenwirkungen
Häufige Nebenwirkungen treten bei vielen Patienten auf. Die häufigsten sind COVID-19 (bei etwa 25 von 100 Patienten) und Erkältungen oder Infektionen der oberen Atemwege (bei etwa 17 von 100 Patienten). Andere häufige Nebenwirkungen sind Grippe, Infektionen der Lunge, Blutergüsse und blaue Flecken, Bauchschmerzen, starke Menstruationsblutungen und erhöhte Leberwerte.
Schwerwiegende Nebenwirkungen
Die schwerwiegendsten Nebenwirkungen sind Leberschäden und Infektionen. Bei Leberschäden stiegen die Leberwerte bei vier Prozent der Patienten stark an. Bei 0,3 Prozent gab es ernsthafte Leberschäden. Ein Patient benötigte eine Lebertransplantation und starb später an Komplikationen. Bei den meisten Patienten normalisierten sich die Leberwerte nach Therapieabbruch wieder. Infektionen traten bei 54 Prozent der Patienten auf, bei fünf Prozent waren die Infektionen schwerwiegend. Es gab auch einen Todesfall durch eine Lungenentzündung.
Kontraindikationen und besondere Vorsichtsmaßnahmen
Tolebrutinib ist nicht geeignet für Menschen mit mittelschweren oder schweren Leberproblemen oder mit abnormalen Leberwerten vor Therapiestart. Auch Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem (beispielsweise fortgeschrittenes AIDS) oder einer Allergie gegen einen Bestandteil des Medikaments dürfen Tolebrutinib nicht einnehmen.
Besondere Hinweise:
Um Leberschäden zu vermeiden, sollten Patienten keine Johanniskraut-Präparate oder Nahrungsergänzungsmittel nehmen und andere leberschädigende Medikamente vermeiden. Das ist besonders in den ersten zwölf Wochen wichtig. Um Infektionen zu vermeiden, müssen aktive Infektionen vor Therapiestart auskuriert sein. Lebendimpfstoffe sind während der Therapie nicht erlaubt. Totimpfstoffe sollten vor Therapiestart verabreicht werden. Bei Blutungsereignissen muss man Vorsicht walten lassen bei Blutverdünnern wie Warfarin® oder Aspirin®. Bei Operationen sollte die Medikamenteneinnahme drei bis sieben Tage vor und nach der Operation unterbrochen werden.
Therapieanpassung bei erhöhten Leberwerten
Wenn die Leberwerte leicht erhöht sind, wird die Therapie unterbrochen und der Arzt macht alle zwei bis drei Tage Bluttests. Wenn die Werte besser werden, werden die Tests wöchentlich durchgeführt. Dann kann die Therapie wieder starten. Wenn die Leberwerte stark erhöht sind, wird die Therapie sofort abgesetzt. Der Arzt sucht nach anderen Ursachen. Gibt es andere Gründe für die Leberwerterhöhung, kann die Therapie später nochmal versucht werden. Wenn keine andere Ursache gefunden wird, muss das Medikament dauerhaft abgesetzt werden.
Schulungsmaßnahmen und Risikominderung
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) beauflagt Informationen für Ärzte zum Risiko der Leberschäden, Überwachung und Betreuung. Jeder Patient bekommt einen Leitfaden und eine Karte, die er immer mitführen soll. Die Karte erklärt die Warnsymptome und hat die Kontaktdaten des Arztes.
Diese Maßnahmen gewährleisten, dass Patienten über Symptome eines Leberschadens aufgeklärt sind und schnell ärztliche Hilfe suchen können.
Voraussetzungen für die Behandlung
Eine Therapie mit Tolebrutinib sollte von spezialisierten Ärzten eingeleitet und überwacht werden, die über Erfahrung in der Diagnose und Behandlung neurologischer Erkrankungen, insbesondere MS, verfügen. Der Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung ist erforderlich, um mögliche schwerwiegende Nebenwirkungen (insbesondere DILI und Infektionen) adäquat zu behandeln.
Tolebrutinib ist mit der Zulassung nun auf behördlicher Ebene im Rahmen des Anwendungsgebietes (s.o.) europaweit erlaubt. Ab wann Tolebrutinib im deutschen Gesundheitssystem aber als Therapieoption zur Verfügung steht, hängt derzeit noch von der Entscheidung des Herstellers für den Markteintritt ab. Bisher liegen dazu beim DMSG-Bundesverband keine offiziellen Angaben vor.
Zulassungsbegründung
Die EMA bestätigte mit ihrer Zulassungsempfehlung Ende April 2026, dass der Nutzen bei einer Risiko-Nutzen-Abwägung überwiegt. Gründe dafür sind u.a. die Deckung einer Lücke an Therapieoptionen für progressive Verlaufsformen (unerfüllter medizinischer Bedarf = unmet medical need) und die nachweislich verlangsamte Behinderungsprogression. Das Hauptrisiko der Leberschäden sei durch intensive Überwachung mit Bluttests früh zu erkennen und zu steuern. Die EC folgte der EMA-Empfehlung mit Ihrer Zulassung.
Zusammenfassung:
Tolebrutinib (Cenrifki®) ist ein neues Medikament gegen sekundär-progrediente Multiple Sklerose ohne Schübe (SPMS). Es wird als 60 mg-Tablette einmal täglich mit einer Mahlzeit eingenommen. Das Medikament reduziert die Behinderungsprogression nach sechs Monaten um etwa 31 Prozent. Das Hauptrisiko ist ein Leberschaden, deshalb sind wöchentliche Bluttests in den ersten zwölf Wochen notwendig. Die häufigsten Nebenwirkungen sind COVID-19 und Atemwegsinfektionen. Das Medikament ist für SPMS-Patienten ohne Schübe in den letzten zwei Jahren gedacht. Menschen mit schweren Leberproblemen oder geschwächtem Immunsystem dürfen das Medikament nicht nehmen. Der Zeitpunkt ab wann der Hersteller die Therapieoption Tolebrutinib (Cenrifki®) in Deutschland zur Verfügung stellen wird, ist gegenwärtig unbekannt.

,,Mit Tolebrutinib steht erstmals eine wichtige neue Therapieoption für Patientinnen und Patienten mit nicht-schubförmiger sekundär chronisch progredienter MS (nrSPMS) zur Verfügung. Besonders relevant ist der klinisch bedeutsame Effekt auf die Behinderungsprogression sowie der neuartige, Immunzellen im Zentralnervensystem beeinflussende Mechanismus. Wichtig ist bei der Anwendung eine konsequente Überwachung der Leberwerte insbesondere in den ersten 12 Wochen, da es zu einem Anstieg der Leberwerte kommen kann, der frühzeitig erkannt und entsprechend gemanagt werden muss."
Quellen:
EC, Europäische Kommission - 22.06.2026
- Tolebrutinib (Cenrifki®): Union Register of medicinal products - Public health - European Commission (22.06.2026)
EMA, Europäische Arzneimittel-Agentur - 25.06.2026
Medicine overview: Cenrifki, INN-tolebrutinib
EPAR (European public assessment report):
Redaktion: DMSG-Bundesverband - 6. Juli 2026

